Netzwerke der Wohltätigkeit (Rotary & Co)

Service-Clubs wollen dem Gemeinwohl dienen. Die Mitglieder nützen ihr Können und ihre Verbindungen für die wohltätigen Anliegen der Vereinigungen.

Chicago im Februar 1905. Vier Männer mittleren Alters treffen einander. Vier Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten: ein Jurist, ein Kohlenhändler, ein Bergbauingenieur und ein Schneider. Sie werden die Gründungsväter einer weltumspannenden Organisation - Rotary international umfasst heute über 34.000 Clubs in 215 Ländern mit 1,2 Millionen Mitgliedern. Die Distrikte 1910 und 1920 decken Österreich mit etwa 200 Clubs ab, fast zehn Prozent davon in Wien.

Rotary ist damit der mitgliederreichste Service-Club weltweit. Service-Clubs sind berufsständisch aufgebaute Gemeinschaften mit dem Ziel des Gemeinwohls, sowie der Geselligkeit. Die Mitgliedschaft ist unabhängig von Herkunft und Konfession, doch werden hohe ethische Grundsätze im Privat- und Berufsleben vorausgesetzt – ein Anspruch, der bei Ärzten auch zum Berufsethos gehört. Andere solcher Wohltätigkeitsclubs sind beispielsweise Kiwanis oder Lions. Der international bekannte Civitan ist in Österreich nicht vertreten.

Ein hilfreiches Netzwerk

Kliniker der Ruhr-Universität Bochum entwickelten 2009 in Kooperation mit den zuständigen Stellen in Ruanda ein Ausbildungsprogramm für HNO-Ärzte im südafrikanischen Land. Rotarier Prof. Dr. Stefan Dazert ist als Spezialist für Hörimplantate international bekannt. „Die Initiative zu diesem Projekt entstand über einen Kontakt, der ursprünglich über Rotary zustande kam“, erklärt er dem Wissenschaftsmagazin Rubin. „“ Der Rotary Club Bochum-Rechen finanziert die notwendigen Reisen, Geräte und Materialien, die Spezialisten aus Deutschland engagieren sich honorarfrei. Mittlerweile besuchten auch Fachärzte aus Runada die Uni-Klinik in Bochum.

„Wichtig ist die Nachhaltigkeit der Projekte“, verweist die Wiener Rotarierin Maria Rauch-Kallat auf die Ausrottung von Kinderlähmung als Erfolg der internationalen Arbeit von Rotary. „Rotary hat sich für die weltweite Impfung engagiert. Mit den vielen Clubs weltweit können wir gemeinsam einiges erreichen.“

Es geht aber auch um caritative Tätigkeiten im lokalen und regionalen Bereich: Begabte Kinder können ebenso eine Förderung erhoffen wie behinderte Menschen Unterstützung. Prof. Dr. Klaus Böheim, bis 2013 HNO-Primar der jetzigen Universitätsklinik St. Pölten und Gründer des dortigen CI-Zentrums, ist Mitglied im Lions-Club St. Pölten. Über seinen Club hat er seinerzeit Materialien für hörbeeinträchtigte Schüler der Schule Stattersdorf organisiert, MED-EL konnte er dafür als Sponsor gewinnen.

Aktuell wird die Rotary Jugendorganisation Rotaract als Sponsor für das VIVA-Kindertheater genannt. Die tschechische Organisation Pink Crocodile erhält Unterstützung von Lions International, sowie von den tschechischen Lions-Clubs: Pink Crocodile unterstützt mehrfach behinderte Kinder mit Hörbeeinträchtigung, die Organisation wird auch von MED-EL unterstützt.

Elitäre Kaderschmiede für Männer?

In Europa stehen Service-Clubs im Ruf als Karriereschmieden der Oberschicht. Auch wenn Interact, die Jugendorganisation von Rotary, die Heranbildung künftiger Führungspersönlichkeiten als eines der Ziele nennt, ist der humanitäre Gedanke auch dort im Vordergrund. „Die Leute sind im Club, weil sie bereits Karriere gemacht haben. Sie verfügen über gute Kontakte und pflegen diese dann im Club“, relativiert Soziologe Sebastian Gradinger in der Zeit. Maria Rauch-Kallat von Rotary Wien erklärt: „Der Mitgliedsbeitrag ist beträchtlich, aber leistbar auch für die Mittelschicht.“ Die Gelder fließen in humanitäre Projekte. Eine aktive Bewerbung als Mitglied sei aber nicht gern gesehen - Aufnahme bei Rotary wird man von bestehenden Mitgliedern vorgeschlagen. „Wichtig ist aber vor allem, dass man sich zu den ethischen Grundsätzen bekennt.“

Wurden früher Frauen-Clubs für die Gattinnen der männlichen Club-Mitglieder geführt, denen primär Hausfrauen angehörten, so bieten mittlerweile viele Clubs auch gemischte Gruppen mit gleichen Voraussetzungen für beide Geschlechter.

Der 1919 gegründete Zonta ist ein reiner Frauen-Club mit dem erklärten Ziel, die Situation benachteiligter Frauen lokal, regional und weltweit zu verbessern – Männer profitieren in zweiter Linie, wenn etwa HIV-Ansteckung bekämpft wird. „Natürlich kommen auch Netzwerkgedanke, Geselligkeit und Freundschaften nicht zu kurz“, schmunzelt Zontian Carmen Kronawettleitner-Berger, und ergänzt stolz: „Zonta International hat als eine von wenigen NGOs Beraterstatus bei der UNO und arbeitet eng mit ihr zusammen.“

Die Teilnahme an den regelmäßigen Club-Treffen ist bei vielen Service-Clubs verpflichtend, so auch bei Rotary. „Bei unseren Mittagsmeetings verbinden wir einen zwanzig-minütigen Vortrag und anschließende Diskussion mit einem gemeinsamen Essen“, beschreibt Rauch-Kallat die Gepflogenheiten. „Beim Rotary-Club in Mödling setzt man sich vorher zusammen und vielleicht nachher“, beschreibt Rotarier Prof. Dr. Michael Frass die Herausforderung an ihn als CI-Nutzer: „Da ist ein ziemlicher Lärm, wenn die Männer miteinander quasseln – es sind aber auch drei Frauen bei uns.“ „Neben den Clubmitgliedern sind auch Gäste aus anderen Rotary-Clubs willkommen, etwa wenn diese gerade auf Durchreise in Wien sind. Ohne vorherige Kontaktaufnahme erkennt man einander an der Anstecknadel im Revers, die oft auch außerhalb der Club-Veranstaltungen getragen wird. Nicht-Rotarier können nur ausnahmsweise auf Einladung teilnehmen.

Engagieren und unterstützen

„Ich betrachte mich als privilegiert, weil ich im friedlichen, sozial sicheren Österreich geboren wurde, eine gute Ausbildung absolvieren durfte und gesund bin“, erklärt MED-EL Mitarbeiterin Kronawettleitner ihr Engagement bei Zonta: „Hier kann ich meine Fähigkeiten, meine Arbeitskraft und meine Freizeit einsetzen, um die Welt ein kleines Stück besser zu machen.“

Bei Zonta seien Interessentinnen immer willkommen: „Jede Frau kann uns bei Interesse kontaktieren, um als Gast an einem Clubabend teilzunehmen.“ Den nächstgelegenen Zonta-Club findet man über http://zonta.org oder http://zonta-district14.org.

Im Hochsommer haben manche Service-Clubs Pause, bei anderen wechseln ‚Plaudermeetings‘ mit ‚Ausritten‘ zu Ausstellungen oder zum Heurigen. Spätestens im Advent wird wieder Hochsaison für die caritative Arbeit sein – Club-Mitarbeiter stehen alljährlich Hütte an Hütte bei diversen Adventmärkten, organisieren eigene Weihnachtsmärkte oder lukrieren über Punschverkauf zusätzliche Gelder für wohltätige Zwecke. Wer möchte, kann ihre Arbeit quasi im Vorbeigehen unterstützen.

Ein Teil der Mittel wird wohl auch 2018 in die Unterstützung für hörbeeinträchtigte Menschen fließen; oder in die Qualifikation jener Fachkräfte, die zukünftig hörbeeinträchtigte Menschen weltweit betreuen werden.