Wenn es um Hörimplantate und Musik geht, dann meist darum, in welchem Maß der ungetrübte Musikgenuss mit dem Implantat stattfinden kann. Die Universitätsklinik St. Pölten verfolgt auch einen anderen Ansatz und bietet seit Mai 2015 auch Musik als Therapie an.


Musiktherapie ist eine kreativitäts- und ausdrucksorientierte Therapiemethode, die unterschiedliche Formen und Techniken beinhaltet. Gemeinsam ist ihnen der gezielte Einsatz musikalischer Mittel in einer therapeutischen Beziehung zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit. Zum Einsatz kommt sie schon lange auf Demenzstationen, Intensivstationen und auch in vielen anderen Bereichen – doch zur Rehabilitation Hörimplantierter wurde sie bisher nur begrenzt genutzt. Dr. Astrid Wolf-Magele ist Oberärztin an der HNO-Abteilung der Universitätsklinik St. Pölten mit Arbeitsschwerpunkt Hörimplantologie. Sie hat Musiktherapie bei den deutschen Kollegen kennen gelernt, die hier eine Vorreiterrolle innehaben: In Freiburg, Tübingen und Heidelberg gehört Musiktherapie schon seit Längerem zum Therapiekonzept nach Cochleaimplantationen. In Heidelberg läuft zurzeit auch eine umfangreiche Studie zu Musiktherapie und CI. Dr. Wolf-Magele ergänzt: „Letztes Jahr im Sommer war der Weltkongress der Musiktherapie an der FH-Krems. Da hat man zum ersten Mal gehört, dass auch andere Länder Musiktherapie mit CI einsetzen“: England und Brasilien stehen da beispielsweise gerade am Anfang.

Situation in Österreich

In Österreich nützt man Rhythmik vor allem für das Hörtraining bei Kindern. Musiktherapie im klassischen Sinn wird für Hörbeeinträchtigte und -implantierte im Bereich Salzburg angeboten und seit März 2015 ist sie auch im Osten unseres Landes an der Universitätsklinik St. Pölten verfügbar. Dort ist die Musiktherapie in ein umfangreiches Konzept eingebettet. Primar Prof. Dr. Georg Matthias Sprinzl erklärt dazu: „Derzeit ist es so, dass wir etwa 160 Hörimplantatversorgungen jährlich durchführen, davon sind etwa 120 mit einem Cochleaimplantat. Das ist natürlich in der Gesamtsumme schon eine beträchtliche Anzahl. Es gibt viele Patienten, die schon nach der ersten Aktivierung sehr gutes Sprachverständnis und einen guten Hörerfolg haben. Es gibt aber auch Patienten, die trotz optimaler Operation und trotz guten chirurgischen Ergebnisses immer noch eine zentrale Hörverarbeitungsproblematik haben und die müssen natürlich speziell trainieren.“ Diese Menschen bräuchten die Möglichkeit zur Rehabilitation, um dann mit diesen modernen, gut funktionierenden Implantaten auch zu den entsprechenden Hörerfolgen zu gelangen. Das Hörimplantationsteam an der Uni-Klinik St. Pölten hätte sich deswegen entschlossen, den Patienten eine solche Rehabilitation anzubieten. „Die Musiktherapie ist ein Bestandteil dieses Konzeptes“, erklärt Primar Sprinzl und gibt seinem Dank dem Land Niederösterreich gegenüber Ausdruck: „Da müssen ja Mittel frei gemacht werden. Wir freuen uns sehr, dass das Land NÖ auch unser Bestreben, die Patienten exzellent zu versorgen, unterstützt, sodass wir eine Rehabilitation möglich machen können. Hier ist die Musiktherapie ein sehr schöner Teil, der auch die ganze Sache abrundet und das Hörergebnis verbessert.“

Am Standort des Universitätsklinikums St. Pölten sind jetzt zwei Musiktherapeutinnen tätig. Eine davon ist in der Neurologie beschäftigt, während Mag. MSc Bianca Wirthner exklusiv in der Rehabilitation Hörimplantierter arbeitet.

Begeisterung für Musik

Die junge Steirerin ist im Grundberuf Musiklehrerin, spielt Klavier und Harfe und hat das Studium der Musiktherapie an der Fachhochschule Krems absolviert. „Mich hat immer interessiert, wie Gehörlose Musik wahrnehmen“, erklärt sie. Also habe sie sich mit der Materie beschäftigt, einen Gebärdenkurs besucht und dort dann zum ersten Mal vom CI gehört, was in weiterer Folge zu Kontakten zur Klinik St. Pölten geführt hat. Kurzentschlossen hat sie ihre Fähigkeiten und Kenntnisse kombiniert und bei einem Praktikum an der Logopädie St. Pölten vervollkommnet. Als Musiklehrerin ist sie auch weiterhin tätig, die Musiktherapie für Hörimplantierte hört sich in ihren Erzählungen fast wie ihr Steckenpferd an. „Das mache ich so nebenbei.“

Zielsetzung

Zum Einsatz kommen einerseits Übungen zum Richtungshören oder zur Hörsensibilisierung, auf der anderen Seite arbeitet Mag. Wirthner mit ihren KlientInnen auf der emotionalen Seite. Der Hörverlust und die damit verbundenen Geschehnisse bringen viele psychische Probleme mit sich. Die Betroffenen und auch ihre Angehörigen haben hier oft einen riesigen Gesprächsbedarf, für den die Musiktherapie auch Raum geben kann. In Kombination mit dem neuronalen Entwicklungsprozess durch die Hörübungen kann die Musiktherapie hier ansetzen. Sie sieht die Musiktherapie als „Krücke“ im Sinn einer Unterstützung am emotional-psychischen Bereich. Das konkrete Ziel muss mit dem Klienten individuell gesetzt werden. Möglich seien sowohl Gruppen- als auch Einzeltherapien, wobei die Gruppentherapie vorwiegend den Charakter eines Hörtrainings habe, während die emotionalen und sozialen Komponenten eher in der Einzeltherapie angesprochen würden. Auch die Angehörigen, die ja mitbetroffen und in ihrem Leben und Erleben mitbeeinträchtigt sind, sind eingeladen, an den Therapieeinheiten teilzuhaben.

Freilich wird für Hörimplantatierte Musikgenuss immer als „Gipfel des Hörerfolgs“ beschrieben und daher zeitlich sehr spät angesetzt. Trotzdem soll mit Musiktherapie schon nach den ersten Kontrollterminen nach der Implantation begonnen werden, denn sie arbeitet nicht vorwiegend mit hochwertiger Musik, wie Dr. Wolf-Magele erklärt, sondern vorwiegend mit Orff-Instrumenten. Musik wird ja auch ganzheitlich, auch mit dem Körper wahrgenommen. Mag. Wirthner beschreibt beispielsweise, wie die Klänge einer Klangschale rezeptiv, körperlich wahrgenommen werden können. Oder Musik wird als Einstieg zum therapeutischen Gespräch genützt. Oft ist aber auch schon die Zeit, sich zu entspannen und auf sich selbst konzentrieren, hilfreich. Im Zug der Therapie wird viel mit der Atmung gearbeitet und auch die Erfahrung, jemand tut mir etwas Gutes und nimmt sich Zeit für mich, ist von therapeutischem Wert.

Auch wenn Musiktherapie der Psyche gut tut, ist sie klar abgegrenzt zu einer psychotherapeutischen Betreuung. „Den großen Unterschied seh‘ ich darin, dass man in der klassischen Psychotherapie oft in die Vergangenheit geht. Wir schauen in der Musiktherapie, was braucht der Mensch jetzt“, umreißt die St. Pöltner Therapeutin.

Keine Vorkenntnisse nötig

Einmal hatte Frau Wirthner bei einer Patientin die Harfe im Therapie-Einsatz. „Sie war so begeistert von dem Instrument, sie hat gesagt, sie muss unbedingt Harfe lernen.“ Aber solche Erlebnisse bilden die Ausnahme. Für die Therapie werden hauptsächlich Instrumente verwendet, die leicht zu bedienen sind: Orff Instrumente oder außereuropäische Instrumente, damit man neue, andere Klänge kennen lernt. Und auch, damit die Angst vor einer eventuell geforderten musikalischen Leistung bei den Patienten gar nicht erst aufkommt. Auch wenn das Fach Musiktherapie nicht nur an den Fachhochschulen für Gesundheitsberufe, sondern auch an der Musikuniversität gelehrt wird, ist es doch eher dem Therapiebereich als der hohen Kunst zuzuordnen. So ersetzt Musiktherapie keinen Instrumentalunterricht oder musikalische Frühförderung für den Patienten. Im Gegenteil ist es Bianca Wirthner besonders wichtig zu betonen: „Es sind überhaupt keine Vorkenntnisse nötig“, und wie um ihren ungezwungenen Zugang zu betonen fügt sie hinzu, sie arbeite auch viel mit der Stimme, „weil die Stimme ja unser Körperinstrument ist.“

Über die im Verlauf der Musiktherapie gehörten Klänge wird dann natürlich auch gesprochen. „Das ist ein positiver Nebeneffekt für die audiologischen Einstellungen, dass die Patienten das differenzierte Verbalisieren lernen: ‚Das klingt dumpf‘ und nicht nur ‚das klingt gut oder schlecht‘.“ Die ungenaue Ausdrucksweise über die Klangempfindungen stelle ihrer Beobachtung nach oft ein Problem beim Einstellen der Implantatsysteme dar. Mag Würthner sieht hier einen Schnittpunkt zwischen der Therapie, der Audiologie und dem Fitting.

Mit diversen Musik-Übungsprogrammen auf Tonträger oder Computer ist das alles freilich nicht zu vergleichen. „Viele CDs sind total super und diese Übungsprogramme sind auch total toll, aber bei der CD fehlt das Direkte“, erklärt Mag. Wirthner. Bei den Naturinstrumenten aus Holz, wie einem Xylophon etwa, spüre man die Klänge richtiggehend, während eine CD die Musik ja doch eher „indirekt“ darbiete. Außerdem geht die Musiktherapie von einem ganzheitlichen Aspekt aus und versucht, mit allen Sinnen zu arbeiten. Daher sei auch die zwischenmenschliche Beziehung sehr wichtig und „die therapeutische Beziehung, die hat man mit einer CD halt nicht.“

Dr. Wolf-Magele sieht neben dem akuten Bedarf an Musiktherapie als Rehabilitation auch ein nennenswertes Forschungspotenzial zum Thema: „Wir fangen mit einer Studie zur Musiktherapie an, die hauptsächlich VSB-Patienten betrifft.“ Untersucht werden soll das Musikempfinden von Nutzern des aktiven Mittelohrimplantats Vibrant Soundbridge. „Bei CI gibt es da ja schon viel, aber wir wollen das jetzt bei VSB-Patienten machen“ und damit wiederum ein vielversprechendes Stück Neuland betreten.