AUDIOVERSUM – ein Museum rund ums Hören

Bei meinem Rundgang durch das Innsbrucker AUDIOVERSUM genieße ich neue Erfahrungen rund ums Thema Hören: unterhaltsame Exponate für Erwachsene und Kinder, Angebote für Kunstinteressierte, mitnehmbare Audioguides und regelmäßige Podcasts.

Wer sich nicht lange mit überdimensionalen Kopfhörern aufhält, deren physische Größe ihre Lautstärke greifbar machen sollen, der landet beim Betreten der Hauptausstellung im AUDIOVERSUM gleich bei meinem absoluten Lieblingsexponat: beim „Binauralen Spiel“. Über Kopfhörer wird Vogelgezwitscher eingespielt, und zwar so, dass der Besucher die imaginären Vögel orten und „fangen“ kann. Können sollte. Andere können das, das habe ich mehrfach beobachtet. Ich selbst kann es nicht.

Ich hopse nur wie ein elektrifiziertes Eichhörnchen durch die Installation und lande rein zufällig den einen oder anderen Treffer. Ich bin nämlich nicht „normalhörend“ und mein Richtungshören ist deutlich unterentwickelt. Das beweise ich im Alltag jedes Mal, wenn ich mein läutendes Telefon suche. Nur dass die virtuelle Suche nach den Piepmätzen im AUDIOVERSUM deutlich mehr Spaß macht.

Genau dieser Spaß ist es, der hilft, Wissen zu vermitteln: in diesem Fall Wissen über die Schallortung als Fähigkeit, zu der man beidseitiges Hören und die entsprechende kognitive Erfahrung benötigt.

Homo ludens im Museum

Der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga vertrat schon 1938 die Meinung, Spiel sei ein zentraler Faktor von Kultur, ja Kultur entstehe sogar in Form von Spiel. Er ergänzte das Bild vom denkenden und schaffenden Menschen „homo sapiens“ und „homo faber“, mit jenem des spielenden Menschen „homo ludens“. Auch bei der Vermittlung von Kultur werden immer öfter spielerische Elemente eingesetzt, besonders wenn sich diese an Kinder wendet.

Julia Sparber-Ablinger leitet das AUDIOVERSUM Science Center: „Die kindgerechte Vermittlung der Hauptausstellung erfolgt über eine lustige Rätselrallye via Tiptoi-Stift. Das Ohrmodell in unserer Werkstatt erklärt uns Trude – die AUDIOVERSUM-Clownfrau in den Kurzvideos. Die Kinder können die von Trude erklärten Experimente live ausprobieren. Für die kommende Sonderausstellung schreiben wir eine eigene Kindergeschichte für den Audioguide, in den aber auch Erwachsene reinhören können. Wir machen die Erfahrung, dass Rätsel in Kindersprache auch bei den Großen gut ankommen!“

„Der Spieltrieb lässt mit Einsätzen der Pubertät zunehmend nach“, so Andrea Zsutty, Kunsthistorikerin, Kulturvermittlerin und Direktorin des ZOOM-Kindermuseums in Wien. Beim Symposium Dürnstein 2021 sprach sie unter dem Titel „Bildung, ein Kinderspiel“ über spielerische Aspekte in der Museumspädagogik [1]. „Spiel ist aber auch für Erwachsene von Bedeutung, denn durch das Spiel können sich Potentiale entfalten, Gehirnzellen neu vernetzen und die Gedächtnisleistung wird gefördert.“ Spielerische Elemente sind bei kreativen Schaffensprozessen etabliert, finden zunehmend Einzug bei Ausstellungen und Museen auch für Erwachsene und sind sogar bei Management-Schulungen zu finden. Zsutty ist sicher: „Erwachsene benötigen Sinneserfahrungen auch, um Bildungsinhalte besser erfassen zu können.“

Mehr als ein paar Hands-on Exponate

Nicht nur die vage Hoffnung, dass ich einmal doch der Amsel oder des Kuckucks habhaft werden könnte, zieht mich immer wieder ins AUDIOVERSUM. Neben wechselnden Sonderausstellungen wird auch die Hauptausstellung regelmäßig mit neuen Exponaten erweitert, wie aktuell mit der neu gestalteten „Zeitleiste“: Rund 100 Einträge können auf einem überdimensionalen Touchscreen abgerufen werden und erzählen über die Meilensteine in der Entwicklung der Hörtechnologie. Die letzten 35 Jahre davon habe ich in meiner beruflichen Tätigkeit selbst miterlebt, doch begonnen hat diese Entwicklung schon um vieles früher. Ob ich beim nächsten Besuch wohl das zugehörige Quiz lösen werde können?

Für Kinder bietet das Pädagogikkonzept des AUDIOVERSUM neben den interaktiven Exponaten eine Vielzahl weiterer Angebote: Von der klassischen Kinder- oder Schulführung und verschiedenen Workshop-Angeboten, über altersgemäße Rätsel- oder Tiptoi-Rallyes bis zur Geburtstagsparty im Museum. Lehrkräften gewährt das Science Café vertiefte Einblicke in die Vermittlungskonzepte und Impulse für den Schulalltag.

In der MED-EL World wird die Entwicklung der Hörimplantate in Österreich dargestellt. ©Audioversum

Lautmalerei vom Comic bis zu moderner Kunst

Während die lieben Kleinen im Workshop das Hören neu entdecken, sind seit September 2020 wartende Eltern – und nicht nur sie – zum Kunstgenuss im Foyer eingeladen: Kunst zum Hören zeigt künstlerische Visualisierungen von Geräuschen anhand von Werken von der österreichischen Künstlerin Deborah Sengl bis zum US-amerikanischen Pop Art Künstler Roy Lichtenstein. Die Audiobilder dazu zeichnet der Audio-Experte Peter Kollreider. Zu hören via Tonspur, die von Ö1-Moderator Paul Kraker eingesprochen wird. Die umfangreichen Sachinformationen werden natürlich akustisch mitgeliefert: „Bei Kunst zum Hören kann man nicht nur richtig entspannen, sondern auch viel dazulernen“, lädt Museumsdirektorin Julia Sparber-Ablinger ein.

Zum Flanieren und Lauschen im künstlerischen Ambiente lädt aber auch die SOUND GALLERY der Hauptausstellung ein: Audioinstallationen, umrahmt von Bildender Kunst. Aktuell ist die Serie COEXIST der deutschen Fotografin und Filmregisseurin Franziska Stünkel zu sehen. Die Fotoserie beschäftigt sich mit natürlichen Reflexionen auf Schaufenstergläsern in den Metropolen der modernen Welt und verdichtet bildlich die Koexistenz der menschlichen Sinne im Alltag.

Museen als Bildungseinrichtungen

Der Internationale Museumsverband ICOM definiert die Aufgabe von Museen: „Sie [die Einrichtung] erwirbt, bewahrt, beforscht, präsentiert und vermittelt das materielle und immaterielle Erbe der Menschheit und deren Umwelt zum Zweck von Studien, der Bildung und des Genusses.“ Mit Vermitteln sind Verständlich machen und Interpretieren mitgemeint. Es geht dabei um Bildung im umfassenderen Sinn.

Das AUDIOVERSUM kommt diesen Forderungen in mehrfacher Weise nach: Die Besucher können einzelne Funktionen des Hörsinns spielerisch-unterhaltsam erproben und erfahren. Infotafeln, Schauobjekte und Videoclips bieten Informationen über Hören, Hörverlust und Hörhilfen. Wechselnde Sonderausstellungen ordnen die Hörfähigkeit des Menschen in dessen Lebenswelt ein und setzen sie mit anderen Sinneseindrücken, kognitiven Leistungen und unserer Kulturgesellschaft allgemein ins Verhältnis. So wie bei der aktuellen Sonderausstellung über das Visualisieren von Musik in Form von Plattencovers.

„Sprache ist Malerei für das Ohr.“

Das Zitat des französischen Moralisten und Essayisten Joseph Joubert ziert die Postkarte, die ich vor dem Nachhausegehen noch im Museumsshop erwerbe. Zur Postkarte bekomme ich ein kleines Kärtchen mit einem QR-Code, über den ich wieder bei der Stimme Paul Krakers lande. Diesmal beschreibt er den Charme des „Armen-Telegramms“ und erklärt nebenbei, dass auf Postkarten kein Platz für literarische Ergüsse sei. Ich werfe nochmals einen Blick auf meine Postkarte und überlege, ob Aphorismen zur Literatur gehören. Und zu den Ergüssen? Sollte ich das Zitat auf der Karte als verbildlichten Antagonismus verstehen?

Spannend finde ich, was Kraker sonst noch so alles über mein neues Kleinod zu erzählen weiß. Viele der Produkte im Museumsshop haben ihre eigene Geschichte. Der Käufer kann diese in der HÖR-BAR auditiv abholen. So bleibt das AUDIOVERSUM sogar im Shopbereich seiner Philosophie des Edutainments treu: Unterhaltung, Information und Bildung zugleich.

In dieses Konzept fügen sich auch die dreiwöchigen Podcasts des AUDIOVERSUM, die sich passend zur aktuellen Sonderausstellung zurzeit um die Schallplatte drehen. Mit den QR-Codes und Podcasts kann ich das AUDIVERSUM jetzt ein Stück weit mit nach Hause nehmen, unterwegs genießen und nachklingen lassen. Und ich kann mich damit schon jetzt auf meinen nächsten Besuch vorbereiten!


Der Musik ein Gesicht geben: Die Sonderausstellung „Wir hören Vinyl!“

Die aktuelle Sonderausstellung im AUDIOVERSUM beleuchtet die Gestaltung von Schallplatten-Covers, die der darin geborgenen „Musik ein individuelles Gesicht geben“, wie Kuratorin Sparber-Ablinger formuliert. Schutzhüllen, die zugleich von „Liebe und Tod, Mode und Design, Trauer und Rebellion“ erzählen.

Die Beispiele reichen dabei vom fast nüchternen Conterfey des US-amerikanischen Jazz-Trompeter und -Sänger Louis Armstrong bis zum künstlerischen Cover einer Arik Brauer-Aufnahme: Das Wiener Multitalent hat auch seine Plattenhüllen selbst gestaltet. Die Ausstellung will die Zusammenhänge zwischen Tönen, Bildern und Gesellschaft thematisieren und beschreibt dabei rund 70 Jahre Musikgeschichte.

Schöne Töne – völlig staubfrei

Wer sich eine historisch angestaubte Sammlung erwartet, wird von Exponaten aus unserem Jahrtausend überrascht sein: von zeitgenössischen Künstlern wie dem mysteriösen Banksy oder dem Konzeptkünstler und chinesischen Dissidenten Ai Weiwei beispielsweise. Einer historischen Jukebox stehen Elektronische Musik und ein exklusives Interview des österreichischen Designers Stefan Sagmeister gegenüber, der aus seinem New Yorker Loft von den schönsten Plattendesigns erzählt.

Die akustische Führung durch die Ausstellung ist mittels QR-Codes abrufbar und präsentiert Musik und Geschichte zum jeweiligen Cover. Auf Deutsch werden diese Geschichten vom Ö1-Radiosprecher Paul Kraker erzählt, in Englisch vom legendären Stuart Freeman von FM4. Besucher, die kein eigenes Smartphone, iPod oder anderes Abspielgerät mit Internetanschluss mitbringen, können an der Kasse Leihgeräte borgen.

Die Ausstellung ist noch bis Ende des Jahres zu sehen.

Sonderausstellung über „das Schöne der schwarzen Scheibe“ ©Audioversum 

AUDIOVERSUM ScienceCenter

Wilhelm-Greil-Straße 23, 6020 Innsbruck
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10:00 bis 17:00, Feiertage geöffnet
Tel.: +43 (0)5 7788 99

E-Mail: office@audioversum.at
Aktuelle Informationen www.audioversum.at
Infos und Expertentalks www.audioversum.at/blog
Dreiwöchige Podcasts www.audioversum.at/podcast

[1] „Bildung, ein Kinderspiel!“, Andrea Zsutty, Symposium Dürnstein 2021, https://www.youtube.com/watch?v=TtitglmEp34

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