Barrierefreie Weiterbildung mit CI

Bildung ist ein erklärtes Menschenrecht – ausgerichtet auf die Entfaltung der Persönlichkeit und damit über zweckorientierte Ausbildung hinausgehend , ohne altersbedingte Begrenzung [1][2] und auch ohne Einschränkungen in Folge einer Behinderung [2].

„Erstaunlicherweise ist Kultur in der postindustriellen Informationsgesellschaft eine Randerscheinung geworden“, verweist Kuratorin Dr. Ursula Baatz beim Symposium Dürnstein Lebensmittel Bildung im Frühling 2021 auf die Einschränkungen im Pandemie-bedingten Lockdown. Jakob Reichenberger, Direktor des Bildungshauses St. Virgil, bezieht diese Kritik nochmals konkret auf die Erwachsenenbildung, die im Lockdown oft nur für beruflich begründete Angebote möglich war: „Die Grenzziehung zwischen allgemeiner und beruflicher Weiterbildung ist oftmals hinderlich.“

Eine Erfahrung, die Menschen mit Behinderung auch außerhalb von Pandemiezeiten machen, wenn es etwa um jene Förderungen geht, welche ihnen die Teilnahme an solchen Bildungsmaßnahmen ermöglichen. CI-Nutzerin Katrin Ulbl kennt als ehemalige Mitarbeiterin beim Bildungshaus Retzhof die Folgen: „Die Hemmschwelle, dass sich hörbeeinträchtigte Menschen trauen, einen Kurs zu besuchen, die ist relativ groß.“

Lernen bringt Lebensqualität – ein Leben lang

Aus der soziobiologischen Situation ergäbe sich ein Anspruch des Menschen auf Bildung, ist Baatz überzeugt, und das weit über die allgemeine Schulpflicht hinaus: „Das menschliche Gehirn ist erst rund zwei Jahrzehnte nach der Geburt einigermaßen ausgebildet und bleibt bis zum Ende des Lebens plastisch, also lernfähig.“ Eine Tatsache, die – nebenbei gesagt – nicht zuletzt bei der Cochlea-Implantation genutzt wird, wenn das Gehirn lernt, die künstlich nachgebildeten Nervensignale zu verstehen.

„Ausbildung kann unter Umständen die finanziellen Mittel für den Lebensunterhalt liefern, Lebensqualität gibt es erst durch Bildung“, mahnt die Philosophin, Bildung nicht als Ausbildung misszuverstehen. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Mallinger, Rektor der Karl Landsteiner Privatuniversität, geht noch weiter: „Es geht auch darum, aus einem Grundnahrungsmittel ein Genussmittel zu machen: Bildung so zu verstehen, dass es Spaß macht zu lernen und sich weiterzubilden.“

Herausforderung: Bildung für gehörlose und schwerhörige Erwachsene

Das Recht auf Aus- und Weiterbildung auch für Menschen mit Behinderung ist heute unumstritten, auch wenn die dafür optimalen Bedingungen immer wieder diskutiert und weiterentwickelt werden. Zweckfreie Bildung bleibt jedoch der Eigeninitiative Betroffener und derer Familien überlassen – abhängig von deren individueller Kapazität.

Eine besondere Herausforderung ergibt sich für gehörlose Personen, wenn sie auch schriftliche Informationen schwer erfassen können, wie die Plattform erwachsenenbildung.at des Österreichischen Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung erklärt: „Gehörlose Menschen haben häufig als Muttersprache die Österreichische Gebärdensprache ÖGS erlernt. Für sie ist die deutsche Schriftsprache eine Fremdsprache. Daher sind für sie in der schriftlichen Kommunikation Texte in „leichter Sprache“ sehr hilfreich.“ Spätertaubte Menschen sowie frühimplantierte CI-Nutzer haben ja altersadäquaten Zugang zur Schriftsprache – für sie bleiben akustische Herausforderungen bei Seminaren.

Es gibt Bildungseinrichtungen, die sich auf hörbeeinträchtigte Klienten spezialisiert haben, wie das Equalizent in Wien: Angeboten werden dort aber vorwiegend Kurse in Gebärdensprache mit Fokus auf Aus- und Weiterbildung – kein inklusives Angebot der Erwachsenenbildung. Erwachsenenbildung.at kennt inklusive Alternativen.

Vorreiter inklusiver Erwachsenenbildung – CI-Nutzerin gestaltet mit

Als Vorreiter eines inklusiven Bildungsangebots gilt das Bildungshaus Schloss Retzhof in der Steiermark. CI-Nutzerin Katrin Ulbl war vor ihrer Karenz Mitarbeiterin dort. Selbst Gebärdensprachkompetent, kennt sie die Herausforderungen und Ansprüche gehörloser Menschen ebenso wie die von Hörbeeinträchtigten mit CI oder Hörgerät: „Barrierefreiheit war für mich ein großes Thema.“ So hat sie sich schon vor rund zehn Jahren auch bei der Konzeptionierung eines inklusiven Seminarangebots engagiert.

Hörbeeinträchtigten und gehörlosen Klienten wurde entsprechend dem ursprünglichen Konzept für hauseigene Seminare die Unterstützung wahlweise durch Schrift- oder Gebärdendolmetsch angeboten. Für ein inklusives Seminar-Gesamtpaket mit Übernachtung wurden in den Gebäuden auch Lichtwecker und Induktionsanlagen installiert.

Heute ist am Bildungshaus Schloss Retzhof zwar kein Dolmetsch verfügbar und muss bei Bedarf daher selbst beigebracht werden, es werden aber weiterhin „akustisch optimierte“ Seminarräume ausgewiesen; je eine Induktionsanlage in zwei der Vortragsräume und der optische Alarm in beiden Gästehäusern sind weiterhin verfügbar.

Netzwerk inklusiver Erwachsenenbildung

Der Einsatz von Gebärden- oder Schriftdolmetsch bei Kursen und Seminaren wird aus öffentlichen Geldern gefördert, wenn die Ausbildung beruflich bedingt ist. Auf erwachsenenbildung.at werden aber Informationen zu inklusiven Bildungsangeboten und einige Anbieter vorgestellt. Zum Beispiel die Akademie für integrative Bildung, kurz biv: Die Buchstaben stehen für Bildung, Information und Vernetzung. Wie die D.I.E. – die Denkwerkstatt Inklusive Erwachsenenbildung – versteht sich auch das biv primär als Informations- und Vernetzungsinstitution; Kurse für Betroffene werden von beiden vorwiegend über die Volkshochschulen angeboten. Zurzeit ist das Angebot Pandemie-bedingt eher dünn, berücksichtigt wird eine Vielfalt an Mobilität-, Sinnes- und kognitiven Beeinträchtigungen. Doch auch Inklusion konkret für hörbeeinträchtigte Bildungshungrige findet man in Österreich.

Die Volkshochschule Salzburg nennt inklusive Bildung unter Punkt 1 ihrer Leitlinien, kann im Moment aber keine speziellen Angebote bieten. Auch die VHS in Wien-Meidling hat sich das Thema Barrierefreiheit auf die Fahne geheftet, das bezieht sich aber vorwiegend auf Mobilitäts- oder Lerneinschränkungen – eine Induktionsanlage gibt es an den Wiener Volkshochschulen lediglich in einer kleinen Zweigstelle im 21. Bezirk.

Ehrenrettung für die VHS ist der Linzer Wissensturm, Volkshochschule und Stadtbibliothek zugleich, der nach Barrierefreiheit strebt: Für hörbeeinträchtigte Kursbesucher sind induktive Höranlagen teils fix installiert, teils stehen mobile Anlagen zur Verfügung. Ob Selbstlernzentrum oder Stiegenhäuser: In jenen Räumen, in denen sich Besucher auch allein aufhalten könnten, gibt es optische Warnsysteme für den Feueralarm.

Sonst bleibt die Nutzung allgemeiner Kursangebote, auch für hörbeeinträchtigte Teilnehmer. „Es bringt nichts, wenn ich zu zwanzigst oder dreißigst in einem Kurs bin. Da ist der Lärmpegel zu groß“, kennt Katrin Ulbl die Herausforderungen für hörbeeinträchtigte Menschen. Doch Seminare in Kleingruppen seien in der Regel auch für Nutzer von Hörimplantaten gut geeignet. Bei Vorträgen können individuelle FM-Anlagen oder externe Mikrophone hilfreich sein: zum Beispiel der AudioLink von MED-EL. Ulbl rät zu etwas Vorbereitung: „Man kann sich vorher den Seminarraum anschauen und mit dem Referenten sprechen und ihn informieren.“


Volksbildung in Entwicklung

Andreas Weissenbäck, Vizerektor der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Wien/Krems, erklärte beim Symposium Dürnstein 2021, aus christlicher Sicht sei jeder Mensch mit individuellen Begabungen ausgestattet. Bildung solle diese fördern – zur Entfaltung der Persönlichkeit in intellektueller, spiritueller und emotionaler Hinsicht. Schon 1551 rief Kaiser Ferdinand I. die Ordensgemeinschaft der Jesuiten nach Wien, die erstmals neben religiöser auch humanistische Bildung einer breiten Bevölkerung verfügbar machten.

Im 18. Jahrhundert entstanden parallel zur Einführung der Allgemeinen Schulpflicht auch für Erwachsene Bildungseinrichtungen wie Sonntagsschulen, Volksbibliotheken oder zum Beispiel das Grazer Joanneum als „Stätte für Forschung, Lehre und Weiterbildung“.

Den Akteuren der aufkommenden Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert war bewusst, dass „nur die Anhebung ihres Bildungsstandes ihren politischen und kulturellen Aufstieg ermöglichen würde.“ 1848 entstand so neben anderen Organisationen der „Erste Allgemeine Arbeiterverein“ zur „Belehrung durch leichtfassliche Vorträge, Förderung der Bildung durch eine Bibliothek, Förderung der Geselligkeit durch einen Gesangsverein und Deklamationen“, also dichterische Vorträge. Der Verein wurde mit der Niederschlagung der Märzrevolution zwar aufgelöst, doch ab 1867 folgten die Gründung zahlreicher Vereinigungen zur körperlichen und geistigen Erziehung sowie die Gründung des Wiener Volksbildungsvereins Margareten 1887, der Wiener Urania 1897, damals im Prater, und des Volksheims Ottakring 1901. Die drei wurden zu Vorläufern der heutigen Volkshochschulen.

Vielfältig ausgerichtet

Heute betreiben unterschiedlichste Trägerorganisationen sogenannte Bildungshäuser: 18 davon sind in der Arbeitsgemeinschaft Bildungshäuser Österreich, ARGE BHÖ, organisiert – Bildungshäuser kirchlicher Träger, der Kammern, der Länder oder von verschiedenen Vereinen. Auch manche Kurse bei Anbietern beruflicher Weiterbildung vermitteln beruflich und privat gleichermaßen relevante Kompetenzen.

Die Volksbildungsvereine der Arbeiterschaft formierten sich ab 1945 als Wiener Bezirksvolkshochschulen. 1950 wurde der bundesweite Verband Österreichischer Volkshochschulen gegründet. Die Volkshochschulen verstehen sich heute als überkonfessionelle und von politischen Parteien unabhängige Einrichtungen.

Seit 1972 ist die Konferenz der Erwachsenenbildung Österreich KEBÖ offizielle Plattform aller österreichweiten, autonomen und nicht gewinnorientierten Verbände zur Erwachsenenbildung. 5,6 Millionen Unterrichtseinheiten pro Jahr zählt der KEBÖ bei seinen 10 Mitgliedsverbänden und den dort organisierten Einrichtungen zur Bildung und Weiterbildung Erwachsener an über 6.000 Standorten. Übrigens: Auch der Büchereiverband Österreichs ist Mitglied bei der KEBÖ. Bücher sind bildungsrelevant!

[1] vgl. Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen 217 A (III) „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ Artikel 26, vom 10. Dezember 1948
[2] vgl. UN-Behindertenrechtskonvention Artikel 24, vom 13. Dezember 2006
[3] http://dasrotewien.at

Allgemeinbildung im digitalen Zeitalter

Weiterbildung im Internet

Trotz wachsender Informationsflut finden Bildungsangebote nach Ende der formalen Schulzeit wenig Beachtung. Mediale Projekte können die Bedeutung lebenslanger Bildung für Gesellschaft und Individuum angemessen berücksichtigen.

Logo Leben mit hoerverlust.at

Leben mit hoerverlust.at

Alles auf einen Klick! hoerverlust.at bietet Betroffenen und Angehörigen umfassende Informationen und Kontaktmöglichkeiten zu allen Bereichen, die Sie auf dem Weg zum Hören benötigen. Mehr zum informativen Wegbegleiter vom ersten Verdacht bis zur optimalen Versorgung finden Sie hier!

ZENTRUM HÖREN

Beratung, Service & Rehabilitation – für zufriedene Kunden und erfolgreiche Nutzer! Mehr zum umfassenden Angebot und engagierten Team des MED-EL Kundenzentrum finden Sie hier!