„Hörstörungen sieht man nicht“

OBRITZBERG-RUST. Seit ihrer Kindheit ist Helga Higer aus Landhausen mit Hörstörungen konfrontiert. 2012 gründete sie für die Region Niederösterreich Mitte die Selbsthilfegruppe „Hör dich mal um“.

„Ich hatte das Gefühl, etwas für Schwerhörige in Niederösterreich unternehmen zu müssen. So habe ich mich entschlossen eine Selbsthilfegruppe zu gründen“, erklärt Helga Higer. Diese vereint derzeit etwa 60 Mitglieder und umfasst den Raum St. Pölten Stadt- und Land sowie Lilienfeld. Ziel sei es, das Thema Schwerhörigkeit aufs Tapet zu bringen. „Hörhilfen sollten genauso wie Brillen selbstverständlich akzeptiert werden und nicht nur‚ etwas für alte Menschen‘ sein. Außerdem wollen wir Betroffene unterstützen, eigene Erfahrungen als Hilfe an Betroffene weitergeben und mit anderen regionalen Schwerhörigen-Organisationen zusammenarbeiten“, so Higer.

Induktives Hören

Ein derzeit aktuelles Thema für Higers Gruppe ist induktives Hören in öffentlichen Räumen. „Die Bühne im Hof in St. Pölten wurde mit einer Induktionsanlage ausgestattet. Eine Induktionsanlage funktioniert, ohne mit dem Veranstaltungspersonal in Kontakt treten zu müssen. Jeder, der induktiv hören will, braucht nur sein Gerät in diesem Raum umzuschalten und schon hat man die Töne, die sowieso mit Mikrofon aufgenommen werden, dank der eingeschalteten Induktionsanlage direkt im Ohr. Hört sich dann ähnlich an wie mit Kopfhörer – einfach angenehm und für keinen weiteren Teilnehmer im Saal störend“, erklärt Higer, die betont, dass Induktions-Veranstaltungsräume mit Piktogrammen gekennzeichnet und auch auf der Homepage des Österreichischen Schwerhörigenbundes (ÖSB) abzurufen sind.

Missverständnisse

Das größte Problem, mit dem Menschen mit Hörstörungen konfrontiert sind, ist laut Higer, dass man Hörstörungen nicht sieht. „Jeder der Hörstörungen hat, versucht sie zu verstecken und zu ignorieren. Die Mitmenschen sind irritiert und sehr oft führt das zu Unverständnis, großen Missverständnissen und zu Verurteilungen von Schwerhörigen. Es fallen Sätze wie ‚Der will mich nicht verstehen‘, ‚Der ist ja nicht richtig bei der Sache‘, ‚Der läuft ja nicht rund‘ und so weiter“.

Wenn man die eigene Schwerhörigkeit anspreche, würden Mitmenschen sofort versuchen, lauter zu sprechen. „Das hilft aber meist nichts, da man ja mit Hörgeräten die Lautstärke schon ausgeglichen hat. Es hilft nur, deutlich zu sprechen und sich direkt dem Zuhörer zuzuwenden. Für jeden Schwerhörigen ist eine gewisse Menge von Mimik, Gestik und Mundablesen einfach eine große Hilfe zum Verstehen, denn Schwerhörige verstehen nur Teile des Gesprochenen; das ist wie Lückentext, der Rest muss im Gehirn kompensiert werden“, unterstreicht Higer.

Einschränkungen im Alltag erfahren schwerhörige Menschen Higer zufolge auch beim Besuch kultureller Veranstaltungen, „da die Nebengeräusche und die Umgebungsgeräusche in solcher Stärke stören, dass man dem Vortrag nur unter äußerster Konzentration folgen kann und nach einiger Zeit der Faden mit Sicherheit verloren geht“. Auch in Warteräumen gebe es dieselbe Situation; es ist laut Higer fast unmöglich, die Lautsprecher zu verstehen. „Weiters ist es durch die Akustik in vielen Lokalen für Schwerhörige einfach unmöglich, eine Unterhaltung zu führen – Schwerhörige bleiben dann immer lieber zu Hause. Sie vereinsamen in der Folge“, erklärt Higer die Problematik.

Aktivitäten in der Gruppe

In Higers Selbsthilfegruppe erhalten Betroffene und Angehörige Einzelgespräche und können auch die Gruppentreffen besuchen. „Eine Aktivgruppe vernetzt die Mitglieder und soll gemeinsame Aktivitäten fördern“, so Higer. Die Teilnahme sei kostenlos. In die Lage von Betroffenen kann sich Higer jedenfalls voll und ganz einfühlen: „Da ich von Geburt an einer seltenen Hörstörung leide, bin ich fast alle Situationen, die Schwerhörige miterleben, schon durchgegangen. Meine Devise lautet immer, das Beste daraus zu machen und den Mitmenschen sofort zu sagen, dass Hörprobleme gerade die Verständigung erschweren, damit die Personen gegenüber Bescheid wissen.“ Helga Higer möchte das Thema „Schwerhörigkeit“ aufs Tapet bringen.

Helga Higer

Tel. 0676/3586005
Mail: higer.helga@gmx.at
www.schwerhörige.at