Hörprobleme – Sprachprobleme – Überlebensprobleme

Ein Flüchtling ist eine Person, die aus der begründeten Furcht vor ungerechtfertigter Verfolgung in einem anderen Land Schutz sucht. Gesundheitliche Sorgen sind da nur ein Teil des Problems.

Als Herr G. den Untersuchungsraum eines oberösterreichischen Krankenhauses betritt, bittet er, langsam und hochdeutsch zu sprechen. Der geborene Iraner kann sich nach nur drei Jahren in Österreich nahezu fließend unterhalten, aber natürlich ist seine Grammatik nicht perfekt und Dialekte oder undeutliche Aussprachen sind für den Mann anfang der Vierzig mit dem grau melierten Haar und dem dunklen Teint noch ein Problem.

Er sei Perser, erklärt er beim Vorstellen und wirkt dann ruhig und gelassen, wenn er von seiner Geburtsstadt Isfahan erzählt. Isfahan ist die drittgrößte Stadt des Iran und blickt auf eine große Geschichte zurück. „Die drittgrößte Stadt – wie Linz in Österreich, aber Linz ist ganz klein“, schmunzelt er. Ein persisches Sprichwort sagt: „Isfahan ist die Hälfte der Welt.“ So erscheint es wohl auch Herrn G., wenn er seine Heimatstadt auf „ungefähr doppelt so groß wie Wien“ schätzt – tatsächlich weisen beide Städte fast idente Einwohnerzahlen auf. Um ein Bild seiner Herkunft zu vermitteln, erzählt er:

„Früher, als ich noch ein Kind war, waren alle Häuser klein. Aber wenn jemand ein kleines Haus hat, das alt ist, dann reißt er es nieder und baut ein höheres. Jetzt gibt es alles: Kleine Häuser, welche mit fünf oder zehn Stöcken oder auch ganz große Häuser mit bis zu 20 oder 30 Stockwerken. Ich habe im Iran in einer Wohnung gelebt, da hatte das Haus vier Stockwerke, auf jedem Stock gab es zwei Wohnungen. Das war ein kleines Haus, aber es gibt auch viel größere Häuser.“

Herr G. schätzt die Einwohnerzahl auf 4 Millionen, die offiziellen Angaben liegen bei 2.071.000 Einwohnern, das Umland inkludiert. „Und alle Leute haben ein Auto. Es gibt viele, ganz viele Autos, denn das Benzin ist billig. Wenn jemand zur Arbeit geht oder auch sonst wohin, dann fährt er mit dem Auto. Wenn jemand kein Geld für ein Auto hat, dann kauft er es mit Leasing. Im Iran gibt es drei oder vier große Autofirmen.

Meine Mutter hat zu Hause persische Teppiche geknüpft und ich und meine Schwester haben manchmal geholfen. Mit 19 Jahren ging ich dann an die Uni. Neben dem Studium arbeitete ich im Verkauf und ich hatte meine Familie. Ich arbeitete fünf oder sechs Jahre in einer Kinderwunsch-Apotheke. Dann war ich ungefähr elf Jahre lang Versicherungsmakler. Ich hatte mein eigenes Büro und eine eigene Sekretärin. Im März 2012 arbeitete ich den letzten Monat bei der Versicherung.“ Dann kam die Flucht.

Amnesty International verweist auf unterschiedliche Menschenrechtsverletzungen im Iran, auf Verfolgung und Folter, denen Regimegegner, Menschenrechtsverteidiger und Frauenrechtler, aber auch Angehörige ethischer und religiöser Minderheiten – darunter auch Christen – ausgesetzt sind. Zudem ist der Iran hinter China weltweit der Staat mit der zweithöchsen Anzahl an Hinrichtungen im Jahr 2014.

Herr G. überlegte nach Kanada zu emigrieren, aber: „Wenn jemand vom Iran oder so anderswohin möchte, muss ihm jemand helfen. Normalerweise kommen die Menschen mit Schleppern. Ich hatte einen Bekannten in Linz. Der wusste, dass ich dringend aus dem Iran weg wollte und der hatte gesagt, Österreich ist super. Er half mir und dafür wollte er natürlich kassieren. Also bin ich nach Österreich geflogen.“ Dann ist er leider einem sehr schlechten Rat gefolgt, hat seine Papiere zerrissen und sich schließlich mit seinem Fluchthelfer überworfen, was dazu führte, dass er nach drei Jahren immer noch als Asylwerber geführt wird.

Nach nur wenigen Tagen im Anhaltelager Traiskirchen hat er das Glück, seither mit seiner Familie in einer kleinen Gemeinde mit knapp 2000 Einwohnern zu leben. Er ist nicht der einzige Flüchtling in der Ortschaft, aber der einzige, der schon so lange dort ist. „Es gibt auch einen Deutschkurs für Asylwerber, aber der ist für Anfänger. Aber jetzt kann ich keinen weiterführenden Deutschkurs besuchen, weil so ein Kurs in der Volkshochschule ungefähr 200 Euro kostet. Ich habe nicht einmal das Geld für die Fahrkarte zur Volkshochschule, ich darf ja als Asylwerber nicht arbeiten, also habe ich auch kein Geld.“

Aber Herr G. hat trotzdem Deutsch gelernt und dabei ist der Kontakt zu den Nachbarn auch noch gewachsen. „Wir hatten in den ersten drei Jahren einen Hausmeister. Die ersten sechs Monate hat er Englisch mit mir gesprochen. Dann hat er gesagt „Du musst Deutsch lernen“ und hat immer nur noch Deutsch mit mir gesprochen. Heute verstehe ich viel nicht und vieles sage ich nicht richtig, aber ich verstehe schon etwas.“ Jetzt hilft er in der Nachbarschaft, wo er kann. Den Nachbarn beim Gras mähen oder in der Gemeinde, wenn Not am Mann ist. „Ich habe studiert, aber egal was ich früher gemacht habe – jetzt ich bin hier. Jetzt mache ich das.“ Ein guter Freund hat ihn dann zur Freiwilligen Feuerwehr gebracht und auch die Frau hilft in einer gemeinnützigen Vereinigung mit.

„Nächste Woche haben wir Schlossfest. Voriges Jahr habe ich als freiwillige Gehilfe in der Weinbar gearbeitet, das war ganz lustig.“ Gerade in so lauter Umgebung wird deutlich, dass Herr G. auf der linken Seite ein Hörproblem hat. Zum Glück „ist das eine kleine Ortschaft und alle wissen, ich höre schlecht. Wenn ich nichts höre, frage ich nochmals oder drehe mein rechtes Ohr hin – das rechte Ohr funktioniert. Wenn ich mit jemanden spreche, stehe ich immer links oder gehe links.“

Die Hörprobleme hatte Herr G. schon vor der Flucht. „Ich habe im Iran ein Problem mit der Polizei gehabt, dann war die linke Seite kaputt. Ich hatte Angst, also war ich bei einem Nachbarn, der Allgemeinmediziner ist. Der hat gesagt, das Ohr ist kaputt und entzündet. Dann hat er mir Medikamente gegeben und fertig. Wir haben im Iran gute Ärzte und auch gute Untersuchungsmethoden, aber der Arzt hat nur mit einem Licht ins Ohr geschaut.

In Österreich habe ich dann wieder Schmerzen gehabt, bin zum Hausarzt gegangen und habe eine Überweisung an die Klinik bekommen. Hier ist alles modern. Der Arzt hat schnell Bilder vom Ohr gemacht und auf den Bildern hat er gesehen, dass es stark entzündet ist. Er hat gesagt, ich muss schnell operiert werden, weil da muss man ganz vorsichtig sein, weil das ist in der Nähe vom Gehirn. Ich hatte große Angst vor der Operation, aber wenn der Arzt sagt, es ist notwendig, dann muss ich das machen.

Bei der ersten Operation wurde die Entzündung entfernt. Dann bin ich voriges Jahr nochmals operiert worden und habe ein Knochenleitungsimplantat bekommen.“ Herr G. wollte erst nicht zustimmen, weil er als Asylwerber immer noch nicht arbeiten darf und daher von der öffentlichen Hand abhängig ist. Er befürchtete Probleme, wenn er für die Implantation nicht selbst aufkommen kann. Dann ließ er sich überzeugen: „Ich musste drei oder vier Nächte im Spital bleiben. Anfangs hatte ich schon Schmerzen und auch Schwindel.“

Leichten Schwindel oder Höhenangst nimmt er immer noch wahr. „Zum Beispiel vorige Woche wollte ich Kirschen pflücken. Bis zur vierten oder fünften Sprosse auf der Leiter geht es, dann habe ich Angst.“ Ob das von den Ohren kommt, ist er nicht mehr sicher: „Früher brauchte ich nicht auf die Leiter zu gehen. Ich habe im Iran bei einer Versicherung im Büro gearbeitet – wenn ich etwas brauchte, haben das andere Leute gemacht. Hier mache ich das.“

Herrn G.‘s Tochter ist eine strenge Kritikerin. „Ich habe weiße Haare. Manches Mal sagt sie: ‚Kannst du Farbe drauf machen?‘ Als meine Tochter mich mit dem Hörgerät gesehen hat, hat sie gesagt: ‚Papa, alte Leute haben dieses Gerät, warum hast du das?‘“ Aber seine Gattin stärkt ihm den Rücken: „Wichtig ist die Gesundheit und du musst gut hören, denn später musst du arbeiten.“

„Mit diesem Gerät verstehe ich mehr. Normale Gespräche verstehe ich schon gut, aber wenn es laut ist und mehrere sprechen, da brauche ich noch Zeit und Übung. Am Bahnhof, in der Kirche oder bei Musik habe ich noch Probleme. Auch der Wind ist ein Problem bei mir.“ Die Windgeräuschunterdrückung soll da in Zukunft Verbesserung bringen. Gerade bei Veranstaltungen oder bei der Feuerwehr, wo gutes Hören besonders schwierig und besonders wichtig wäre, traut Herr G. sich aber nicht, den Prozessor zu tragen. „Ich bin vorsichtig. Ich muss aufpassen, ich möchte nicht, dass der verloren geht.“

Wenn Herr G. jetzt drei Wünsche frei hätte, dann wäre seine Priorität ganz klar: „Der erste Wunsch ist Gesundheit für meine Familie, auch keine Hörprobleme. Dann, dass ich bald einen positiven Asyl-Bescheid bekomme und ein normales Leben haben kann. Der dritte Wunsch ist eine gute Arbeit, als Makler bei einer Versicherung in Österreich.“

Wir danken für das Interview und wünschen dazu viel Erfolg!