Die Gälische Harfe

Wer kennt nicht diese elegant geschwungenen Harfen, die meist in großen Konzerten am hintersten Rand des Orchesters stehen? Sie fallen trotz ihrer Größe weder auf, noch hört man ihren Klang.

Eher verbindet man die Harfen mit den Engelsfiguren am Christbaum oder auf den Malereien der Kirchen – oder mit Troubadix in den Asterix-Comics.

Als ich 15 Jahre alt war, verliebte ich mich in das Bild einer kleinen Harfe aus einem Kinderbuch aus Wales, doch damals gab es noch keine Harfenkurse, die ich besuchen konnte. Erst mit 37 Jahren und ein halbes Jahr nach der zweiten CI-Implantation lernte ich endlich die Harfe kennen und dazu auch eine sehr liebe Lehrerin. Ahnungslos, welche Arten von Harfen und welche Spielweisen es gibt, lernte ich nun alles besser kennen und meine Sommerferien in Schottland brachten mich noch näher an die so genannte Gälische Harfe.

Wobei ich mit kürzlich bilateral versorgten Ohren und ein bisschen Musikerfahrung durch das Klavier dann eine gewisse Schwierigkeit mit den Tönen hatte, stellte ich fest, dass schnell aufeinanderfolgende oder gleichzeitig beidhändig gespielte Töne einen „Klangsalat“ verursachten, der mir nicht gefiel. Es fehlte mir der schöne Klang einzelner Töne, da die Harfe einen sanften, nicht dominierenden Klang hatte. Kurz vor Weihnachten zweifelte ich an meinem Spiel von „Stille Nacht, Heilige Nacht“, auch wenn es eine vereinfachte Version für Anfänger war.

Bis ich dann auf die Homepage des in Deutschland lebenden Schweizer Harfenspielers Christoph Pampuch stieß, der dieses Weihnachtslied in einer „alten Harfentradition“ umgeschrieben hat - neugierig geworden probierte ich mit meiner Lehrerin dieses Stück aus und es klappte – der schöne Klang war da! Was es mit dieser alten Harfentradition auf sich hatte, erfuhr ich dann in Westschottland. In der klassischen Spielweise werden beide Hände eher öfters gleichzeitig an den Saiten eingesetzt, während im alten gälischen Sprachraum wie Schottland und Irland, aber auch Wales, kleinere Harfen verwendet werden, auf denen die linke Hand viel weniger eingesetzt wird wie im klassischen Stil. Für mich entstand dann kein Klangsalat mehr, weil man mehr oder weniger jede Saite in ihrer ganzen Klarheit hört und die Töne von der linken Hand sind Klangbegleitungen.

Je mehr ich auf meiner Gälischen Harfe spielte, umso mehr lernte ich die ganze Faszination dieses Instruments. Während meines langen Aufenthalts auf den schottischen Westinseln, den Äußeren Hebriden, wo die gälische Tradition sehr lebendig ist und gefördert wird, lernte ich auf der Insel Barra eine Harfenlehrerin kennen, die mir die Gesichte der Gälischen Harfe noch näher brachte. Dort nennt man die kleinen Harfen clàrsach und im Mittelalter war sie das Hauptmusikinstrument Schottlands und der Hebriden-Inseln. Jeder Clan und Clan-Chief hatte einen Harfenspieler, der für Unterhaltung und Weitergabe von Balladen und Geschichten verantwortlich war. Zu dieser Zeit konnte kaum jemand lesen oder schreiben, so war es wichtig, dass alles mündlich weitergegeben wurde. Zu den wichtigsten Clans, die die Harfenspieler förderten, gehörten die MacLeods und die MacDonalds, beide Clans meist auf der Insel Skye oder auf den Hebriden ansässig. Erst ab dem 17. Jahrhundert kam der Dudelsack als Begleitung der Harfe hinzu.

Die meisten Harfenspieler waren selbst blind! In früheren Zeiten behindert zu sein, war kein leichtes Los, aber in Schottland sorgte man dafür, dass blinde Kinder, wenn sie ein gutes Gehör hatten, die Harfe spielen lernten. Harfner waren überall willkommen und hoch angesehen, da man damals ja noch keinen Fernseher oder Internet als Unterhaltung hatte. Wer es auch verstand, Balladen zu erzählen und gleichzeitig die Harfe zu spielen, wurde dann als seannachie berühmt, als Geschichtenerzähler. In gälischer Sprache vorgetragen, wurde die Harfe als Begleitmusik wichtig und da durften die Töne nicht dominieren. Das ist die gälische Harfentradition, die heute vollkommen unbekannt ist und erst Christoph Pampuch und einige schottische Enthusiasten brachten sie aus der Vergessenheit heraus in das 21. Jahrhundert. Und gerade diese Spielweise wird von vielen als simpel kritisiert, da heutzutage jeder die komplexe klassische Musik gewohnt ist und keiner noch daran denkt, dass die Klassik eben aus der einfachen Musik des Mittelalters entstanden ist.

Für mich ist die Komplexität der Klassik nicht erfassbar, da die Schönheit der Töne darin untergeht. Mit dem gälischen Stil fand die Harfe einen Weg in mein Herz und auch in meine Ohren, die niemals die Komplexität erfasst haben.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Anfänge der Musik in alten Zeiten diesen Beginn genommen haben: die Einfachheit und simple Art wurde schon als Musik empfunden und die Menschen erfreuten sich daran. Und ich stehe ebenfalls am Anfang eines Lebens mit Musik und ein altes Instrument wie die Harfe eignet sich am besten dafür, so lange ich im gälischen Stil wie die Bewohner der schottischen Hebriden-Inseln spiele und der Tradition der alten Clan-Harfner folge.