Ubuntu – respektvolles Miteinander

„Wir haben alle einen Traum für unsere Kinder, unabhängig von der Sprache, dem Herkunftsland, der Kultur und eventuellen weiteren Beeinträchtigungen“, bringt es FCEI-Vorstand Christine Yoshinaga-Itano auf den Punkt. Der dritte FCEI-Kongress von 15. bis 17. Juni 2016 in Bad Ischl sollte jene zusammen bringen, die wissen könnten, wie man den betroffenen Familien bei der Erreichung dieses Traums helfen kann.

Kleinkinder könnten am besten in und von ihrer Familie gefördert und unterstützt werden, so die Idee. Familienzentrierte Frühförderung betrachtet deswegen die Familie beeinträchtigter Kinder in ihrer Gesamtheit. Kongresspräsident Priv.-Doz. Dr. Daniel Holzinger erklärt, das Team der Frühintervention in Linz habe auf dem Weg vom kindzentrierten Ansatz zur familienzentrierten Frühförderung von der Erfahrung der Teams anderer Länder sehr profitiert. Deswegen sei es dem Institut für Sinnes- und Sprachneurologie ein Anliegen, Interessierten Möglichkeit zum Austausch zu bieten.

„Die Betroffenen sind so dankbar“, fasst Kongressveranstalter Prim. Priv.-Doz. Dr. Johannes Fellinger die vielen positivem Rückmeldungen zusammen. Die über 400 Teilnehmer kamen aus 38 Ländern und allen Kontinenten: aus Rumänien und Uganda, aus Amerika, Australien und dem Iran. Der Kongress biete den Teilnehmern Ideen und die Möglichkeit zur Vernetzung. „Es tut sich so viel“, zeigt sich der Vorstand des Instituts für Sinnes- und Sprachneurologie der Barmherzigen Brüder in Linz erfreut. Bereits nächstes Jahr soll wieder ein FCEI-Kongress stattfinden – diesmal im südafrikanischen Johannesburg: Eine Indaba, eine wichtige Konferenz, in respektvollem Miteinander, in der Haltung Ubuntu.

Mit statt für Betroffene

Ungewöhnlich umschreibt wohl den erste Eindruck im Theatersaal, dem größten der fünf Vortragsräume: Auf der Bühne stehen neben dem Vortragenden vier Gebärdendolmetscher. Neben Deutscher und Amerikanischer Gebärde werden Britische und Internationale Gebärde angeboten. Die Projektion der Schriftdolmetscher flackert im Hintergrund. Um die Sesselreihen liegt eine Ringschleife, die den Originalton induktiv anbietet. Im Zuhörerraum sieht man gleichermaßen Induktionsempfänger für Hörbeeinträchtigte und für den Empfang der auditiven Simultanübersetzung Kopfhörer für Normalhörende. Dazwischen sitzen weitere Gebärdensprachdolmetscher mit dem Rücken zum Podium, um für einzelne Zuhörer in weniger gebräuchliche Gebärdensprachen zu übersetzen.

Die Bandbreite der Vortragsthemen reicht von eng umgrenzten Projekten bis zu umfassenden Interventions-Systemen, von Betreuung via Telekommunikation bis zu persönlicher Betreuung unter Einbindung anderer Betroffener, von sozialer Kommunikation und emotionaler Gesundheit bis zur Realisierung von Frühförderprojekten trotz kultureller und finanzieller Hürden in Entwicklungsländern. Gewicht hat die Sichtweise und Mitwirkung aller Beteiligten. Fachleute, Betroffene und Eltern sind nicht nur Teilnehmer, sondern wirken als Vortragende und in der Kongressorganisation aktiv mit.

Thema visuelle Kommunikation

Vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen, dazu ermutigten gleich mehrere Vortragende. Wichtig sei vor allem der Aufbau von Kommunikation. Alle vorhandenen Ressourcen seien dabei zu nutzen. „Eine erste Sprache muss früh erlernt werden“, erklärt die Wissenschaftlerin Bercie Woll aus Großbritannien, und beschreibt multimodalen Spracherwerb, da auch Normalhörende im Alltag Lippen-lesen. Kathleen Vercruysse verkörpert in ihrer Familie die achte Generation Gehörloser und betreut in ihrer Heimat Flandern in Belgien die Familien gehörloser Kinder. Sie fordert, wenn ein Kind in Gebärde erzogen wird, müssten alle Familienmitglieder Gebärde erlernen. Die Linguistin Diana Lillo-Martin PhD gibt aber zu bedenken: „Es ist von Eltern zu viel verlangt Gebärden zu lernen, um zur Brücke zwischen dem gehörlosen Kind und der gesellschaftlichen Kommunikation zu werden.“

Verbindung zum CIA

Völlig unaufgeregt präsentierte Eva Karltorp MD aufregende Ergebnisse des schwedischen Modells zur Cochleaimplantation bei Kindern. Die zurückhaltende Medizinerin ist für das CI-Team am Karolinska-Universitätskrankenhaus in der schwedischen Hauptstadt Stockholm zuständig, dem auch der CIA-Präsidenten Prof. Dr. Wolf-Dieter Baumgartner MBA angehört. Sie weist auf das Ansteigen von CMV-Infektionen in den Industrieländern hin. Es handelt dabei sich um einen Erreger aus der Familie der Herpes-Viren, der bei Infektionen während der Schwangerschaft zur Gehörlosigkeit des Kindes führen kann. Bei Kindern, deren Ertaubung auf CMV, Meningitis oder LVAS (eine Innenohrerkrankung, die Schwerhörigkeit und Schwindel bedingt) zurückzuführen sei, sei neben der Hörproblematik auch mit Gleichgewichtsproblemen zu rechnen: „Das müssen wir wissen, um den Kindern besser helfen zu können.“

Der CIA nahm als österreichische Selbsthilfegruppe beim Kongress teil. Vereinsgründender Obmann Hans Horak war wieder von seinem CI-Audioprozessor begeistert: „Mit dem SONNET habe ich die Gespräche gut verstanden, sogar beim Empfang am ersten Abend mit der Blasmusik im Hintergrund.“ Die bei Übersetzungs-Headsets üblichen Kopfhörer sind mit Hörgeräten oder Audioprozessoren kaum verwendbar. Während der Vorträge nützten daher CIA-Obmann Karl-Heinz Fuchs und Hans Horak die Simultanübersetzung mit einer herkömmlichen Induktionsschleife (T-Mode beim Audioprozessor): „So haben wir die Übersetzung gut verstanden“, obwohl die Ringschleife im Raum zusätzlich den Originalton eingekoppelt habe. Schriftführer Michael Wollrab zeigte sich mit dem Empfang über das vom Veranstalter zur Verfügung gestellte FM-System mit induktiver Kopplung (ebenfalls T-Mode) ebenfalls zufrieden. Über dieses System wurde der, meist englische, Originalton angeboten.

Info-Box:

FCEI steht für Family Centered Early Intervention, zu Deutsch Familienzentrierte Frühförderung und unterstützt die gesamte Familie eines Kindes mit Förderbedarf. Das beinhaltet:

• rasche, für alle Betroffenen leicht verfügbare Unterstützung
• partnerschaftliche Arbeit der Betreuer mit den Familien
• Familien werden befähigt, selbst informierte Entscheidungen für ihr Kind zu treffen
• soziale und emotionale Unterstützung für die Familien
• Interaktion der Familie mit dem betroffenen Kind fördern
• Nutzung von technischen Unterstützungen zur Kommunikation
• Arbeitsqualität des fachlichen Betreuerteams sichern
• kooperatives Teamwork aller beteiligten Fachleute
• validierte Verlaufskontrollen bei den Kindern
• regelmäßige Kontrollen des Förderprogramms hinsichtlich Erfolg und Einhaltung der Richtlinien für FCEI

Informationen und Austausch auf www.fcei.at.
Der FCEI-Kongress fand erstmals 2002 und seither alle zwei Jahre in Bad Ischl statt.