Manchmal kann der Eindruck entstehen, taube Menschen müssten sich entscheiden zwischen der Lautsprache im Zusammenleben mit der Mehrheitsbevölkerung oder einem Leben in der Gemeinschaft der Gehörlosenkultur, distanziert von Lautsprache. Johann Übleis ist in beiden Welten zuhause.

„Wenn Markus mich in der Früh ruft und ich höre ihn nicht, dann schimpft er: Gib endlich dein CI rauf!“ Johann Übleis schmunzelt. „Er ist froh, dass ich implantiert bin. Er findet es zu anstrengend, wenn er zu mir herlaufen muss, damit ich sehe, was er mir sagen will.“ Der 52-Jährige mit dem exakt getrimmten Vollbart lacht: „Aber ich muss das ja auch!“

Von Geburt an hochgradig schwerhörig, hat Übleis im fünften Lebensjahr erstmals Hörgeräte bekommen. Wenn er von seinen Erfahrungen erzählt, sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus – „Ich war immer sehr zufrieden mit meinen Hörgeräten, auch wenn ich damit vieles nicht gehört habe.“

Als der Ohrenarzt vor zehn Jahren erstmals eine Cochlea-Implantation vorschlug, hat Übleis abgelehnt:  „Ich war damals unsicher – man weiß nie, wenn man eine Operation hat. Mit Hörgeräten habe ich ja verstanden, wenn auch nicht mehr viel. Ich habe so lange gewartet, bis das ganz weg war. Aber dann habe ich selbst gemerkt, dass es schlechter wird.“ Bis Herbst 2016 war er fast gänzlich ertaubt. Damals wurde er an der Klinik in Wels als CI-Kandidat vorstellig.

Von Schreckgespenstern und Schutzengeln

Johann Übleis hat sowohl lautsprachlich kommunizierende Freunde, wie auch Freunde, die Gebärdensprache nutzen. Als er völlig ertaubte, entschied er sich zur Cochlea-Implantation. Sein seit Geburt gehörloser Partner sei selbst an einer Implantation nicht interessiert, erzählt CI-Nutzer Übleis: „Ich habe das akzeptiert. Aber er hat auch meine Entscheidung zur Implantation sofort akzeptiert. In unserem Freundeskreis haben einige Leute ein CI. Da hat er gesehen, dass das kein Problem ist.“

Einige andere gehörlose Freunde standen der Operation ablehnend gegenüber. „Das war furchtbar: Bist du blöd?! Warum lässt du dich implantieren?!“, beschimpften sie den Gmundner persönlich und über Social Media. Doch der ließ sich nicht beirren: „Das ist mein Körper! Ich war ja immer schwerhörig. Aber dann bin ich plötzlich fast taub geworden und habe nichts mehr verstanden. Ich habe das Implantat gebraucht!“ Die Freundschaft mit einigen sehr zufriedenen CI-Nutzern half ihm bei der Entscheidung.

Fast schmerz- und komplikationsfrei

„Ich bin am Donnerstag im Spital aufgenommen worden, am Freitag bin ich operiert worden, am Montag bin ich nach Hause gefahren.“ Als Johann Übleis nach der Implantation aus dem Spital entlassen wurde, war als Nebenwirkung noch etwas Schwindel geblieben, der sich nach etlichen Wochen auch verlor.

Nur an die Nächte erinnert er sich mit gemischten Gefühlen: „Ich habe nur am Rücken schlafen können. Ich war ja froh, dass ich operiert worden bin, aber manchmal habe ich mir schon gedacht: Wenn ich mich nur umdrehen könnte.“ Da er in nur einer Operation auf beiden Seiten implantiert worden war, reagierten beide Ohren druckempfindlich. Lachend zeigt Übleis, wie er damals den zusammengerollten Kopfpolster und seinen Arm so anordnete, dass die Wunde hinter dem Ohr auch bei Seitenlage frei lag. „Das hat halbwegs funktioniert. Und bis die Fäden gezogen wurden, konnte ich auch wieder normal auf beiden Seiten schlafen.“

Vor der Aktivierung des Prozessors kam doch leichte Nervosität auf. Dann die große Überraschung: „Beim ersten Mal im Schnee gehen habe ich das Geräusch meiner Schritte gehört – das habe ich davor noch nie gehört!“ Auch andere Geräusche hatte er früher mit Hörgeräten nicht wahrgenommen: brummende Autos, das Knistern, wenn er sich in seiner dicken Winterjacke bewegt, und vieles mehr hört er seit der Erstanpassung seines Prozessors. Für Kommunikation braucht es aber mehr als Geräusche wahrzunehmen.

Rollenwechsel

Obwohl schwerhörig, war der Gemeinde-Arbeiter beruflich und privat immer auch in Gesellschaft mit Normalhörenden. Auch frühere Partner waren hörend. „Dann habe ich meinen Markus kennen gelernt. Markus ist taub. Nach vier Jahren haben wir eine eingetragene Partnerschaft beschlossen.“ Lautsprache falle seinem von Geburt an tauben Partner schwer, erzählt Übleis: „Ich habe gelernt, seine Lautsprache zu verstehen. Aber in der Regel spricht Markus nur in Gebärdensprache.“

In Gesellschaft konnte Übleis früher oft helfen: „Wenn jemand gesprochen hat, habe ich für Markus gedolmetscht.“ Als das mit zunehmenden Hörproblemen nicht mehr möglich war, erlebte der Ertaubte eine Überraschung: „Plötzlich hat Markus mir gedolmetscht! Er kann nämlich vom Mund ablesen. Ich kann das nicht gut, weil ich ja immer gehört habe. Deswegen habe ich überhaupt nichts mehr verstanden, seit ich ertaubt war. Ich konnte mit niemandem mehr sprechen. Markus hat mir gedolmetscht, was er vom Mund abgelesen hat.“

Nach der Aktivierung seines CI-Systems konnte Johann Übleis vom ersten Moment an viele neue Geräusche wahrnehmen – Sprache damit zu verstehen, auch ohne das Lippenbild dabei zu sehen, hat sich bei ihm dann langsam entwickelt. Logopädische Therapie im heimatlichen Gmunden und drei Wochen Rehab-Aufenthalt im deutschen Bad Grönenbach brachten schließlich die ersehnte Wende – ein Jahr nach der Aktivierung seines CI-Systems lacht er: „Jetzt unterstütze wieder ich Markus mit dem Dolmetschen.“

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