Leben mit Hörverlust in Palästina

Um die Jahreswende steht im Fokus westlicher Kulturen die Stadt Bethlehem. Kinder dort mit Hörproblemen oder anderen Einschränkungen werden dabei oft ausgeblendet.

Ein Stall, eisiger Schnee und ein Neugeborenes in der Futterkrippe von Ochs und Esel – mit solchen Bildern feiern wir in Österreich kurz vor der Jahreswende ein angeblich besinnliches Familienfest, das auch wesentlicher Faktor heimischer Wirtschaft ist.

Unabhängig, welche Bedeutung wir jenem Neugeborenen zumessen, dessen Geburtstag uns den Anlass schenkt: Dass dieser Jesus im damals jüdischen Reich unter römischer Besatzung lebte, also auch geboren wurde, das ist historisch belegt. Wo und wann exakt bleibt Sache des Glaubens: Während der Koran die Geburt von Îsâ „in Abgeschiedenheit“ beschreibt – islamische Tradition vermutet sie in oder nahe Jerusalem, verorten christliche Evangelien Jesu Geburt in einem Viehunterstand im zehn Kilometer entfernten Bethlehem, das heute im israelisch verwalteten Palästina liegt.

Schnee gibt es dort sicher keinen, aber Weihnachten feiert man jeden Tag: In der Geburtsgrotte bei der Virgil und in den Geburtskliniken der Region mit jedem Neugeborenen. Doch viele der Kinder haben Höreinschränkungen.

Leben in Bethlehem

Bethlehem ist heute einer der Tourismusmagnete der palästinensischen Autonomiegebiete, doch den Alltag prägen wiederkehrende Eskalationen des Nahostkonflikts. Palästina hat keinen eigenen Flughafen und ist auch in anderer Hinsicht in weiten Bereichen auf Hilfe von auswärts angewiesen. Die palästinensische Bevölkerung, vorwiegend Moslems und Christen, sind von den widrigen Umständen heftig gefordert – das trifft besonders Kinder, Kranke und Behinderte: Die Säuglingssterblichkeit in Palästina ist fast fünf Mal höher als in Österreich. Für je 1.250 Einwohner steht nur ein Arzt zur Verfügung, ähnlich schwierig ist die Situation bei sonstiger medizinischer oder sozialer Versorgung.

„Hier lebende Personen ohne Beeinträchtigung haben schon Schwierigkeiten, ihre Grundbedürfnisse zu decken – deshalb werden Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen von ihren Mitmenschen leider meist übersehen“, erklärt Burghard Schunkert, Leiter des Lifegate-Kindergartens in Beit Jala. Staatliche Unterstützung oder öffentliche Förder- und Bildungsprogramme fehlen. Öffentliche Kindergärten und Schulen würden meist zögern, betreuungsintensive Kinder mit Behinderung aufzunehmen, so die Erfahrung.

Effata – Ohren und Zunge, öffnet euch!

Drei Prozent der palästinensischen Bevölkerung hat Hörprobleme, vorwiegend genetisch bedingt – in manchen isolierten Siedlungen sind es bis zu 15 Prozent. Zur fehlenden staatlichen Versorgung kommt die mangelnde Information der Bevölkerung über die Folgen von Hörproblemen und über mögliche Gegenmaßnahmen.

Mitglieder der Gruppe World Hearing Forum Changemakers der WHO ist Effeta, eine 1971 gegründete Sonderschule in Bethlehem für etwa 180 taube Kinder mit Fokus auf orale Rehabilitation. Die von einem italienischen Orden geführte Schule, von der Frühförderung bis zur Unterstufe, will die Schüler auf ein erfolgreiches Leben in der hörenden Zivilgesellschaft vorbereiten. Sie bietet auch Internat, Elterngruppen und Sozialbetreuung für die Familien. Neben Hörgeräten kommen Lippenlesen, Mimik und das Fühlen der Vibrationen der Kehle zur Anwendung.

Lifegate bedeutet „Tor zum Leben“ – genau das möchte der deutsche Förderverein für Rehabilitation im Westjordanland für junge Menschen mit Behinderungen sein. In Beit Jala bei Bethlehem bietet er für rund 250 Betroffene und deren Familien Unterstützung von der Frühförderung bis zur Berufsausbildung und Therapie, darunter auch zahlreichen Kindern mit Hörproblemen. Hilfsmittel wie Gehhilfen, Brillen oder Hörgeräte zählen zu den „Weihnachtswünschen“ der Kleinen – von Österreich aus hilft Jugend eine Welt, diesen Bedarf soweit möglich zu decken.

Nail, Birgit, und das Licht des Hörens

Vielleicht waren sie im gleichen Flugzeug gekommen, der achtjährige Nail aus dem Westjordanland und die fünf Jahr ältere Birgit aus Oberösterreich; wahrscheinlich ist das aber nicht. Während Birgits Friedenslicht aus Bethlehem auf seine Verteilung auf weihnachtliche Laternen in ganz Österreich wartete, drückte sich der zarte Nail fest an die Beine seines Vaters und wartete auf seinen Kontrolltermin am Wiener AKH. Anfang dieses Jahrhunderts war für Kinder aus Bethlehem und Umgebung Hörimplantation und -betreuung in Palästina faktisch nicht möglich; spätestens seit der zweiten Intifada, dem Bau der Trennmauer und den verschärften Bestimmungen Israels zum Grenzübertritt, war auch medizinische Betreuung im Nachbarland nicht realistisch.
Das war für BASR, die „Bethlehem Arab Society for Rehabilitation“, der Auslöser, ihr medizinisches Angebot zu erweitern. Seit 2008 ist dort auch die CI-Nachbetreuung möglich.

Hörimplantate in Palästina

BASR ist eine NGO, eine private Hilfsorganisation, 1960 von der britischen Leonard Cheshire Charity gegründet und seit 1975 von einem lokalen Team geführt. Sie bietet Menschen unabhängig von deren Religion, Geschlecht, Sozialstatus oder Behinderung medizinische Behandlung, auch wenn sie dafür nicht oder nicht vollständig bezahlen können.

Zurzeit ist BASR eine von drei Zentren, die in Palästina CIs und andere Hörimplantate bereitstellen. Mangels staatlichem Implantat-Programm und finanziellen Ressourcen der Betroffenen werden Implantate und Implantation aus Spenden finanziert. Über die Möglichkeit einer Implantation erfahren die Familien meist über Internet oder Facebook. Die Wartelisten sind aber lange: Zurzeit können nur etwa 25 Prozent des jährlichen Bedarfs finanziert werden.

Wir weigern uns, Feinde zu sein!

Gemeinsam ist den genannten Projekten in der Region Bethlehem, die den schwächsten der örtlichen Gesellschaft helfen wollen, dass sie offen sind für Menschen unabhängig von deren Nation oder Religion. Keine Selbstverständlichkeit im Kerngebiet des Nahostkonflikts. Samenkörner der Hoffnung für die Menschen der Region.

Wenn man auf der unbefestigten Straße nach Nahalin bei Bethlehem die Straßensperre passiert und weiter zum Anwesen der Familie Nassar hochgeht, erblickt man kurz vor dem Eingangstor einen Stein mit der Aufschrift: „Wir weigern uns, Feinde zu sein!“ Die arabisch-christliche Familie hat ihr Grundstück zum „Zelt der Nationen“ ausgerufen. Junge Menschen verschiedener Nationen und Religionen sind eingeladen zu Workshops und Arbeitscamps. Ziel ist, gezielt Vorurteile ab- und Verständnis aufzubauen: für ein friedliches Miteinander, geboren irgendwo zwischen Bethlehem und Jerusalem.


BASR Bethlehem Arab Society for Rehabilitation: Niederschwelliges, medizinisches und therapeutisches Angebot mit Fokus auf Behinderungen https://basr.org/eng/

Effata: Sonderschule für hörbeeinträchtigte Kinder www.scuolaeffeta.org

Lifegate: Förderung und Therapie für gehörlose, sehschwache und chronisch kranke Kinder www.lifegate-reha.org und https://www.jugendeinewelt.at/projekte/laender/naher-und-mittlerer-osten/palaestina/liebevolle-betreuung-fuer-die-kleinsten/

Zelt der Nationen: Familienfarm zur Bildung von Völker- und Umweltverständnis www.tentofnations.org

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