ÖBB-Stakeholder-Dialog

Rechtzeitig vor Inkraftträten des Behindertengleichstellungsgesetzes mit 1. Jänner hat die Österreichische Bundesbahn nochmals Betroffene und deren Interessensvertreter zu einer Gesprächsreihe eingeladen, um die Barrierefreiheit im öffentlichen Raum zu diskutieren.


Laut Wikipedia sind Stakeholder jene Personen, die ein berechtigtes Interesse am Verlauf oder Ergebnis eines Prozesses oder Projektes haben. Bezüglich der barrierefreien Gestaltung des öffentlichen Verkehrs sind das vorwiegend beeinträchtigte Fahrgäste, aber auch Personen, die aufgrund ihres Alters oder ihrer aktuellen Situation (mit Kindern und/oder viel Gepäck unterwegs) in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Zum Stakeholder-Dialog der ÖBB nach Eisenstadt kamen am 17. November 2015 trotzdem wieder nur wenige Vertreter Betroffener, Repräsentaten der Bundesbahn sowie Zuhörer von Gruppierungen, die sich in ihrem Umfeld ebenfalls um Barrierefreiheit bemühen. Wenn man die Zahlen von Dr. Erwin Buchinger, Behindertenanwalt, betrachtet, denen zufolge die ÖBB zu besonders wenigen Beanstandungen am Bereich Barrierefreiheit Anlass gab, so könnte man auch folgern, dass die Betroffenen so zufrieden mit den bisher erreichten Veränderungen sind, dass sie weitere Verbesserungen bewusst der Eigeninitiative der ÖBB und deren Beraterkonsulting Rodlauer überlassen möchten.

Bisherige Verbesserungen

Tatsächlich wurde in den letzten Jahren seitens der ÖBB nicht nur in rund 400km neue Schienen auf der Süd-, West- und Brennerstrecke investiert, sondern auch in den barrierefreien Umbau bestehender Bahnhöfe. So kamen 2015 bereits 60% aller Reisenden in den Genuss eines barrierefreien Bahnhofs. Waren beispielsweise 1990 Rollstuhlfahrer noch auf die Nutzung eines speziellen Fahr- und Tragesessels angewiesen, so wurden 1994 die ersten Garnituren für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste und die ersten stationären Hebelifte angeschafft. Induktive Höranlagen werden auf österreichischen Bahnhöfen seit 2003 installiert und seit 2014 wird das Angebot der ÖBB-Homepage auch zunehmend unter dem Begriff „leichter lesen“ in einer Variante in einfacher Sprache angeboten.

Maria Theresia Engel, Leiterin des Kundeninformationsmanagements, erklärte auch die bereits erfolgten Verbesserungen bei den Lautsprecherdurchsagen. So sind schon auf einigen Bahnhöfen standardisierte Texte auf Computer für die Lautsprecherdurchsagen verfügbar. Es handelt sich dabei um die Digitalisierung der dialektfreien Aussprache der Wiener Schauspielerin, Moderatorin und Autorin Chris Lohner.

Bei der visuellen Anzeige der Fahrpläne werden Abweichungen und Baustellen in einer eigenen, gelb hinterlegten Infozeile am unteren Monitorrand dargestellt, bei größeren Störungen werden sogar Sonderinfo-Monitore geschalten, auf denen dann akustisch eventuell nicht verstandene Störungsmeldungen in Ruhe nachgelesen werden können.

Neue Gesetzeslage

Mit 1. Jänner 2016 endete die Übergangsfrist des Bundes-Behindertengleichstellungsgesetzes, dessen Zielsetzung es ist, „die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen zu beseitigen oder zu verhindern,...“ „und ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen.“ Dem Gesetzestext zufolge ist Behinderung eine „nicht nur vorübergehende körperliche, geistige oder psychische Funktionsbeeinträchtigung oder Beeinträchtigung der Sinnesfunktionen, die geeignet ist, die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu erschweren.“ In Österreich betrifft das laut Dr. Buchinger etwa 20% der Bevölkerung, wobei 200.000 davon stark hörbeeinträchtigt seien. Mag. (FH) Monika E. Schmerold, als Rollstuhlfahrerin selbst Betroffene und unter anderem Vorstandsmitglied von „Selbstbestimmtes Leben Initiative Österreich“ zählte bei der Veranstaltung in Eisenstadt drei Säulen für Selbstbestimmung auf: Hilfsmittel, persönliche Assistenz und Barrierefreiheit

Während qualitativ hochwertige und adäquat eingestellte Hörgeräte und –implantate unter die Hilfsmittel zu zählen sind, zitierte Anton Burtscher von der ÖBB Infrastruktur aus dem Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz, demnach öffentliche Einrichtungen barrierefrei und damit „für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar“ sein müssen. Dr. Buchinger nannte in seinem Vortrag neben physischen Barrieren auch intellektuelle, soziale oder kommunikative Barrieren.

Zukunftsvisionen

Der Umbau von Bahnhöfen auf barrierefreien Status ist lange noch nicht abgeschlossen. Da besonders stark frequentierte Bahnhöfe mittlerweile alle barrierefrei sein sollten, wird man sich nun um die Adaption der weniger frequentierten Haltestellen bemühen. So sollen bis 2025 neunzig Prozent aller Reisenden von barrierefreien Bahnhöfen profitieren. Aber auch die Schulung der Mitarbeiter ist den ÖBB ein besonderes Anliegen, wie Frau Engel betonte. Seit dem Fahrplanwechsel Mitte Dezember sollten auch alle MitarbeiterInnen der ÖBB-Infopunkte im Umgang mit der Induktionsanlage geschult und verstärkt sensibilisiert sein. Und auch Chris Lohners Stimme soll bald schon auf weiteren Bahnhöfen die Reisenden klar und leicht verständlich über Zugdaten und Änderungen informieren.