Forschung ohne Ellbogentechnik

Prof. Dr. Nicole Rotter übernahm am 1. Februar 2017 als erste Frau einen Lehrstuhl an der neu gegründeten Medizinischen Fakultät der Johannes Kepler Universität in Linz.

In München geboren und promoviert, hat Prof. Dr. Nicole Rotter dort, in den USA, in Lübeck und zuletzt in Ulm als HNO-Ärztin gearbeitet. Jetzt leitet sie die Universitäts-HNO-Klinik des Kepler Universitätsklinikums in Linz, sowie die zugeordneten Bereiche Forschung und Lehre. Wir treffen die Mitvierzigerin nach Ambulanzschluss in jenem Zimmer, das sie am 1. Februar von ihrem Vorgänger Prof. Dr. Ernst Richter übernommen hat.

Aus meiner Sicht sind die Rahmenbedingungen in Linz besonders gut: Das Kepler Uniklinikum ist eine große Klinik mit allen Fachabteilungen. Und die neue medizinische Fakultät bietet die Herausforderung vieles selbst zu gestalten und mitzuwirken – anders als bei etablierten Universitäten.

Sie kommen aus Bayern. Viele Österreicher sagen, Bayern gehöre wie ein zehntes Bundesland zu Österreich. Historisch gesehen könnte man ebenso gut Österreich als Teil von Bayern betrachten. Wie sehen Sie das?

Ein deutscher Kollege, der schon länger in Linz arbeitet hat zu mir gesagt: ‚Das einzige, was in Österreich gleich ist wie in Deutschland, ist die Sprache.‘ Tatsächlich sind Bayern und Österreich zwei Nachbarn, die in Kultur und Lebensart vieles gemeinsam haben, aber im Alltag gibt es etliche Unterschiede.

In Österreich geht auf den ersten Blick alles ein bisschen gemütlicher und geruhsamer zu, viel lockerer. Aber manchmal sind die Österreicher viel strenger. Zum Beispiel die Arbeitszeiten: Die meisten Mitarbeiter an der Klinik arbeiten von 7 bis 15 Uhr oder bis 15 Uhr 30. Überstunden müssen rasch als Zeitausgleich abgebaut werden. Das hat mit dem Arbeitszeitgesetz zu tun, das hier sehr streng umgesetzt wird. Bei uns wird das lockerer gehandhabt.

Kontinuität für die Patienten ist so schwierig, weil die betreuenden Ärzte häufiger wechseln. Der Vorteil ist aber, dass der Kliniker immer gut ausgeruht ist, im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte.

Wenn die letzten Patienten die Ambulanz verlassen haben, kann sich Prof. Rotter um andere Aufgaben kümmern. Sie lacht:

Für mich gilt das Arbeitszeitgesetz nicht. Ich bin mit dem Aufbau hier beschäftigt, und damit, alles kennen zu lernen. Natürlich ist im Rahmen der neuen Uni-Klinik geplant, auch Forschung aufzubauen - auch da kann ich nach Ambulanzschluss einiges vorbereiten. Mein primäres Forschungsgebiet ist die regenerative Medizin beim Bereich Knorpel- und Speichelgewebe. Auch für die Otologie ist Regeneration ein großes Thema – gerade wenn man ans CI denkt: Hör- und strukturerhaltende Techniken sind Voraussetzungen, damit man später Wachstumsfaktoren oder Stammzellen einbringen kann, um die Leistung des CIs weiter zu verbessern. Vielleicht auch, damit wir irgendwann kein CI mehr brauchen, weil wir dann das Innenohr oder die Spiralganglienneuronen regenerieren können.

An der Medizintechnik denkt man daran, wie man Implantate biofunktionalisiert - mit Zellen kombiniert. Das sind faszinierende Forschungsbereiche, für die es in Linz sehr gute Rahmenbedingungen gibt. Es macht natürlich Sinn, wenn man dazu ein größeres Hörzentrum hier hat: Ein bis zehn Implantate pro Jahr sind weder für die Klinik noch für die Forschung mittelfristig optimal.

Sie selbst haben in der Vergangenheit in der plastischen Chirurgie geforscht, aber auch im Bereich der Hörtechnologie gearbeitet?

Ich habe das Ulmer Hörzentrum auf- und ausgebaut.
In Ulm gibt es zwei Kliniken, die Uni-Klinik Ulm und das Bundeswehr-Krankenhaus, mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten. Die Uni-Klinik ist mit dem ehemaligen Chef Professor Rettinger besonders für die Rhino-Chirurgie und die plastisch-rekonstruktive Gesichts-Chirurgie bekannt gewesen. In den letzten zehn Jahren hat sich der Bereich Hörzentrum, teilimplantierbare Hörgeräte und CIs dort stärker entwickelt.

Sie lacht: Im Moment ist ja mein Arbeitsschwerpunkt ‚überall‘. Aber Mittelohrchirurgie und CIs gehören zu meinen Steckenpferden. An der Klinik hier ist das im Moment nur ein kleiner Bereich, aber das Umfeld und die Geschäftsführung freuen sich, dass die HNO-Klinik aus ihrem Dornröschenschlaf - wie es hier genannt wird - erwacht. Andererseits bin ich in der Onkologie und onkologischen Chirurgie stark involviert. Das sind zwei ganz unterschiedliche Bereiche, aber beide sehr wichtig für Universitätskliniken.

Was wird sich also im Klinikalltag alles verändern?

Die Thematik CI werden wir in der Klinik sicher intensivieren. Das Implant-Board (siehe Gehört.Gelesen Ausgabe 58) funktioniert sehr schön; der Weg in die Öffentlichkeit, die Ansprechbarkeit für die Patienten – daran können wir sicher arbeiten: mit Veranstaltungen und zentraler Telefonnummer oder E-Mail. Wir wollen auch Spezialsprechstunden anbieten. Gerade für Patienten, die schlecht hören, möchten wir die Gesprächs-Bedingungen verbessern. Die ganze Klinik wird gerade umgebaut, auch die Ambulanzbereiche – aber bereits zwischenzeitlich wollen wir die Rahmenbedingungen schon verbessern.

. Die Entwicklung der Klinik von einem allgemeinen Krankenhaus zu einer Universitätsklinikbringt eine Vielzahl an zusätzlichen Aufgaben für die ärztlichen Mitarbeiter. Der Studentenunterricht findet in der Klinik und auch am neuen Lehr- und Forschungsgebäude statt, nicht primär am Hauptgebäude der Johannes Kepler Universität. Das ist bei medizinischen Universitäten üblich, dass der Unterricht im Wesentlichen an den Kliniken stattfindet.

Es wurden hier schon die Studierenden der Logopädie der Fachhochschule unterrichtet, sodass Unterricht ist für die Linzer Klinik nicht ganz neu ist. Jetzt kommt der universitäre Unterricht für die Medizinstudenten dazu, bei dem möglichst alle Mitarbeiter der Klinik eingebunden sein sollen.. Die Forschung, insbesondere im Bereich der Grundlagen ist jedoch ein ganz neuer Bereich.

Frauen im OP sind selten, ebenso Universitäts-Professorinnen. Wieviel Ellbogen braucht man als Frau, um eine Primarstelle und einen Universitäts-Lehrstuhl einnehmen zu können?

Ich glaube nicht, dass man als Frau mehr Ellbogen braucht als ein Mann. Die Facharztausbildung ist für Männer und Frauen gleichermaßen möglich, erst später wird es schwierig. Natürlich braucht man dann ein gewisses Durchsetzungsvermögen, aber Ellbogentechnik ist da nicht der richtige Weg. Networking ist das Thema! Beim Networking sind uns die Männer noch überlegen: Am Med-Campus 3 bin ich zurzeit die einzige Frau, die eine Klinik leitet. Da ist es für die Männer leichter, weil sie mehr sind und miteinander networken können. Natürlich kann man auch als Frau mit Männern networken – aber ich glaube, es ist für die Männer untereinander derzeit noch normaler und leichter.

Bei so vielen Aufgaben, hatten Sie da schon Zeit, sich hier in Linz einzuleben?

Ich bin dabei. Ich bin Ende Januar, Anfang Februar angekommen - da gab es Eis, Regen, Schnee ohne Ende. Als wir umgezogen sind, mussten wir das Eis weg haken, um die Sachen ins Haus tragen zu können. Ich bin froh, dass jetzt ab und zu blauer Himmel ist. Jetzt möchte ich gern ins Musiktheater und auch die Gegend kennen lernen, das Mühlviertel.


Zwei Nachwuchsprofessorinnen an der Universität Innsbruck

Die Innsbrucker Pharmazeutin Daniela Schuster wurde schon mehrfach für ihre Forschungen ausgezeichnet, 2011 mit dem Ernst-Brandl-Preis. Das Forschungsgebiet der Quantenphysikerin Tracy Northrup aus den USA ist das Quanteninternet. Beide hielten ihre Antrittsvorlesungen am 14. März an der Universität Innsbruck. Die beiden Professuren wurden nach der Tiroler Unternehmerin Ingeborg Hochmair benannt. Ziel dieser beiden Professuren ist die Förderung von Frauenkarrieren in Naturwissenschaften und Technik.