Das Buch „Hörquark und Klangbrei?“ aus Sicht von CI-Nutzern und -Nutzerinnen

Jochen W. Heinz beschreibt aus seiner Erfahrung als Hörgeräteakustiker, wie Probleme der zentralen Hörverarbeitung das Sprachverstehen auch bei optimaler Unterstützung mit Hörsystemen beeinträchtigen können.

Eva Kohl

„Kann es also doch sein, dass es eine Ohr-Hirn-Schranke und Gehirnhürden geben kann?“, fragt sich Hörgeräteakustiker Jochen W. Heinz in seinem 2024 erschienenen Buch. Bis zu seiner Pensionierung leitete er das Kinderzentrum einer renommierten Hörgeräte-Verkaufskette in Deutschland, war aber immer wieder auch bei der Betreuung erwachsener Hörgeräte-NutzerInnen tätig. Dabei hat er nicht nur die Grenzen der Hörgeräteversorgung erfahren, sondern wurde als Pädakustiker auch schon Ende der 90er-Jahre mit der Problematik auditiver Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen, kurz: AVWS, konfrontiert.

Die Kenntnisse darüber haben ihn veranlasst, auch seine Arbeit mit erwachsenen Hörgeräte-KlientInnen zu überdenken, schreibt er: „Jetzt, im Ruhestand finde ich Zeit, diese Gedanken zu Papier zu bringen.“ Mit dem Buch wolle er einen Einblick über die heutige Hörsystem- und Cochlea-Implantat-Versorgung geben und ab dem Kapitel „Das muss andere Gründe haben“ wichtige Zusammenhänge für gutes Sprachverstehen zur Sprache bringen: Raumakustik, „Ohr-Hirn-Schranke“ und interne „Hirnhürden“.

Heinz erklärt den Unterschied zwischen Hören und Verstehen – und warum Letzteres bei hochgradiger Schwerhörigkeit mit einem konventionellen Hörgerät schwer erreichbar ist. Er legt den typischen Ablauf einer Hörgeräteversorgung dar und verweist auf die Wichtigkeit von Hörübungen und Hörtherapie, auch wenn er sich dabei ausschließlich auf die Situation in Deutschland bezieht. Er beschreibt die Herausforderung, Sprache in alltäglichen Hörsituationen und trotz Störschall zu verstehen und welche Hilfsmittel diese Herausforderung erleichtern können. Den größten Teil seines Buchs widmet er dann aber auditiven Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen, die – wie er durchaus schlüssig darlegt – auch bei Erwachsenen autonom oder in Kombination mit einer Höreinschränkung auftreten können und mitunter auch das Sprachverstehen einer sonst optimal erfolgten Versorgung mit einem Hörsystem beeinträchtigen.

Viel Raum für Kritik

Jochen W. Heinz leitete er das Kinderzentrum einer renommierten Hörgeräte-Verkaufskette in Deutschland. ©Adobe Stock

„Ziel war, sämtliche Probleme auditiver Kommunikationsstörungen aus der Sicht eines ehemaligen Praktikers auch teilweise kritisch darzulegen“, formuliert der Autor im letzten Kapitel. Dieser Kritik gibt er auch immer wieder reichlich Raum: Kritik an den gebräuchlichen Begrifflichkeiten, an den Vorgaben der deutschen Krankenkassen und an der Werbung für Hörsysteme; Kritik auch an der Erwartungshaltung mancher KlientInnen und der Gesellschaft allgemein.

Es sei aber auch Kritik an manch anderen Aspekten des Buchs erlaubt. Zum Beispiel ist das oben erwähnte Kapitel „Das muss andere Gründe haben“ im Inhaltsverzeichnis nicht genannt. An einigen anderen Stellen lassen Formulierungen oder Ungenauigkeiten die Leserschaft ahnen, was der Autor im letzten Kapitel gesteht: „Dabei fiel es mir nicht leicht, die Themen so zu gestalten und darzustellen, um sie sowohl der interessierten Allgemeinheit als auch dem audiologisch tätigen Personenkreis nahezubringen.“ Einmal – auf Seite 34 – werden zwei sonst nachvollziehbare Grafiken deswegen schwer verständlich, weil die gleichen Pfeilsymbole einmal das „Abrutschen“ der Hörschwelle, das andere Mal die Ausdehnung des neu errechneten Sprachbereichs darstellen sollen.

Technik hat Grenzen – kann aber schon weit mehr!

Besonders schade finde ich aber, dass die Erklärungen zur Technik teilweise ungenau oder schon bei Erscheinen des Buchs nicht auf aktuellem Stand sind. Zum Beispiel im „Teil II“, wo der Autor zu verschiedenen Funktionen der auditiven Wahrnehmung eventuelle Probleme bei der Versorgung mit Hörsystemen nennt. Dabei setzt er der Stör-Nutzschall-Separation dann „Richtmikrofone und Störschallunterdrückung“ als Problem entgegen, obwohl diese Funktionen im Gegenteil das Problem reduzieren.

Leider betrifft das auch manche Erklärungen über Hörimplantate. So nennt der Autor mehrere ältere Typen von Knochenleitungsimplantaten eines australischen Anbieters, nicht aber die besonders komplikationsarmen und zuverlässigen Implantate aus Österreich. An anderer Stelle schreibt er von „nicht-invasiven Knochenleitungsimplantaten“, womit er vermutlich Knochenleitungssysteme meint, die äußerlich – nicht-invasiv – getragenes werden: Knochenleitungsgeräte also.

Den Nachbarn Österreich hat der Autor auch bei der historischen Entwicklung der Cochlea-Implantation vergessen. Die schon seit Jahren aktuelle FH-Kodierung bei Cochlea-Implantaten nennt er bei der Aufzählung von Kodierungssystemen ebenso nicht und auch das Statement: „Der Einsatz zusätzlicher Maßnahmen wie digitale Sprachübertragungsanlagen etc. sind hier ebenso ein Muss“, entspricht so zum Glück nicht mehr den aktuellen Erfahrungen vieler CI-NutzerInnen.

Das eigentliche Anliegen: Auditive Verarbeitung und Wahrnehmung

Erst im „Teil II“ schreibt Heinz auf knapp 40 Seiten über auditive Verarbeitung und Wahrnehmung sowie deren Störung. Seit 1998 ist der Autor Mitglied im interdisziplinären Arbeitskreis AVWS in Stuttgart. Was er darüber schreibt, entspricht somit seiner persönlichen Fachkompetenz.

Heinz beschreibt, wie sich durch altersbedingte Reduktion der Nervenzellen auch bei gleichbleibendem akustischem Hörvermögen die Wahrnehmung verringert. Das Gehörte kann dann nur teilweise verarbeitet werden, wodurch das Sprachverstehen sinkt – unabhängig von eventuell zusätzlichen Höreinbußen. AVWS kann zwar schon im Kindesalter vorkommen, beispielsweise ausgelöst durch eine Störung der Hörentwicklung in Folge von Höreinschränkungen; es kann aber auch später als alterungsbedingte Veränderung auftreten, oft kombiniert mit herkömmlicher Schwerhörigkeit oder in Folge von Hirnläsionen oder Infektionen.

Der Autor zählt elf typische Kommunikationsprobleme Betroffener auf und macht die psychosozialen Folgen anhand einiger Alltagsbeispiele greifbar. Er legt nahe, dass mitunter eine bisher nicht diagnostizierte AVWS der Grund sein könnte, warum eine Hörversorgung trotz aller Sorgfalt und Bemühungen nicht zu den erwarteten Erfolgen führt. Hörsysteme können nur den peripheren Teil einer Hörstörung ausgleichen, nicht aber den durch AVWS bedingten Teil. Der Praktiker Heinz schlägt aber hilfreiche Praktiken für Betroffene vor sowie Präventionsmaßnahmen für Kinder.

Fokus auf das, was mehr als nur Hören ist

Alles in allem erscheinen jene Erklärungen im Buch, die sich auf technische Details von Hörsystemen beziehen, wenig hilfreich oder teilweise irreführend. Die Beschreibung der typischen Hörgeräteversorgung in Deutschland ist für österreichische CI-NutzerInnen weniger interessant. Durchaus interessant im „Teil I“ sind eine grundlegende Erklärung über die menschliche Hörfunktion und deren potenzielle Störungen sowie eine Erklärung, wie sich Dynamikbereich und beidseitiges Hören auf das Sprachverstehen auswirken. „Teil II“ gibt dann aufschlussreiche Informationen über auditive Verarbeitung und Wahrnehmung über das bloße Hören hinaus.

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