Sich der Welt stellen

Dostojewskis Die Brüder Karamasow - Ein packender Kriminalroman, eine ergreifende Familienchronik, ein beklemmendes Psychogramm der menschlichen Existenz.

Wir leben in einer Welt, in der es den Wissenschaften schwer fällt, Wahrheiten zu finden, die die Zeit überdauern. Althergebrachte Erkenntnisse werden in immer kürzeren Zeitabständen in Frage gestellt. Gibt es Wissen ohne Verfallsdatum? Dostojewski entwickelt in seinem im 19. Jahrhundert entstandenen Roman eine zeitlose Perspektive auf die Seele des Menschen. Seine Beschreibungen haben auch im heutigen 21. Jahrhundert ihre Bedeutung nicht verloren.

Auf der Suche nach dem Schuldigen

„Alexej Fjodorowitsch Karamasow war der dritte Sohn des in unserem Kreis ansässigen Gutsbesitzers Fjodor Pawlowitsch Karamasow, der seinerzeit sehr bekannt war (und bis heute noch nicht vergessen ist) wegen seines dunklen, tragischen Endes, das vor genau dreizehn Jahren eintrat…“ (Erster Teil, Erstes Buch, Die Geschichte einer Familie, 1. Fjodor Pawlowitsch Karamasow)

Die drei Söhne des lüsternen und närrischen alten Karamasow kehren in ihr Elternhaus zurück. Voll Hass und Verachtung wünschen sie seinen Tod herbei, und kurz danach wird der Vater tatsächlich ermordet aufgefunden. Alles deutet auf Dimitrij hin, den ältesten Sohn und Rivalen des Vaters bei der begehrenswerten Gruschenka. So beginnt die berühmte Kriminalgeschichte, die den Leser auf vielen Seiten- und Irrwegen immer tiefer in die Verstrickungen von Verbrechen und Schuld mit hineinzieht, und erst am Ende kommt die Auflösung.

Doch im Mittelpunkt steht nicht das kriminelle Delikt als solches: es sind die tragischen Konflikte der Brüder, von denen jeder ein Lebensprinzip verkörpert, das in einem fortschreitenden Erkenntnisprozess infrage gestellt wird. Anhand ihrer Figuren beschreibt Dostojewski die ganz unterschiedlichen existenziellen Möglichkeiten, sich der Welt zu stellen. Der Roman führt etwa vor, in welche Schuld sich ein leidenschaftlicher, aber ehrlicher Mensch wie Dmitrij verstricken kann. Er zeigt die Konsequenzen der intellektuellen Kälte eines Iwan, der am Ende erkennen muss, zu welchen grausamen Konsequenzen sein Intellektualismus führt. Und der liebende Umgang Aljoschas, der zunächst im Kloster lebt, kann gleichwohl das Unglück nicht verhindern.

Bedeutender Russe

Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881) zählt zu den bedeutendsten Dichtern der Weltliteratur. Er war der Sohn eines Armeearztes aus Moskau. Nach kurzer Tätigkeit als technischer Zeichner im Kriegsministerium in St. Petersburg wurde er freier Schriftsteller. Wegen seiner Teilnahme an einem revolutionären Zirkel wurde er 1849 verhaftet und zum Tode verurteilt. Unmittelbar vor der Erschießung wurde er zu Zwangsarbeit und anschließendem Militärdienst in Sibirien verurteilt. 1859 kehrte er nach St. Petersburg zurück. Die Jahre Zwangsarbeit als politischer Häftling und beständige Geldnot wegen seiner Spielleidenschaft zeichneten den unermüdlich Schaffenden. St. Petersburg wurde die zweite Heimat dieses bedeutendsten russischen Realisten und Hauptschauplatz seiner berühmtesten Romane, die bis heute weltweit bewundert und gelesen werden. Dazu zählen neben Die Brüder Karamasow Schuld und Sühne, Der Idiot, Die Dämonen , Der Spieler und Der Jüngling.

Gehört oder doch Gelesen?

Die Brüder Karamasow - der Weltliteraturklassiker schlechthin. Wer ihn nicht gelesen – oder gehört - hat, hat etwas verpasst. Dieses dichte und verzwickte letzte große Werk Dostojewskis kann man nicht in ein paar Sätzen zusammenfassen. Den ergreifenden Roman muss man einfach selbst lesen – oder hören, auch wenn er fast 1.200 Seiten – fast 41 Stunden Hörstunden - umfasst. Der Roman ist auf der Handlungsebene leicht verständlich geschrieben. Man erhält einen Einblick in die russische Kultur und Mentalität der Menschen. Anfangs muss man sich ein wenig orientieren, aber dann offenbart sich die gesamte Meisterlichkeit von Dostojewski. Selten findet man einen so tiefen Kenner der menschlichen Seele. Das Buch ist einerseits ein spannender Kriminalroman, auf der sinnbildlichen Ebene handelt es sich aber um ein äußerst anspruchsvolles Werk. Dies dürfte der Grund dafür sein, dass das Werk seine Faszination bis heute nicht verloren hat und viele Literaturkritiker Die Brüder Karamasow für den besten Roman der Welt halten, die je ein Schriftsteller geschrieben hat.

Oliver Rohrbeck als Vorleser fehlt es von Zeit zu Zeit ein wenig an Gespür für die einzelnen Figuren, gerade weil Dostojewski manche Charaktere satirisch überzeichnet, andere aber auch dramatisch und mit pathetischem Ernst oder gar sentimental nachzeichnet. Rohrbecks Stimme durch die Ruhe darin ist gerade für Hörimplantat- Nutzer ausgesprochen gut verständlich und daher trotzdem eine aus meiner Sicht gute Wahl. Alles in allem unbedingt empfehlenswert!