Schulische Inklusion von Kindern mit Cochlea Implantat

Wie gut die Schullaufbahn für Kinder mit Cochlea Implantaten verläuft, hängt von mehreren Faktoren ab. Durchhaltevermögen der Eltern ist einer davon.

Melanie Fraisl ist eine fröhliche, selbstbewusste 15-Jährige, die weiß, was sie will. Auch, was ihre berufliche Laufbahn angeht. Die Niederösterreicherin besucht die Höhere Lehranstalt für Sozialmanagement (HLS) in Langenlois und möchte nach ihrer Matura Psychologie und Gebärdendolmetschen studieren. Ein naheliegender Berufswunsch für die junge Dame, die seit frühester Kindheit bilateral mit Cochlea Implantaten versorgt ist.

Dass Melanie eine höhere Schule besuchen wird, war am Beginn ihrer Schulzeit allerdings nicht selbstverständlich. Ihre Eltern Karina und Markus saßen vor Melanies Einschulung zehn Vertretern von Gemeinde und Schule gegenüber, die sie überzeugen mussten, ihre Tochter in die örtliche Volksschule aufzunehmen Und nicht in die Sonderschule, wie die Schulvertretung das für das taub geborene Mädchen vorgesehen hatte.

Gemeinsam mit einer Audiopädagogin, die die Familie zu den Gesprächen hinzugezogen hatte, gelang es, die Gegenseite von Melanies altersentsprechender Gesamtentwicklung zu überzeugen. Sie bekam die Chance auf die Regelvolksschule.

„Lasst euch nicht entmutigen und einschüchtern, setzt euch ein für euer Kind und kämpft! Steht zu euren Überzeugungen, lasst sie euch nicht ausreden“, rät Melanies Vater allen Eltern in einer ähnlichen Situation. „Und zieht eine neutrale Person hinzu, die die Bedürfnisse und Fähigkeiten von Kindern mit Cochlea Implantaten aus Expertensicht beurteilen kann.“

Weiterkämpfen hieß es auch nach der Volksschule, als Melanie in eine Neue Mittelschule mit Informatikschwerpunkt wechselte. Die Aufklärung des Lehrkörpers über das CI und dessen Grenzen änderte wenig am Verständnis für Melanies Herausforderungen. Hörverständnisübungen im Englischunterricht musste sie in den ersten beiden Jahren wie ihre normal hörenden Mitschüler mitmachen. Erst nach intensiven Diskussionen mit der Lehrerin wurde Melanie das ihr zustehende Recht gewährt, die gehörten Texte mitzulesen.

„Wir wollten Melanies Taubheit nicht in den Vordergrund stellen, keine Spezialbehandlung für sie, sondern nur punktuelle Nachteile ausgleichen“, erinnert sich ihre Mutter.

Aufklären und sensibilisieren wollte die Familie auch in der Schule, die Melanie nach der NMS ausgewählt hatte. Doch erfreulicherweise war das in der HLS Langenlois nur mehr bedingt notwendig. Eine Schülerin mit CI, die die HLS bereits besuchte, hatte ihr den Weg geebnet. Der Lehrkörper wusste um den Umgang mit hörbeeinträchtigten Schülern und kooperierte bereitwillig. Ohne Diskussionen verwendeten alle Lehrpersonen die FM-Anlage, die die Familie eigens angeschafft hatte.

Von sich aus wies der Direktor Melanie auf die Möglichkeit hin, in bestimmten Fächern Förderstunden zu nehmen und die Gebärdensprache als zweite Fremdsprache zu erlernen. Gerne nahm Melanie diese Zusatzangebote in Anspruch. „Es ist leichter, etwas wieder abzugeben, als sich im Nachhinein etwas zu erkämpfen“, so Vater Markus. „Eltern von Kindern mit CI müssen ohnehin sehr oft kämpfen.“

Die Familie rät anderen Betroffenen: „Kinder mit CI haben zwar nicht viele Sonderrechte, aber diese sollten die Eltern von Anfang an diplomatisch einfordern. Im Nachhinein wird es viel schwieriger. Aufgrund der fehlenden österreichweit einheitlichen Vorgaben sind betroffene Eltern ohnehin vom guten Willen der Schulleitung und des Lehrkörpers abhängig.“

Der Neuanfang an der HLS gestaltete sich auch von Seiten der 29 Mitschülerinnen und zwei Mitschüler gut. Das CI erweckte das Interesse der Jugendlichen und deren Eltern. Den Platz in der ersten Reihe machte Melanie niemand streitig und dank der herrschenden Disziplin war auch der Lärmpegel erträglich.

Im Internat, in dem Melanie während der Woche wohnt, achten die Erzieherinnen nicht nur darauf, dass die Hausaufgaben erledigt werden, sondern auch, dass alle Kinder – und vor allem Melanie – pünktlich aufstehen.

Melanie fühlt sich in der HLS rundum wohl und wird so akzeptiert, wie sie ist. Keine Ausgrenzung mehr, weil sie manchmal nachfragen muss. Keine Diskussionen um Nachteilsausgleiche, die für taube bzw. gehörlose Schüler selbstverständlich sein sollten. Und kein Kämpfen mehr. Sondern die Bereitschaft, auf spezielle Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen und aus den Stärken das Beste zu machen. So sieht gelebte Inklusion aus. So kann Schule gelingen.

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