Journalisten durchbrechen Barrieren

Die Dachorganisation der Behindertenverbände Österreichs ÖAR fordert zum Thema ‚Behinderte in den Medien‘: „Behinderte Menschen sollten in größtmöglichem Ausmaß in die Gestaltung von Medienprodukten miteinbezogen werden, um authentische Berichterstattung zu gewährleisten.“ Ehrenamtliche Gruppen und die öffentliche Hand arbeiten an der Umsetzung.

Das Sozialministerium beteiligt sich zumindest in den ersten sechs Monaten an einem Projekt der Austria Presse Agentur apa. Dieser Nachrichtendienst versorgt heimische Medien mit Informationen. Unter dem Stichwort „Top Easy“ bietet er seit März 2017 einzelne Pressemeldungen in einfacher Sprache an, die nicht nur für Medien, sondern auch für NGOs und Privatpersonen verfügbar sind. Fachlich unterstützt wird das Projekt von der Firma capito. Deren Gründerin Walburga Fröhlich über die Relevanz einfacher Texte: „Mehr als 40 Prozent der Erwachsenen verstehen komplexe Informationen nicht und können diese nicht sinnerfassend lesen.“

Lesen üben mit dem Kurier

„Das Service ist auf jeden Fall eine Bereicherung“, ist Nina Bachmayer überzeugt. „Wir überlegen, ob wir es in Zukunft nützen werden.“ Bachmayer ist Trainerin in der Inklusiven Lehrredaktion, einem Berufsqualifizierungsprogramm für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Das Projekt wird vom Kurier gemeinsam mit Jugend am Werk getragen und vom Fond Soziales Wien finanziert.

Jeweils sechs Teilnehmer setzen ausgewählte Beiträge der Tageszeitung Kurier in einfache Sprache um. So üben sie bei sinnbehafteter Tätigkeit im Lauf von drei Jahren jene Fähigkeiten, die für den Eintritt in den ersten Arbeitsmarkt in unterschiedlichen Berufsfeldern wichtig sind: Pünktlichkeit, Telefonieren und E-Mails schreiben, Aufgabenstellungen verstehen und umsetzen, sinnerfassendes Lesen und Rechtschreibung. Da es die Lehrredaktion erst seit Mai 2015 gibt, sind Erfolgsquoten noch nicht absehbar. Positive Rückmeldungen kamen nach Volontariaten der Teilnehmer in Büros, Supermärkten oder Buchhandlungen.

Die entstehenden Texte würden nicht nur von beeinträchtigten Menschen gelesen, sondern auch von Senioren und von allen, die „kurze, auf den Punkt gebrachte Nachrichten vom Tag“ den klassischen Zeitungsberichten vorziehen, so Bachmayer.

‚Freak‘ bedeutet mehrerlei

Völlig anders ist das Konzept von Freak-Radio. Laut wikipedia bedeutet ‚Freak‘: ‚Laune der Natur‘, die Abweichung vom scheinbar Normalen - auf Menschen angewandt ist das so abwertend wie ‚Krüppel‘. ‚Freak‘ beschreibt aber auch eine bewusst unangepasste Lebensweise, die sich in einer bestimmten Angelegenheit besser auskennt als der Durchschnittsbürger: beispielsweise ein Musik-Freak.

Namensgebend für Freak-Radio waren die Freak-Geschichten der Schweizerin Ursula Eggli. Das Radioteam kennt sich in zwei Bereichen gut aus: beim Umgang mit Beeinträchtigungen und beim Journalismus. Chefredakteur Mag(FH) Christoph Dirnbacher, bekannt als Ö1-Journalist und Moderator im Radio-Kulturhaus, nutzt selbst einen Rollstuhl. Er leitet ein inklusives Team aus behinderten und nicht-behinderten Journalisten, beruflichen und solchen aus Passion. Freaks eben, die alles thematisieren, was behinderte Menschen interessieren könnte – Probleme ebenso wie Erfolgskonzepte. Ausgehend nicht vom medizinischen, sondern vom sozialen Modell von Behinderung.

„Nichts über uns ohne uns!“

„Der Anfang war in der Arbeitsgruppe Behinderung und Medien bei bizeps“, erzählt die erste Chefredakteurin Mag. Dorothea Brozek. Dort kam die Neueröffnung von 1476 zur Sprache, der Mittelwellensender am Bisamberg sollte freien Radio-Gruppen zur Verfügung stehen. Im März 1997 ging die erste Sendung auf Funk: Aufgenommen auf einem Mini-Disc-Player, wurden die Bänder im damals einzigen barrierefreien Studio Wiens, am Schöpfwerk, manuell geschnitten.

Die ersten Redaktionsmitarbeiter waren Vertreter der Selbstbestimmt-Leben-Initiative, das Motto: „Nichts über uns ohne uns!“ Mag. Brozek erinnert sich an den Umdenkprozess: statt als Interessensvertreter zu agieren, als Radio-Journalist zu informieren; alle Seiten zu Wort kommen zu lassen.

Später übersiedelte die Produktion in die ORF-Studios in der Argentinierstraße, wo die Unterstützung verständnisvoller Tontechniker die Aufnahmequalität verbesserte.

Weiter machen ist wichtig!

Heute bietet Freak-Radio eine integrierte online-Redaktion: Radio- und Video-Beiträge, sowie Online-Beiträge zum Lesen – auch in leichter Sprache. Die Redaktion postet regelmäßig auf Facebook.
„Jede Sendung erweitert den Horizont!“, schwärmt der AHS-Lehrer Mag. Gerhard Wagner über seine Erfahrungen als Radiomacher. „Eine Hirnrissigkeit der Öffentlichkeit zeigen“ sei manchmal Motivation, doch seine Vorliebe: „Das Porträt ist das schönste, da eröffnen sich neue Lebenswelten.“

„Macht im Sinne von machen!“ freut sich Freak-Pionierin Brozek über Veränderungen, die mit so mancher der Sendungen ausgelöst oder unterstützt werden konnten. Chefredakteur Dirnbacher möchte gerade heute junge, behinderte Menschen für den Journalismus begeistern - allgemein und speziell bei Freak-Radio. Denn, so der allgemeine Tenor: „Das, was man hat, kann einem auch weggenommen werden – weiter machen ist ganz wichtig!“

Quelle: Freak-online.at

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