Gentherapie bei Usher

Usher Syndrom und viele andere Netzhauterkrankungen sind genetischer Ursache. Eine spektakuläre Therapieform befindet sich zwar noch in Entwicklung, lässt aber aufhorchen.

Bei der sogenannten kausalen Gentherapie wird vereinfacht gesagt das mutierte Gen „überlistet“, indem das korrekte Gen per Trägersubstanz unter die Netzhaut injiziert wird und so durch ein nicht mehr fehlerhaft gesteuertes Programm normale Prozesse in der Netzhaut ablaufen lässt. So werden die Netzhautdegeneration und der damit verbundene fortschreitenden Sehverlust in jedem Fall einmal gestoppt, teilweise sogar rückgängig gemacht.

So z.B. sehr erfolgreich im Falle der LCA (Leber’sche kongenitale Amaurose), einer Netzhauterkrankung, die schon von Geburt an oder im sehr frühen Kindesalter zur Erblindung führt und für die das RPE65 Gen verantwortlich ist. Hier befindet man sich im Stadium der klinischen Studie Phase III und der Zulassung zur Therapie (USA).

Der Erfolg dieser Studie (deutliche Verbesserung des Sehvermögens!) gilt als Modell für die Gentherapie aller anderen bekannten Mutationen bei Netzhautdegenerationserkrankungen. Diese Therapieform stellt auch die einzige kausale Therapie dar, beseitigt sie doch die Ursache für das Absterben der Sehzellen, zumindest vorübergehend: bei den Studienteilnehmern wurde nach einigen Jahren eine neuerliche Abnahme des Sehvermögens festgestellt, die Verabreichung einer weiteren Injektion wird evaluiert.

Klinische Gentherapiestudien laufen derzeit auch zu Usher 1b (letztere sogar in Europa, nämlich parallel zu Portland/USA am Pariser Institut de la Vision), zu Usher 2a in Boston/USA, zu anderen Netzhauterkrankungen wie AMD, Morbus Stargard, Chorioderemie usw. in den USA und in Paris, Grundlagenforschung zu Usher 1c in Deutschland, um die wichtigsten zu nennen.

Voraussetzung für die kausale Gentherapie ist natürlich, dass das Verursachergen mittels Gentest ermittelt wird, also die zugrundeliegende Genmutation bekannt ist. Hiermit wird auch die zentrale Bedeutung des Gentests ersichtlich: dieser dient nicht nur der eindeutigen Diagnose und dem Ausschluss anderer syndromaler Erkrankungen, die ähnliche Symptome wie das Usher Syndrom aufweisen (z.B. Refsum Syndrom), und damit der sofortigen Klarheit und Einleitung der richtigen Schritte hinsichtlich Hilfsmittel, Behandlung, Beratung etc., sondern insbesondere der Erforschung der Erkrankung: Erscheinungsform je nach Mutation, Verlauf, Prognose und nicht zuletzt der Therapieentwicklung. Und außerdem von enormer Wichtigkeit: eine Teilnahme an klinischen Studien und Zugang zur Therapie sind nur mit genetisch belegter Diagnose möglich, da diese die einzige eindeutige Diagnostik darstellt, eine Diagnose aufgrund der klinischen Symptome ist nicht eindeutig genug!

Ein Gentest bedeutet für den Patienten geringen Aufwand, eine Blutabnahme genügt. In Österreich wird eine molekulargenetische Abklärung mit Überweisung durch den Augenarzt an der MedUni Wien (Angewandte Anatomie) und an der MedUni Innsbruck (Genetische Beratungsstelle) durchgeführt.

Medikamente und Sehprothesen

Während Stammzellentherapie den Ersatz abgestorbener Sehzellen und Gentherapie das Stoppen des Absterbens von Sehzellen ermöglicht, stellen medikamentöse Therapie und Sehprothesen einen vergleichsweise unspektakulären und dennoch nicht unbeachtlichen Beitrag zur Behandlung von Netzhautdegenerationserkrankungen dar.

Z.B. schützen in das Auge eingebrachte Medikamente (CNTF – ciliary neurotrophic factors) Netzhautzellen vor dem Zelltod, eine klinische Studie hierzu läuft in Paris, eine weitere in den USA. Sehprothesen funktionieren ähnlich wie Cochleaimplantate und vermitteln im derzeitigen Entwicklungsstadium Seheindrücke, welche das Erkennen einer Tür, eines hellen Gegenstands auf einem Tisch oder sehr großer heller Buchstabe auf dunklem Hintergrund, also eine grobe Orientierung für Blinde ermöglichen.

Sie wurden in den USA (ARGUS II, bereits ca. 100 Mal implantiert) und in Tübingen (Retina Implant, in Deutschland bereits als Therapie zugelassen und mehrfach implantiert) entwickelt. Kürzlich wurde sogar in Österreich je ein Exemplar an der Uniklinik Innsbruck und an der Wiener Rudolfstiftung implantiert.