„Gemeinsam stark“ – diese Schlagworte waren der Schwerpunkt der letzten Ausgabe der Gehört.Gelesen. Das folgende Interview mit einem Betroffenen konnten wir erst vor Kurzem führen, aufgrund der immer währenden Aktualität möchten wir es Ihnen nicht vorenthalten.

CIA: Wenn Sie sich an die Zeit vor der Implantation des CIs erinnern, welche Bilder und konkreten Vorstellungen kommen Ihnen bezüglich Hören, Kommunikation und Partnerschaft in den Sinn?

Herr M: Zu meiner Vorgeschichte: Ich bekam das erste CI im siebten Lebensjahr. Als ich mich zum zweiten CI entschied, kannte ich bereits meine Partnerin, die gut hört. Seit Geburt bin ich hochgradig schwerhörig und lebe seit einigen Jahren in einer schönen Beziehung. Die Vorgeschichte ist für mich ganz wichtig und ist wie jede Geschichte einmalig. Ich sammelte viele Erfahrungen durch Gespräche mit sogenannten „Hörgeschädigten“ und möchte zuerst detaillierter auf meine Situation eingehen. Vor der ersten CI Operation war für mich die alltägliche Kommunikation mit vielen Schwierigkeiten verknüpft. Ich musste kontinuierlich von den Lippen ablesen und war angewiesen auf die hochdeutsche Aussprache, zum Glück hörte ich ein bisschen mit den Hörgeräten. Grundsätzlich war ich immer ein neugieriger Mensch, da las ich viele Bücher. Bezüglich der Kommunikation war ich auf meine Eltern und auf meinen Bruder angewiesen. Vor der zweiten CI-Operation hörte ich am rechten Ohr „nichts“, beim Ansprechen nahm ich auf der rechten Seite nichts wahr. Beim Spazierengehen mussten meine Gesprächspartner stets auf der linken Seite gehen.

CIA: Welche Beweggründe waren für die Entscheidung einer CI Implantation vordergründig?

Herr M: Bei der ersten Operation war es der Wunsch der aktiven Teilhabe an der hörenden Gesellschaft und der Drang nach Selbstständigkeit bzw. auch meine bessere Aussprache. Für die zweite CI Operation entschied ich mich wegen des leichteren Verstehens im Störlärm. Ein weiterer Grund war die Entlastung für das erste Ohr.

CIA: Inwiefern hat diese Entscheidung für ein CI die Partnerschaft, die Partnerin beeinflusst?

Herr M: Wir trafen gemeinsam die Entscheidung und in der Zeit vor, während und nach der Operation habe ich abermals gemerkt, dass meine Partnerin bedingungslos hinter mir steht. Dies war eine neuerliche Festigung der Partnerschaft.

CIA: Welche Änderungen sind im Besonderen in der Partnerschaft nach der Implantation eingetreten?

Herr M: Die ständige „Fixierung“ auf das einseitige Hören wurde nebensächlich und die Folge war, ein „nebeneinander Gehen“ wurde ermöglicht. Zusätzlich verbesserte sich die Kommunikation mit meiner Partnerin, da ich nun noch mehr über das Ohr verstehe, ohne auf das Lippenablesen angewiesen zu sein.

CIA: Welche Rolle spielt die „Schwerhörigkeit“ mit dem CI in der Partnerschaft und welche Änderungen haben sich im sozialen Kontakt in der Partnerschaft ergeben?

Herr M: Die Schwerhörigkeit wird immer sehr direkt angesprochen und es wird ganz offen damit umgegangen. Soziale Situationen werden mit der Partnerin besprochen, d.h. über schwierige Situationen wird im Nachhinein geredet und die Partnerin zeigt unheimlich viel Verständnis dafür – aber kein Mitleid im übertriebenen Sinne. Sie weiß genau, was ich in solchen Situationen brauche und wiederholt gegebenenfalls Sachen von sich aus, sobald sie merkt, dass ich nicht viel verstehe, wie zum Beispiel bei Gruppengesprächen im Störlärm. Weiters unterstützt mich meine Partnerin bei Telefonaten, in der englischen Sprache oder bei Gesprächen mit Personen die ich grundsätzlich „schlecht“ verstehe. TV oder DVDs schauen wir immer zusätzlich mit UT (Untertitel).

CIA: Welche Unterstützung ist nach den Operationen erfolgt und war diese für Ihre Bedürfnisse ausreichend?

Herr M: Nach der ersten CI Operation machten meine Eltern mit mir weiterhin Hörtraining. Nach einigen Wochen hatte ich ein offenes Hörverständnis, das heißt, ich verstand Sätze fehlerfrei durch reines Hören – das war vorher undenkbar. Ich wurde in der Volksschule sehr selbständig und lehnte nach einer Zeit meine Nachhilfelehrerin ab. Über die Jahre hinweg lernte ich, Dialekte zu verstehen, auch wenn das für mich oft schwierig war. Nach der zweiten OP hatte ich ausreichend Unterstützung von meiner Familie und meiner Partnerin bekommen. Einige Wochen nach Erstanpassung entschied ich mich für eine logopädische Betreuung (10 Einheiten). Das war mir jedoch zu wenig. Ich hätte zu Hause weiterüben sollen, es war allerdings aufgrund meiner Arbeit für mich eher problematisch, weil das Hörtraining sehr anstrengend ist und ich wusste gleichzeitig, ich muss nur das erste CI einschalten und ich höre wieder gut.

CIA: Wie geht es Ihnen im Umgang bzw. mit der Kommunikation mit Ihren FreundInnen und BerufskollegInnen?

Herr M: Sobald mehr als etwa vier Leute rasch abwechselnd miteinander sprechen, wird es schwierig, da der Hintergrundlärm die Gesprächssituation erschwert. Einigen Freunden ist dies bekannt und sie artikulieren entweder deutlicher oder wiederholen auf mein Nachfragen. Einige andere denken überhaupt nicht daran und können sich „schwer anpassen“, auch wenn sie es nicht böse meinen. In meinem Beruf geht es mir im Rahmen von Teambesprechungen grundsätzlich gut, weil in der Regel immer nur einer spricht. Wenn jedoch eine anregende Diskussion in größeren Gruppen entsteht, spielt die Entfernung bzw. das ständige „Abwechseln“ eine große Rolle. Je weiter weg jemand sitzt, desto schwieriger ist für mich das Verstehen. Natürlich hat diesbezüglich auch die Sprechweise der Person eine Wichtigkeit. Bei anregenden Diskussionen wird’s schwierig, schnell dahingesagte Scherze verstehe ich oft nicht. Aber grundsätzlich ist es für mich so: ohne CI würde ich gar nichts hören, ohne CI wäre ich nicht der, der ich jetzt bin und hätte nicht die vielfältigen Möglichkeiten, z.B. dass ich jetzt allein nach Asien reise und dort allein in der englischen Sprache kommuniziere.

CIA: Welche Tipps würden Sie anderen Betroffenen geben, wenn Sie vor der Entscheidung eines operativen Eingriffs (CI) stehen würden?

Herr M: Ganz wichtig finde ich, sich ausreichend zu informieren. Das Gespräch mit Betroffenen, Fachkräften und Therapeuten suchen und sich auf jeden Fall die Meinung von zwei verschiedenen Ärzten einholen. Bedeutend ist auch der Zeitfaktor: sich für die Entscheidung Zeit nehmen und sich nicht zum CI überreden zu lassen. Es muss wirklich die eigene Entscheidung sein, denn das CI trägt nicht der andere, sondern die Person selbst und diese muss sich auch für das Hörtraining motivieren können. Nach einer CI Operation ist ein bewusstes alltägliches Hörtraining sehr wichtig!! (z.B. bewusstes Hören – Wie hört sich Geschirrklappern an? Wie unterscheiden sich die Stimmen von Frauen und Männern? Wie wirkt Sprache und Musik auf mich? Was verstehe ich wirklich – Sprachverständnis?) Geduld spielt dabei eine große Rolle und natürlich darf die Erwartungshaltung nicht zu hoch sein. (zu hoch wäre z.B.: einen Monat nach Erstanpassung bereits telefonieren zu können, wenn das vorher nie möglich war) Der Erfolg hängt sehr stark vom Grad der Hörschädigung ab und ob diese auch angeboren oder erworben ist. Gab es bereits ein erfolgtes Hör- oder Sprachtraining? Zu beachten sind auch die Entspannungsphasen!


CIA: Welche Info / Ratschläge sind für die PartnerInnen eines Menschen mit einem CI aus Ihrer Sicht sinnvoll?

  • Es ist informativ zu wissen, dass ein CI nicht pfeift.
  • Laut HNO Ärzten ist eine CI Operation ungefährlicher als eine Mandel OP und hat kaum bleibende Nebenwirkungen.
  • Erstanpassung erfolgt in der Regel erst drei bis vier Wochen nach OP. Vor diesem Zeitraum „passiert nichts“, es geht erst nach Erstanpassung richtig los.
  • Verständnis und Geduld aufbringen.
  • In den ersten Wochen nach der Operation kann der Partner mit dem CI rascher müde werden, weil das Gehirn mit sehr vielen neuen (Hör-) Eindrücken konfrontiert wird.
  • Fragen Sie Ihren Partner alles, was Ihnen am Herzen liegt – Offenheit ist bei allen Themen das Wichtigste!!
  • Äußern Sie Bedenken, Gedanken, Gefühle – sprechen Sie über diese und tauschen Sie sich mit dem Partner aus – keiner kann Gedanken lesen.
  • Im Umgang mit einem CI gilt das gleiche wie mit Hörgeräten und anderen technischen Geräten – sie dürfen z.B. nicht nass werden.
  • Beim Liegen/Kuscheln am Sofa kann das CI/HG auf einer Seite störend sein, manche geben dann eines weg; manche lassen immer beide oben.
  • Es ist wichtig, das zu akzeptieren, was für beide Partner wichtig ist – darüber sprechen und vor allem auch ausprobieren.
  • Auch wenn der Partner ein CI hat und damit sehr gut hört  – er bleibt trotzdem hörgeschädigt!!!
  • Soziale Kommunikationssituationen können u.a. schwierig sein.

CIA: Danke für das Gespräch!

Kategorien

Aktuelle Ausgaben

Werden Sie jetzt Mitglied!

Werden Sie Teil einer großen Gemeinschaft und nutzen Sie viele Vorteile!

Zur Beitrittserklärung