Hören schenken als Schlüssel zu Inklusion und als Vorbeugung gegen Isolation

Prof. Dr. Patrick Zorowka, geboren 1953 in Halle an der Saale, ist seit 1996 ordentlicher Universitätsprofessor für HNO-Heilkunde unter besonderer Berücksichtigung der Phoniatrie und Audiologie an der Medizinischen Universität Innsbruck und leitet als Klinikdirektor die Universitätsklinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen in Innsbruck.

Dr. Patrick Zorowka
©HSS-Klinik Innsbruck

Wir haben mit dem Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde sowie für Phoniatrie und Pädaudiologie anlässlich seiner bevorstehenden Emeritierung über seine Arbeit gesprochen und darüber, wie Hören die Lebensqualität von Menschen beeinflusst.

Im Gegensatz zu anderen Spitälern werden in Innsbruck die Klinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen HSS und die Hals-Nasen-Ohren-Klinik HNO als eigenständige Kliniken geführt. Warum?

An der Fakultät Innsbruck wurde schon 1968 ein Antrag auf einen eigenen Lehrstuhl für Phoniatrie und Audiologie gestellt, weil sich diese Bereiche so stark weiterentwickelt haben, sodass sie im Rahmen der allgemeinen HNO nicht mehr ausreichend kompetent abgedeckt werden konnten. Das war damals einmalig in Europa. Prag gründete die erste eigenständige Klinik für Phoniatrie. Mittlerweile gibt es zahlreiche klinische Einrichtungen dieser Art ganz unterschiedlicher Struktur und Größe.

In den meisten HNO-Kliniken gibt es verschiedene Funktionsbereiche. Je nach örtlichem Schwerpunkt wird ein Bereich besonders intensiv betrieben. Die Audiologie ist dabei häufig vorwiegend ein Funktionsbereich zur klinischen Patientenversorgung. Bei uns an der HSS in Innsbruck wird neben der klinischen Routine seit nunmehr 50 Jahren seit Gründung der HSS auch intensiv auf dem Gebiet der Audiologie intensiv geforscht.

Hat das für die Kandidaten beziehungsweise Nutzer von Hörimplantaten Auswirkungen?

Wir haben schon seit 15 Jahren ein Implant-Board etabliert, in dem jeder Implantat-Kandidat oder -Kandidatin eingehend und interdisziplinär besprochen wird. Dem Board gehört als Chirurg der stellvertretende Direktor der HNO-Klinik, Herr Prof. Schmutzhard an. Die anderen Mitglieder kommen aus der HSS: Psycholog:innen, Physiker:innen, Pädaudiolog:innen, Logopäd:innen, HNO-Fachärzte und Fachärztinnen mit der Spezialisierung Phoniatrie sowie ein ausgebildeter Hörakustiker. Hier werden eingehend gemeinsame Fragen geklärt, ob alle Möglichkeiten der optimierten Hörgeräteversorgung ausgeschöpft wurden oder ein Hörimplantat indiziert wäre – und wenn: welches Hörimplantat. Besonders wichtig ist es uns dabei auch, den Patient:innen eine realistische Vorstellung von den Möglichkeiten, aber auch von den Grenzen des Hörimplantats zu vermitteln.

Im Nachhinein betrachtet wäre es für mich persönlich schon interessant gewesen, auch die Chirurgie der Hörimplantate selbst durchzuführen. Aber die beschriebene Kooperation zwischen HSS und HNO ist schon seit 1995 mit meinen Berufungsverhandlungen fixiert und hat sich letztendlich auch in dieser Zeit sehr bewährt.

Für Patient:innen ergeben sich damit auch zwei unabhängige Zugänge bei Hörproblemen und zu einer eventuellen Implantat-Versorgung: Die Ohrsprechstunde bei Prof. Schmutzhard an der HNO und die Hörsprechstunde an der HSS.

Kann man nicht auch ohne zu hören sprechen lernen?

Unsere Stimmgebung und Sprechartikulation werden über zwei „Regelkreise“ kontrolliert: durch den Tastsinn und durch das Hören. Wenn ich einen Kopfhörer aufsetze und mich damit selbst nicht mehr hören kann, spreche ich plötzlich lauter und höher. Für die Stimmgebung nutze ich meine Ausamtenluft und dabei ist eine geregelte Sprechatmung notwendig – diese ist häufig bei Hörstörungen auch gestört. Hochgradig hörbeeinträchtigte Menschen sprechen daher nicht nur häufig lauter, sondern auch mit anderer Artikulation und Intonation sowie Sprechatmung, also einem anderen Sprechrhythmus.

Die kindliche Entwicklung von Stimme und Sprechen findet in einem begrenzten Zeitfenster statt. Ich erinnere mich an ein Geschwisterpaar aus Wien: Die Hörbeeinträchtigung der großen Schwester wurde spät erkannt, die Hörversorgung des kleinen Bruders erfolgte sofort. Während der kleine Bruder eine reguläre Sprachkompetenz wie ein Normalhörender entwickelte, besaß die große Schwester nach der Hörversorgung eine typische Aussprache schwerhöriger Menschen mit erhöhter Stimmlage und auffälliger Artikulation und Prosodie.

Natürlich kann man von Hörimplantaten grundsätzlich immer profitieren, auch wenn eine spätere Implantation erfolgt, aber für die Qualität der Sprachkompetenz ist der Versorgungszeitpunkt entscheidend. Für eine adäquate Hör-Sprach-Entwicklung müssen entsprechend sensible Reifungsphasen genutzt werden.

Wie sehr beeinflusst Hörfähigkeit die Lebensqualität im Alltag?

Da die Hörfähigkeit maßgeblich die Entwicklung der Sprachkompetenz beeinflusst, ist Hören – ausgehend von einer lautsprachlich orientierten Gesellschaft – eine wichtige Voraussetzung für vollständige Inklusion.

Bei wissenschaftlichen Studien zur Ursache von Einsamkeit im Alter wird als Erstes der Verlust des Partners oder der Partnerin genannt; bereits an zweiter Stelle steht der Verlust der Hörfähigkeit. Mit Hörimplantaten kann der oder die Betroffene einer solchen drohenden Isolation entgehen: Wenn ich die Hörfähigkeit ausreichend herstelle, ist lautsprachliche Kommunikation möglich. Nach dem Motto „soziale Integration versus Isolation“.

Die emotionale Färbung in der Stimmmelodie, diese Feinheiten der Sprache, kann ich nur wahrnehmen, wenn ich ausreichend höre. Das geht bis hin zum Musikhören und -genießen! Was das bedeutet, merken Menschen erst, wenn sie es nicht mehr können.

Auf welche Erfolge Ihrer fachlichen Tätigkeit blicken Sie besonders gerne zurück?

Ich weiß mich glücklich, dass ich bis zum 69. Lebensjahr an der Klinik leitend arbeiten kann. Die Entwicklungen an der Klinik sind es auch, die mich mit Stolz erfüllen: Sie ist auf das fast Vierfache mit rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gewachsen – mit enormer Kompetenz und hohem Engagement der verschiedensten Professionen. Sie alle haben zu dieser erfreulichen Entwicklung ganz wesentlich mit beigetragen.

Mit der Audiologie habe ich das Glück, in einem Bereich zu arbeiten, in dem sich sehr viel getan hat: hier vor allem auch die enorme Entwicklung der Behandlungsmöglichkeiten in der Versorgung mit Hörimplantaten und Hörgeräten; die Möglichkeit, heute praktisch jede Form einer Hörstörung behandeln zu können. Das Hörorgan ist damit das einzige Sinnesorgan, das künstlich ersetzt werden kann: ein wahres Geschenk!

Das Schönste, was einem Arzt oder Ärztin widerfahren kann, ist es aber, die Dankbarkeit der Patient:innen und ihrer Eltern zu erleben; mitzuerleben, wie man Kindern und Jugendlichen alle Möglichkeiten einer regulären Entwicklung in der Gemeinschaft Hörender eröffnen kann. Wir hatten vor vielen Jahren bei einem Vorschulkind eine progrediente Hörstörung durch eine CMV-Infektion festgestellt, die schließlich zur beidseitigen Ertaubung führte: Infektionen mit dem Cytomegalievirus sind die häufigste virale Ursache für eine hochgradige Schwerhörigkeit. Für die Eltern des betroffenen Kindes waren die Diagnose und deren Prognose mit möglicher Ertaubung zunächst ein Schock. Das Mädchen wurde schließlich beidseits mit Cochlea-Implantaten versorgt. Heute studiert sie erfolgreich Medizin und spielt ein Musikinstrument. Ein anderer Patient mit der Diagnose eines Morbus Meniére litt unter chronischem Tinnitus und ertaubte schließlich. Er wurde daraufhin mit Cochlea Implantaten versorgt, ist damit hochzufrieden und leitet eine Selbsthilfegruppe für Tinnitus-Betroffene.

Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs sind Sie auf Urlaub. Trotzdem ist Ihr Terminkalender – auch mit beruflichen Terminen – dicht gefüllt. Was wird Ihre Emeritierung im kommenden Herbst ändern?

Ich habe mit der Emeritierung keine Lehrverpflichtung mehr, darf aber weiterhin lehren. So habe ich einige Lehraufträge sowie Studiengangs- und Kursleitungen in der akademischen Ausbildung für Logopädie sowie für Hörakustik und Pädakustik. Auch die Leitung von Gremien in wissenschaftlichen Fachgesellschaften werde ich vorerst noch fortsetzen. Dagegen werden jetzt verantwortliche Vorstandsfunktionen in Fachgesellschaften an jüngere Kolleginnen und Kollegen übergeben. Der Hörforschung und auch dem Hearring (unabhängiges Netzwerk von weltweit führenden Zentren und Experten, die sich mit allen Aspekten von Hörstörungen beschäftigen) werde ich weiterhin verbunden bleiben.

Stattdessen habe ich mir vorgenommen, mehr Zeit meinen Hobbys und Interessen zu widmen. Hierzu gehören Reisen, auch Gartenreisen nach England und Italien, und noch zu entdeckende Ziele in Österreich und Deutschland. Ich bin mit der Kunst seit meiner Kindheit sehr verbunden – und möchte meine diesbezüglichen Kontakte nun wieder mehr intensivieren.

Tiere waren immer Mitglieder in unserer Familie, so auch Hunde – und begleiteten uns stets über viele Jahre. Die Vernunft und die Verantwortung für ein Haustier ließen jedoch nach dem Tod unseres letzten Teckels bisher keinen Nachfolger zu. Nun habe ich die feste Absicht, nach meiner Emeritierung wieder einen derartigen Weggefährten zu holen. Ein Teckel (Anm. d. Red.: auch als Dackel bekannt) ist natürlich immer eine Herausforderung, hält einen jedoch physisch fit und tut auch der Seele gut (lacht).

Wir danken herzlich für das interessante Gespräch!

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Prof. Dr. Patrick Zorowka

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