Mit Cochlea-Implantaten im Ausland studieren

Lily Zlatkova stammt aus der bulgarischen Hauptstadt Sofia und studiert seit Oktober 2025 in Wien „Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“. Die gehört.gelesen Redaktion traf die 19-jährige CI-Nutzerin gegen Ende des Herbstsemesters am Campus der Wirtschaftsuniversität.

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Als ich in der achten Klasse war, habe ich begonnen, Deutsch zu lernen. Damals habe ich mich entschlossen, in Wien zu studieren: Ich wollte einerseits die Sprache anwenden. Andererseits ist Wien auch eine sehr schöne Stadt: so international.

Ich kenne Wien, seit ich zwei Jahre alt war: Ich bin ohne Hörvermögen geboren. In Bulgarien gab es damals zwar schon die Möglichkeit zur Cochlea-Implantation, aber noch nicht beidseits. Und es stand dort nicht die neueste Technologie zur Verfügung. Meine Eltern kontaktierten damals einen österreichischen Arzt, der ihnen alle nötigen Informationen zur Verfügung stellte. Deswegen sind meine Eltern dann mit mir zur Cochlea-Implantation nach Wien gekommen. Hier habe ich an einem Tag beide Implantate bekommen.

Ich musste dann auch zu den Nachsorgeuntersuchungen nach Wien kommen. Das hat mir Gelegenheit gegeben, die Stadt zu entdecken und kennenzulernen – und ich habe mich mehr und mehr in Wien verliebt!

Sie haben dann aber weiterhin in Bulgarien gelebt?

Ja, ich hatte eine unglaublich tolle Kindheit. Ich hatte keinerlei Probleme wegen des Hörens und ich bin behütet mit der uneingeschränkten Liebe meiner Eltern aufgewachsen. Sie haben mir zu hören und sprechen beigebracht, meine Mutter hat mir sogar schon Englisch beigebracht. Ich habe mich nie von den anderen Kindern ausgeschlossen gefühlt.

Ich hatte eine Zeit lang auch Unterstützung einer Sprachtherapeutin gehabt, aber den meisten Teil hat meine Mutter mir geholfen. Sie hat mir beigebracht zu sprechen und gezeigt, wie ich etwas richtig ausspreche. Ich schulde meiner Mutter viel.

Ich bin dann auch in einen gewöhnlichen Regelkindergarten und -schule gegangen. Ich weiß nichts von offiziellen Richtlinien in Bulgarien, welche Unterstützung Kinder mit Hörproblemen bekommen sollen. Ich glaube, das hängt eher von der Bereitschaft der Einzelnen ab, ob und wie sie dir helfen wollen. Aber meine Mutter hat den PädagogInnen gleich erklärt, dass ich mit Cochlea-Implantaten höre. Also wenn ich ein Problem hatte, hat mir jeder dort geholfen.

Hatten und haben Sie auch Freunde mit Cochlea-Implantaten?

Von den anderen Kindern in der Schule hatte niemand ein Implantat. Aber zwei meiner besten Freunde haben Cochlea-Implantate. Eine der beiden kenne ich seit der Kindergartenzeit: Damals waren wir beide bei derselben Logopädin zur Therapie. Der andere war mit mir sogar gemeinsam zur Implantation in Wien – wir wurden am selben Tag vom selben Chirurgen implantiert. Wir haben einander im Lauf der Jahre zwar aus den Augen verloren, aber dank Social Media sind wir jetzt wieder viel enger in Kontakt.

Es ist gut, Freunde zu haben, die in derselben Situation sind, weil sie auch CIs haben. Egal, ob du rasch Batterien brauchst, ein Problem mit dem Implantat hast oder irgendwelche Dokumente suchst – wir helfen einander immer! Im Moment sind die beiden – so wie ich – zum Studium im Ausland.

War es schwierig, von Sofia aus an der Wiener Universität zu inskribieren?

Die Informationen waren natürlich alle auf Deutsch. Ich musste in Mathematik einiges nachlernen, weil der Lehrplan für Mathematik in Österreich anders ist als in Bulgarien. Ich habe mir ein österreichisches Mathematikbuch organisiert und ich habe eine Lehrerin gefunden, die zuvor viele Jahre in Österreich gelebt hat. Das war wirklich schwierig für mich.

Außerdem setzt meine Universität Deutschkenntnisse auf Niveau C1 voraus, damit die Studierenden den Lehrstoff verstehen können. Ich konnte auch schon gut genug lesen, schreiben und sprechen, aber beim Verstehen hatte ich Probleme. Ich hatte ja kaum Gelegenheit, Menschen Deutsch sprechen zu hören. Ich habe viel mit der Serie „13 Fragen“ im YouTube-Kanal von ZDFundbubble geübt: Denn bei der Prüfung am Goethe-Institut musste ich dann zwei akademische Diskussionen zwischen jeweils zwei oder drei Personen hören und verstehen. Als Erleichterung – wegen meiner CIs – durfte ich aber Kopfhörer verwenden, dafür bin ich wirklich dankbar.

Am 1. Juli schließlich hatte ich die Aufnahmeprüfung an der Universität. Zum Glück konnte ich online von Sofia aus teilnehmen. Aber nachdem ich aufgenommen war, musste ich mit meinen Dokumenten herkommen: Die Studienleitung möchte die angehenden Studierenden persönlich kennenlernen.

Seit ich in Wien bin, ist es einfacher, alle Informationen zu finden: Es gibt die Österreichische Hochschüler_innenschaft und auch die Studierenden aus den höheren Semestern helfen uns.

Wie ist das mit Erleichterungen wegen der Cochlea-Implantate an der WU?

Lily am Campusgelände der WU Wien in der Leopoldstadt: „Wien ist für mich ein einziges Abenteuer!“ ©privat

Es gibt eine Stelle, wo man Informationen bekommt, welche Hilfen Studierende mit CI haben können. Aber ich persönlich habe keine Probleme beim Zuhören: Die Tonqualität bei den Vorlesungen an der WU ist sehr gut und ich verstehe in der Regel auch die österreichische Aussprache problemlos.

Am Gymnasium wussten meine Lehrkräfte, dass ich CIs habe. Wenn ich etwas nicht verstanden habe, habe ich sie einfach gebeten zu wiederholen. Das habe ich heute bei der Vorlesung auch probiert: Meine Hand gehoben und gebeten, ob der Vortragende das bitte wiederholen könnte. Das war auch kein Problem.

Und unsere Prüfungen sind bis jetzt alle schriftlich – da könnten sie mir nur mehr Zeit geben. Also im Moment glaube ich nicht, dass ich spezielle Hilfe wegen der CIs brauche.

Wie unterscheidet sich das Lernen an der Universität denn vom Lernen an der Schule?

An der Schule gibt es immer manche Gegenstände, die dich nicht so sehr interessieren. An der Uni weißt du, dass du die meisten Dinge, die du hier lernst, später auch wirklich brauchen wirst.

Andererseits muss man sich an der Uni die Zeit besser einteilen. Und die Gruppen an der Uni sind größer: An der Schule waren wir 20 SchülerInnen in einer Klasse, an der Uni sind wir jetzt 600 Studierende im Lehrgang. Das kann manchmal schwierig sein, weil es hier nicht mehr so einfach ist, aufzuzeigen und den oder die VortagendeN etwas zu fragen. Auch wenn die Gruppen bei manchen Vorlesungen oder Übungen etwas kleiner sind: Die direkte Kommunikation mit den Lehrkräften wie an der Schule, die vermisse ich an der Uni schon etwas.

In welcher Sprache leben Sie zurzeit?

Englisch fällt mir zwar etwas leichter. (Wir führen auch unser Gespräch auf Englisch.) Aber mein Studiengang ist auf Deutsch – auch alle Unterlagen. Das ist für mich eine doppelte Herausforderung, weil die komplizierten Texte auch viele speziellen Begriffe enthalten, die ich nicht kannte. Aber mit der Zeit habe ich mich eingelesen.

Und auch die meisten meiner Mitstudierenden sprechen Deutsch. Deswegen spreche ich hier so viel Deutsch, dass ich auch schon auf Deutsch denke. Das ist besonders lustig, wenn ich mit einer Freundin auf Englisch spreche, die englischen Sätze dann aber nicht mehr richtig formulieren kann. Oder wenn ich meinen Eltern über mein Studium erzähle, verwende ich manchmal mitten im bulgarischen Satz ein Wort auf Deutsch: Für manche Fachbegriffe meines Studiums kenne ich nur das deutsche Wort.

Lily liebt Wien – nicht nur den Kaiserschmarrn. ©Adobe Stock

Wie ist es sonst, als Studentin in Wien zu leben?

Wien ist für mich ein einziges Abenteuer! Mein Studentenheim ist gleich beim Campus und den größten Teil der Zeit verbringe ich hier bei den Vorlesungen und beim Studium in der Bibliothek. Am Campus leben Studierende aus der ganzen Welt. Das Studentenheim organisiert Veranstaltungen, bei denen wir einander kennenlernen können. Auch an der Universität selbst habe ich schon interessante Kontakte geknüpft.

Aber ich war auch schon im Prater und manchmal komme ich doch auch ins Stadtzentrum: Da gibt es immer etwas Neues zu sehen – Langeweile kommt da nie auf!

Nur dass die Geschäfte in Österreich so zeitig schließen, daran habe ich mich noch nicht gewöhnt. Wenn ich am Abend oder am Wochenende dringend etwas brauche, hat einfach nichts mehr offen. Seit ich hier studiere, koche ich nämlich auch viel. Ich habe auch schon einen Kaiserschmarrn selbst gemacht.

In Sofia habe ich einen Kunstkurs besucht und viel gemalt – das kann ich hier nicht, aber das ist okay. Was ich wirklich vermisse, sind meine Familie und meine Freunde und Freundinnen. Sie in den Ferien wiederzusehen, darauf freue ich mich sehr!

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