Post aus aller Welt

Liebe LeserInnen,

So wie Österreich ist auch Deutschland eines der Mutterländer des Cochleaimplantats. Etwa zeitgleich mit dem Forscherehepaar Hochmair entwickelte Prof. Paul Banfai gemeinsam mit Prof. Fritz Wustrow, Ing. Günter Hortmann und dem Anatomen Prof. Stefan Kubik das sogenannte Hortmann Cochleaimplantat-System, das im Rahmen eines Forschungsprojektes der Universität Köln (heutiger Vorstand: Prof. Hüttenbrink) an der HNO Abteilung des Marienhospitals in Düren Mitte der 1970er Jahre erstmals Verwendung fand. Im Jahre 1984 (Jahr des George Orwell Romans) waren bereits 85 deutsche Patienten damit versorgt. Das waren schon mehr Patienten, als zu diesem Zeitpunkt in Wien implantiert waren. Die ersten deutschen Ergebnisse wurden bereits 1978 im "HNO " Journal publiziert.

Zu diesem Zeitpunkt wurden jedoch in Wien die Patienten bereits mit einem moderneren mehrkanaligen Cochleaimplantat versorgt, das noch dazu die Information und die Energie durch die intakte Haut sendete.

Steckersysteme und perkutane Systeme mit einem Stecker (wie früher bei BAHA) durch die Haut, waren damit Geschichte. Das Hortmann-System und das damit verwandte Symbion/InnerAid System (Steckerverbindung durch die Haut mittels Schraube) verloren an Bedeutung und verschwanden sehr bald. Der Siegeszug der transkutanen Sender der Firma Cochlear Corporation (1979-1980 mit Hilfe der australischen Regierung erste gegründete Cochleaimplantat Firma) und der Österreichischen Firma MED-EL (privat gegründet 1988 in Wien) begann. Seit den 1980er Jahren waren alle Implantate mit transkutaner Sendespule und im Kopf verankerten Empfänger ausgerüstet.

Prof. Banfai gründete die Internationale Cochlea Implantat Konferenz und die allererste fand im Jahr 1987 in Düren statt. Damals noch mit nicht einmal 50 Teilnehmern, zumeist Ärzte und Ingenieure. 1993 war Prof. Erwin Hochmair in Innsbruck und 2006 Prof. Baumgartner in Wien Gastgeber und Veranstalter dieser Konferenzserie. (Alle Kongresse siehe: http://implantsaustria.jimdo.com/baumgartner/conferences/)

Im August 1984 erfolgte durch Prof. Ernst Lehnhardt (auch ich selbst war bei ihm zum CI Training und er hier bei uns an der Wiener Klinik) die erste Cochleaimplantation an der Medizinischen Hochschule Hannover. Prof. Lehnhardt war zwei Jahre zuvor bei Prof. Kurt Burian an der Wiener HNO Klinik, um sich das Wiener Cochleaimplantat zeigen zu lassen (MED-EL gab es damals ja noch nicht). Die persönliche Chemie zwischen den beiden Alpha-Menschen funktionierte aber nicht. Der etwas ältere Prof. Burian meinte "Cochleaimplantation sei etwas für richtige Chirurgen und Ernst Lehnhardt sei ja nur Audiologe, der nun auch operieren lernen will". Damit war die Zusammenarbeit auf ewig beendet und Prof. Lehnhardt orientierte sich nach Australien zu Graeme Clark in Melbourne und Cochlea Corporation mit dem Nucleus Implantat. Wer weiß, wie die Geschichte heute wäre, hätten sich die beiden großen HNO Ärzte gut miteinander verstanden. Prof. Lehnhardt gründete dann im Jahre 1990 weltweit das erste Cochleaimplantat-Zentrum.

Auch in der damaligen DDR wurden sozusagen selbstgemachte Cochleaimplantate gebaut. Aufgrund des Westembargos bezüglich Technologietransfer waren die ostdeutschen Kollegen auf ihren eigenen Erfindergeist angewiesen. Prof. Hans-Jürgen Gerhardt und sein Team bauten in Ostberlin eigene Einkanal-Cochleaimplantate, die auch brauchbar funktionierten. Nach dem Mauerfall und der Wende 1989 fanden dann in den neuen Bundesländern und Berlin zumeist die österreichischen MED-EL Implantate Verwendung. Ich selbst habe Prof. Gerhardt in den 1990er Jahren auf vielen Wanderungen in Tirol begleitet und persönlich kennen und schätzen gelernt.

Heute im Jahr 2016 werden Cochleaimplantationen an zumindest 200 deutschen Krankenhäusern und Kliniken vorgenommen. Etwa 4000 Implantationen erfolgen pro Jahr. USA, China und Deutschland liegen bezüglich Implantatanzahl sozusagen jährlich Kopf an Kopf.

Ich selbst habe an der HNO Univ. Klinik Marburg unter dem damaligen Klinikdirektor und Vorstand Prof. Jochen Werner die ersten Cochleaimplantate und Vibrant Soundbridge Implantationen der dortigen Klinik gemeinsam mit Prof. Georg Sprinzl vorgenommen. Prof. Sprinzl war damals 1. Oberarzt in Marburg und wir haben beschlossen, dass da natürlich Cochleaimplantationen nicht fehlen dürfen. Prof. Werner hat dies optimal unterstützt. Prof. Sprinzl ist inzwischen Primarius in St. Pölten und der ehemalige HNO Direktor ist heute ärztlicher Gesamtdirektor des Klinikums Essen, und cochleaimplantiert wird in Marburg immer noch.

Seit 2011 bin ich auch in Heidelberg tätig und unterstütze das dortige Implantatprogramm mit CI-, VSB- oder Bonebridgeeingriffen, vor allem bei Spezialfällen. Meine Ehefrau Dr. Alexandra Jappel ist HNO Ärztin und Implantatprogramm-Koordinatorin der HNO Univ. Klinik Heidelberg und so habe ich seit über fünf Jahren auch einen dritten Wohnsitz, neben Stockholm und Wien, in Heidelberg.

An der dortigen HNO Univ.Klinik werden nun über 100 Cochleaimplantate pro Jahr erfolgreich implantiert. Seit heuer besteht in Heidelberg ein Cochleaimplantat-Zentrum und REHA Zentrum, das von Hr. Prof. Mark Praetorius geleitet wird. HNO-Klinikdirektor Prof. Peter Plinkert hat alle Voraussetzungen geschaffen, dass dies ein extrem erfolgreiches Projekt wurde, das von allen Seiten sehr gut aufgenommen wird.

Bezogen auf die Einwohnerzahl haben Deutschland und Österreich dieselbe Anzahl von CI-Trägern / Million Einwohner.

So wünsche ich Ihnen nun alles Gute, diesmal aus dem schönen Heidelberg
Ihr
Univ. Prof. Wolf-Dieter Baumgartner, MBA