Das Leben ist laut! – Dank Cochleaimplantat. Anlass zum Feiern gab auf dem 12. European Symposium Pediatric Cochlear Implant vom 18. bis 21. Juni 2015 in Toulouse nicht nur das 25-jährige Bestehen des Hörimplantat-Herstellers MED-EL, sondern auch das Jubiläum von Karl-Heinz Fuchs.


Der Steyrer erhielt vor gut 25 Jahren ein Cochleaimplantat der ersten Generation. Die anfänglichen „astronautischen“ Geräusche sind weg – die Freude über das Implantat geblieben. Seine persönlichen Erfahrungen gibt der heute 69-Jährige bei seiner Arbeit für den Verein Cochlea Implantat Austria (CIA) weiter.

Mit 33 Jahren wurde es plötzlich still um Karl-Heinz Fuchs. Nach einer Schädelbasisfraktur durch einen Motorradunfall ertaubte er auf dem rechten Ohr, sechs Jahre später dann auch auf dem linken. Es folgte die völlige Stille – 15 Jahre lang. Daraufhin perfektionierte Fuchs das Lippenlesen so sehr, dass kaum jemand seine Taubheit bemerkte. Trotzdem wollte er zurück in die Welt der Hörenden. Als Prof. Dr. Ernst Richter ihm von der Möglichkeit einer Cochleaimplantation berichtete, zögerte er nicht lange: „Als völlig Gehörloser kannst du eigentlich nur zugreifen – zu verlieren gibt es nichts!“. Obwohl Implantat und Operationsmethode damals noch neu waren, war er bereit, die Risiken einzugehen. Am 16. April 1990 bekam er im Krankenhaus der Stadt Linz ein Cochleaimplantat der ersten Generation. Trotz einer Repositionierung der Elektrode im September 1990 brachte das Implantat nicht den gewünschten Erfolg und der damals noch Walkman-große Sprachprozessor verschwand in der Schublade. Dreieinhalb Jahre später hörte Fuchs dank eines verbesserten Prozessors endlich, verstehen konnte er das Gehörte aber immer noch nicht – die Klänge waren metallisch und roboterhaft verzerrt. Die Wende folgte erst im August 1994 durch ein revolutionäres Cochleaimplantat der dritten Generation. Das alte Implantat wurde an der Universitätsklinik Innsbruck durch ein sogenanntes COMBI 40 Implantat ersetzt, das erstmals mit einer neuartigen Strategie und deutlich schnelleren Impulsraten arbeitete.

Die Momente während der Erstanpassung im September 1994 beschreibt Fuchs als die spannendesten seines Lebens. Die astronautischen Geräusche waren endlich verschwunden und bei ersten Tests erreichte er auf Anhieb 70 Prozent bei der Spracherkennung und sogar 80 Prozent beim Erkennen von Zahlen. Das Gehörte klang nun annähernd so, wie er es aus früheren Zeiten in Erinnerung hatte. Nach nur sechs Monaten verstand er Sprache und wurde zum Vorzeigepatient für die moderne Cochleaimplantation. Das emotionalste Erlebnis für ihn persönlich war jedoch der Moment, als er den Klang der Stimme seiner bereits 14-jährigen Tochter zum ersten Mal hörte.

Hinter Karl-Heinz Fuchs großartigem Hörerfolg steckt nicht nur viel Positivismus, sondern vor allem harte Arbeit. Musik glich zu Beginn einem Einheitsbrei. Damit er sie wieder in ihrem vollen Klangspektrum genießen konnte, waren viele Stunden harter Arbeit notwendig. Fuchs lernte von den Innsbrucker Technikern, seinen Sprachprozessor selbst anzupassen und nahm in den folgenden eineinhalb Jahren über 300 Feineinstellungen vor. Da es damals noch keine wirkliche Nachbetreuung durch ausgebildete Logopäden gab, handelte Fuchs intuitiv. Jeden Tag hörte er sich 20 bis 30 Minuten bekannte Musikstücke wie Silence is Golden von den Tremeloes an und brachte seinem Gehirn so das Hören wieder bei. Schritt für Schritt. Diese Vorgehensweise diente später als Vorbild für Logopäden, um Rehabilitationsmethoden für Neu-Implantierte zu entwickeln.

Doch nicht nur die Rehamethoden, sondern auch die Implantate selbst wurden kontinuierlich weiterentwickelt. Während es sich bei Karl-Heinz Fuchs‘ erstem Implantat noch um ein Analogimplantat handelte, sind die heutigen digitalen Cochleaimplantate kleiner, leichter und in ein Titangehäuse eingefasst. Große Veränderungen gab es vor allem bei den Audioprozessoren. Die ersten Prozessoren, die noch die Größe eines Walkmans hatten und in einer kleinen Tasche umgehängt werden mussten, gehören der Vergangenheit an. Sie wurden von modernen Audioprozessoren abgelöst, die hinter dem Ohr getragen werden und sich optisch kaum mehr von einem Hörgerät unterscheiden.

Trotz anfänglicher Kinderkrankheiten fällt das Resumée von Karl-Heinz Fuchs nach 25 Jahren Hörimplantat durchwegs positiv aus: „Das Implantat bedeutet für mich ganz einfach: Leben! Es ist unbeschreiblich, am ganzen Geschehen wieder vollständig teilhaben zu können.“ Seine persönlichen Erfahrungen weiterzugeben ist für Fuchs eine Herzensangelegenheit. Zu gut erinnert er sich an die Zeit in der Welt der Gehörlosen: „Vor allem die Missachtung von Hörenden macht einem zu schaffen. Auch wenn hinter dem Verhalten keine Bosheit steckt, sondern eher Beschützerinstinkt, ist es das Schlimmste, was man einem Menschen mit Hörbeeinträchtigung antun kann.“ Um eine Plattform für Betroffene zu schaffen und ihnen die Möglichkeiten einer Implantation aufzuzeigen, gründete Fuchs gemeinsam mit seinem Freund Johann Horak den Verein Cochlea Implantat Austria. Denn Betroffene müssen nicht auf dem Abstellgleis bleiben, wie Karl-Heinz Fuchs eindrucksvoll gezeigt hat.