Unterschiede und Ähnlichkeiten

„Wo ist der Unterschied zwischen unseren Familien in Afrika und Familien in entwickelten Ländern?“, fragt ein Sprecher aus Afrika bei der Eröffnung der FCEI. In Nigeria sei Frühintervention ganz anders als in Österreich, erklärt Bolajoko O. Olusanya, PhD, bei ihrem Vortrag auf der Konferenz der FCEI.

Familienzentrierte Frühintervention berücksichtigt die Situation der gesamten Familie. Neben der Kernfamilie wüchsen Kinder in Nigeria in umfassenden Beziehungen auf: So lebten in einer Kommune mit gemeinsamer Küche etwa acht Familien miteinander. Großeltern, Tanten und Onkeln zählten zur erweiterten Familie, neben der Kommune wichtige Bezugspersonen für die Kinder.

Recht und Pflicht

„Wir haben eine patriarchalische Gesellschaftsform in Nigeria. Das bedeutet, dass der Mann alles nimmt und die Frau alles gibt“ – die Spitze wird mit allgemeinem Gelächter quittiert. Mädchen und Frauen hätten in Nigeria kaum Rechte – beispielsweise der Schulbesuch werde nicht allen Mädchen ermöglicht. In einem Land, in dem sogar der Hörtest bei Neugeborenen selbst bezahlt werden muss, sei die Bezahlung von Fördermaßnahmen für arme Familien auch für einen Sohn nicht leistbar.

Die Ehefrau stehe in der Familienhierarchie ganz unten. „Nur Bedienstete haben weniger Rechte.“ Die Großmutter väterlicherseits entscheide über die Kinder, die Mutter sei aber für deren Erziehung und Gesundheit verantwortlich.

Die Scham der Behinderung

„Ein behindertes Kind ist ein böses Omen für die ganze Familie“, erklärt die Akademikerin die gesellschaftliche Einstellung in Nigeria, und „mangelnder Glaube ist die Ursache, wenn Heilung ausbleibt“. Die Schuld an einer Behinderung werde meist der Mutter gegeben. Das Kind werde oft völlig isoliert. Manche Familien verstießen sogar Mutter und Kind, um gesellschaftlichen Stigmata zu entgehen. Es sei also nicht weiter verwunderlich, dass viele Mütter die Gehörlosigkeit ihres Kindes nicht wahrhaben oder verstecken wollten. Hörgeräte oder Therapie würden ein normal aussehendes Kind als behindert ausweisen…

Die Frühförderung versuche die Familie zu unterstützen, mit der Gesamtsituation zurecht zu kommen. „Low lying fruits“, seien die Zielsetzungen dabei, bescheidene Ziele, und die Ungleichheit der Menschen im Entwicklungsland Nigeria die größte Herausforderung.