Tinnitus - die Stimme der Götter

Ohrgeräusche erlangten unter dem Begriff Tinnitus in den Neunziger-Jahren Bekanntheit. Sie haben vielerlei Ursachen. Oftmals werden sie mit Belastungen der modernen Gesellschaft in Verbindung gebracht - sind aber schon lange bekannt und werden in unterschiedlichen Kulturkreisen verschieden gewertet.

„…zunächst ein dumpfes, schweres Brausen, dann ein helleres Murmeln wie von fließendem Wasser, endlich ein gellendes Pfeifen, und dazu trat dann noch das Klopfen“, beschrieb der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau sein Ohrensausen.


Gute und böse Geister

Ohrgeräusche sind Geräusche, die keiner realen Schallquelle zuzuordnen sind. Nicht zwangsweise klingeln müssen Ohrgeräusche, sie können auch brummen, klopfen oder pfeifen – und das in einem Ohr, beidseits oder im Kopf. Oft verschwindet Ohrensausen so rasch, wie es gekommen war. Wenn es längere Zeit besteht oder wiederholt wiederkehrt, spricht man von Tinnitus aurium - aus dem Lateinischen übersetzt: ‚Klingeln im Ohr‘.

2700 vor Christus im alten Mesopotamien wurden Ohrgeräusche erstmals beschrieben. Ludwig van Beethoven litt darunter, der Maler Francisco Goya und Charles Darwin. Martin Luther wurde von Tinnitus und Drehschwindel gequält. Der tschechische Komponist Bedřich Smetana verewigte sein Ohrgeräusch im Streichquartett „Aus meinem Leben“ durch ein langgezogenes, hellpfeifendes E der ersten Violine.

In der europäischen Mythologie wurde Tinnitus bösen Geistern zugeschrieben. Anders im Ostasiatischen Raum, wo Ohrgeräusche als Stimme der Götter gedeutet wurden – der Betroffene konnte sich als Auserwählter glücklich schätzen.

Die Tinnitus-Häufigkeit ist in Industrienationen und in Entwicklungsländern ähnlich. Etwa jeder dritte Erwachsene habe Tinnitus schon erlebt, ein Viertel davon fühle sich beeinträchtigt, so die Österreichische Tinnitus-Liga. Jeder 200. Tinnitus-Patient sei nicht in der Lage, ein normales Leben zu führen - Silvester Stallone, Phil Collins und Barbra Streisand sind auch mit Tinnitus erfolgreich. Auch Kinder können Tinnitus haben, doch ist er bei ihnen schwierig zu diagnostizieren.


Krankheit oder Symptom

Auch wenn Betroffene Ohrgeräusche oftmals als Erkrankung empfinden, werden sie von Fachärzten als Symptom bezeichnet. Multiple Faktoren können Tinnitus hervorrufen - von Verspannungen der Halswirbelsäule über Tumorerkrankungen bis zu Durchblutungsstörungen. Auch psychosomatische Wechselwirkungen mit Stress oder Depressionen werden beobachtet.

Prof. Dr. Harald Feldmann betont in seinem Buch , über die Pathophysiologie des Tinnitus wisse man wenig. Es stehe aber außer Frage, dass es eine Vielzahl von Arten, Orten und Entstehungsweisen bei Tinnitus gäbe (1). „Sinnessysteme können auf jede Schädigung nur innerhalb ihrer Sinnesqualität antworten“, erklärt Prof. Dr. Hans-Peter Zenner aus Tübingen in einem Artikel zur Entstehung von Ohrgeräuschen (2). Als Beispiel führt er einen Faustschlag auf das Auge an, der dem Opfer den Eindruck vermittle, es würde Sternchen sehen. Auch Hördefizite sind einer der möglichen Ursachen für Tinnitus - laut Deutschem Tinnitus-Magazin www.tinnitus-mag.de hat etwa die Hälfte der Tinnitus-Betroffenen gleichzeitig eine Hörminderung.

Oft leiden CI-Kandidaten vor der Implantation zusätzlich zur Taubheit unter Tinnitus. Andererseits tritt im Zuge der Implantation manchmal kurzfristig Tinnitus auf - der zum Höreindruck uminterpretierte Eingriff in das Hörsystem könnte ebenso verantwortlich sein wie eventuelle Einbußen beim Restgehör. In beiden Fällen tritt das Ohrgeräusch erfahrungsgemäß bald nach der Erstanpassung in den Hintergrund und verschwindet oft gänzlich.

Mögliche Abhilfe

Spontanheilung ist bei akut auftretendem Tinnitus generell häufig. Oft hilft auch Infusionstherapie. Für die Mehrzahl der Betroffenen stellen die Ohrgeräusche kaum ein Problem dar, doch für Einzelne kann die Belastung hoch sein. Ist der Tinnitus chronisch geworden, gestaltet sich die Suche nach einer geeigneten Therapie manchmal schwierig. Prof. Zenner beschreibt einzelne Fälle, „als Arzt und Patient sich in verzweifelten Situationen entschlossen haben, den Hörnerv durchzutrennen“, um den Tinnitus zu beenden (3). Die ertaubten Patienten hörten weiter Ohrgeräusche. Studien an Tumorpatienten , denen im Rahmen einer Tumoroperation der Hörnerv durchtrennt wurde, bestätigten diese Erfahrungen (4). Egal wo der Tinnitus ursprünglich entsteht – er wird in das Zentrale Gehör übernommen. Einmal im auditorischen Kortex abgebildet, wird er unabhängig von der Cochlea wahrgenommen – vergleichbar dem Phantomschmerz amputierter Gliedmaßen.

Wenn eine spezifische Ursache vermutet wird, bietet diese einen Angriffspunkt zur Behandlung von Tinnitus- beispielsweise Nackenverspannungen zu lösen oder Stoffwechselerkrankungen zu behandeln. Andernfalls verspricht eine Vielzahl medizinischer und psychotherapeutischer Therapiekonzepte Besserung.

Eine besonders vielversprechende Therapie zur Tinnitus-Bewältigung und was sie mit Cochleaimplantaten zu tun hat, wird Thema in der nächsten Gehört.Gelesen sein.

Quellen:
1) Tinnitus, H.Feldmann, T.Lenarz, H.v.Wedel, Stuttgart – New York: Thieme 1992; ISBN 3-13-770001-9
2,3) H.P. Zenner, Die Entstehung von Ohrgeräuschen; Tinnitus-Forum Mai 1998
4) K. I. Berliner, C. Shelton, W. E. Hitselberger, W. M. Luxford: Acoustic tumors: effect of surgical removal on tinnitus. In: Am J Otol. 1992, S. 13, S. 13–17
5) J. W. House, D. E. Brackmann: Tinnitus: surgical treatment. In: Ciba Found Symp. 1981, S. 85, S. 204–216