Anna Stenzel, BSc, ist Logopädin im ZENTRUM HÖREN. Im Interview erklärt sie, wie sich die Therapie bei Kindern von jener bei erwachsenen Klienten unterscheidet und was Hören mit der Psyche zu tun hat.

Wie alt sind die Kinder, die zur logopädischen Therapie kommen?

Kleinkinder werden in Österreich von der Frühförderung betreut – dabei werden die Kinder im ganzheitlichen Sinn gefördert und die Eltern beraten. Mein jüngstes Kind hier im ZENTRUM HÖREN war beim ersten Besuch drei Jahre alt. Die meisten Eltern werden aber etwa ein halbes Jahr vor Schulbeginn unruhig, ob ihr Kind in der Schule bestehen können wird. Dann suchen sie jemanden, der noch ‚dran herum schraubt‘. Ich kann dann allerdings in einem halben oder dreiviertel Jahr auch keine Wunder bewirken. Wenn ein Kind implantiert wird, wäre es auf jeden Fall wichtig, es einer Logopädin vorzustellen. Drei Jahre beispielsweise, wie bei meinem jüngsten Nutzer, ist aber prinzipiell ein gutes Alter.

Etwa ab Ende der Volksschulzeit verläuft eine Therapiestunde ähnlich wie bei einem Erwachsenen, wenn auch mit anderem Wortschatz und Gesprächsthemen –  davor muss natürlich auch die Methode kindgerecht sein.

Wie unterscheidet sich die Therapie Erwachsener denn von der Kindertherapie?

Wenn Kinder frühzeitig mit passenden Hörgeräten oder Hörimplantaten versorgt werden, ist eine spezielle Logopädie oft gar nicht notwendig. Manchmal genügt die Beratung und Begleitung der Eltern. Wenn bei diesen Kindern im Kindergarten- oder Schulalter trotzdem Sprachprobleme auftreten, ist das nicht immer eine direkte Folge der Hörprobleme. Die Therapie unterscheidet sich daher häufig auch nicht von einer Therapie von gewöhnlichen Sprachentwicklungsstörungen, bei der man sich sehr stark an der natürlichen Entwicklung orientiert.

Ich arbeite vorwiegend nach dem logopädischen Konzept der Schweizerin Dr. Barbara Zollinger. Es gibt Kinder, die die Ordnung und die Ruhe des Tisches brauchen, speziell die etwas älteren Kinder. Aber prinzipiell steht der spielerische Erwerb der Kommunikation im Vordergrund: Ich möchte meine Gefühle und Gedanken jemandem mitteilen und ich möchte verstehen, was bei meinem Gegenüber im Kopf vorgeht. Sobald das Kind diesen Willen zur Kommunikation entwickelt hat, lösen sich die verschiedenen Artikulationsschwierigkeiten oft von selbst.

Was unterscheidet Logopädie dann von Pädagogik?

Die Grenzen sind hier fließend. Als Logopädin habe ich immer diese ‚sprachliche Brille‘ auf. Sonderpädagogen haben natürlich auch spezielles Wissen – vielleicht sogar ein breiteres Spektrum, das auch Motorik und andere Entwicklungsbereiche mit einschließt – dafür ist mein Hintergrundwissen im Bereich Hören und Sprache vielleicht etwas tiefer.

Auf den ersten Blick ist der Unterschied zwischen Spiel und Therapie schwer zu erkennen. Aber die Logopädin bereitet den Kindern die sprachlichen Strukturen genau vor, die es jeweils zu erlernen gilt. Ein Beispiel: Unlängst war ein Bub bei mir, der anfangs nur für sich allein gespielt hat. Ich habe mich bewusst zurückgehalten und gewartet, bis er sich zu mir umgedreht und mich angeschaut hat, denn der erste Schritt in der Sprachentwicklung ist immer der Blickkontakt. Das war in diesem Fall jener Schritt, den es zu erlernen galt. Wenn ich ohne Blickkontakt auf ihn eingeredet hätte, wäre das für ihn nur ein Hintergrundgeräusch gewesen und ich hätte nichts bewirkt.

Wie weit beeinflussen Kommunikationsprobleme die sonstige Entwicklung und die Psyche eines Kindes?

Mein dreieinhalb Jahre jüngerer Bruder stottert seit seinem dritten Lebensjahr. Ich habe mich lange gefragt, wie weit die psychosoziale Situation das Sprachproblem aufrechterhalten hat: Die Reaktion anderer Kinder und mancher Erwachsener haben bei meinem Bruder bewirkt, dass er mit niemandem mehr reden wollte, auch nicht in der Schule. Das hat sich natürlich auch auf die Noten ausgewirkt. Nach einem Schulwechsel hat er in der neuen Klasse einen sehr starken Rückhalt gespürt und das hat dann auch alles andere verändert.

In meiner Bachelorarbeit während des Logopädie-Studiums in Graz habe ich dann die psychischen Komponenten bei Redeflussstörungen – Stottern und Poltern – untersucht: An der Phoniatrie des LKH Graz erhielten Patienten mit Stotter-Symptomatik nicht nur logopädische Therapie; in Psychotherapie wird zusätzlich die Scham über das Sprachproblem abgebaut. Dadurch sinken die Sprechhemmungen und das wirkt sich positiv auf die Sprachentwicklung aus.

Bei Klienten mit Hörproblemen sind die Auswirkungen auf die Psyche nicht immer so ausgeprägt, aber die Teilhabe in größeren Gruppen ist oft ein Problem. Wenn bei der Geburtstagsfeier in der Großfamilie alle durcheinander sprechen, verstehen hörbeeinträchtigte Angehörige oft nichts und ziehen sich deswegen zurück.

Sie haben auch psychotherapeutisches Wissen – welche Auswirkung hat das auf die logopädische Therapie?

Mir ist es wichtig, dass meine Klienten sich nicht über ihre Hörproblematik definieren. Gerade bei Kindern besteht diese Gefahr: Eltern vergleichen ja Kinder immer untereinander, natürlich auch Eltern hörbeeinträchtigter Kinder.

Wenn Eltern ihre Kinder fördern, wirkt sich das auf die Entwicklung vorteilhaft aus: mit den Kindern zu spielen, bewusst das alltägliche Tun auch mit Worten zu begleiten, auch gemeinsam zu singen und zu musizieren. Es kann aber nicht Aufgabe der Eltern sein, eine Therapie zu übernehmen oder zu ersetzen – das ist meine Aufgabe hier als Logopädin.

Besonders ehrgeizige, leistungsorientierte Eltern neigen sonst dazu, die Kinder zu überfordern. Wenn Eltern ständig kontrollieren, was das Kind in einer Therapieeinheit gelernt hat und ob es sich das auch gut merkt, dann hemmt der daraus resultierende Druck die Kinder – da muss man sehr aufpassen.  Auch wenn sich erwachsene CI-Nutzer selbst so einen Druck machen, kann es wichtig sein, hier bewusst in den Erwartungen etwas zurück zu schalten; sich manchmal sogar bewusst zu machen, wann es angenehm ist nichts zu hören.

Gibt es auch Kinder, für die Hören ein Problem ist?

Natürlich kenne ich auch Kinder, die von Gebärdensprache profitieren oder profitieren könnten. Ich betreue zum Beispiel ein kriegstraumatisiertes Kind, das das Gehör aufgrund einer Explosion im syrischen Bürgerkrieg verloren hat. Dieses Kind lehnt es ab zu hören – ich vermute, dass Hören für dieses Kind eine Erinnerung an die Explosion und den Krieg darstellt.

Kinder, die ihre Prozessoren nicht tragen wollen oder abschalten – das kommt aus den unterschiedlichsten Gründen immer wieder einmal vor: Ein Teenager will vielleicht nicht anders ausschauen als die normalhörenden Gleichaltrigen. Ein bestimmtes Geräusch hört sich unangenehm an. Ein Kind will sich aus einer unangenehmen Situation zurückziehen. Ein Schüler, der bei mir in Therapie ist, schaltet den Prozessor zum Beispiel immer wieder aus, um seine Eltern zu ärgern. Auch das ist ein sehr häufiger Grund, warum Kinder ihren Prozessor nicht tragen wollen – in der Trotzphase, aber auch später als eine Art Machtspiel.

Wie kann man als Elternteil mit so einer Situation umgehen?

Natürlich muss man immer erst abklären, ob eine unangenehme oder zu laute Einstellung das Kind irritiert oder ein technischer Defekt ein unangenehmes Geräusch verursacht. Aber wenn alles in Ordnung ist, braucht es Fingerspitzengefühl: Zwang hilft in der Regel nicht, Ignorieren aber auch nicht. Oft kann man mit den Kindern Kompromisse vereinbaren. Wichtig ist, dabei immer auch zu erklären, dass und warum das Tragen wichtig ist – dann ist es einmal ausgesprochen. Auch wenn ein Kind nicht jedes Wort versteht, aber die Intention versteht es doch.

Diese Überzeugungsarbeit ist sehr schwierig, solange das Kind keine Lust hat zu kommunizieren. Manche Eltern erzählen von positiven Effekten, die sie beim Umgang mit Tieren bei ihren Kindern beobachten. Zum Beispiel Hunde reagieren primär auf Lautsprache: Ja, nein, sitz, stopp. Wenn Kinder das bei Erwachsenen beobachten, animiert sie das oft es nachzumachen – und damit verbal zu kommunizieren. Oder wenn Kinder in anderen Situationen erleben, dass sie mit sprachlichen Äußerungen etwas erreichen können, was ihnen nur mit Gestik nicht gelingt – selbst wenn diese Äußerungen noch nicht hundert Prozent korrekt sind. So etwas kann ein erster Schritt sein.

Weitere Tipps und Tricks für die Familien hörbeeinträchtigter Kinder gibt Anna Stenzel im Rahmen der Therapieeinheiten, sowie gemeinsam mit ihrer Kollegin Nicole Trimmel, Bsc auf Facebook @MED-EL Österreich.

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