Studien über die Vorteile beidseits zu hören gibt es viele. Die Theorie streicht die Vorteile binauralen Hörens klar hervor, aber wir möchten wissen, was Fachleute und vor allem Betroffene selbst aus der Praxis erzählen.

„Wozu habe ich zwei Ohren auf den Weg bekommen, wenn ich sie nicht nützen kann“, war für Karl-Heinz Fuchs, CIA-Obmann und seit 2000 bilateraler CI-Nutzer die Entscheidung zum zweiten CI klar. Der Deutsche Detlev Fischer hat in dieser Hinsicht als einseitig gehörloser CI-Kandidat Pionierarbeit geleistet.

Auch Prof. DI Mag. Friedrich Rödler empfand, als er im Alter von 62 Jahren durch eine Infektion das Gehör auf der linken Seite plötzlich verlor, das einseitige Hören im Alltag als unangenehme Behinderung: „Im Straßenverkehr kann man nicht erkennen, von wo sich ein Auto nähert; wenn man auf der ‚schlechten‘ Seite angesprochen wird, versteht man gar nichts; und wenn das Handy läutet, weiß man nicht, wo es liegt.“  Also hat er sich recht rasch zur Implantation entschieden: „Ich hatte ja nichts zu verlieren!“ Dass er heute so gut mit dem CI zurechtkommt, führt er darauf zurück, dass er nur etwa drei Monate nach dem Ertauben bereits implantiert wurde.

Seine heutigen Erfolge betrachtet er nüchtern und optimistisch zu gleich: „Selbstverständlich darf man sich keine falschen Hoffnungen machen – mit ‚natürlichem‘ Hören kann das CI bei weitem nicht mithalten“, aber „in ‚normalen‘ Gesprächssituationen fügt sich das über das CI Gehörte mit dem, was ich über mein gesundes Ohr höre, gut zusammen und ich muss mich viel weniger konzentrieren, als wenn ich nur mit einem Ohr jemandem zuhöre. Ich habe in meinem Beruf als Steuerberater und als Aufsichtsratsvorsitzender eines großen Unternehmens laufend Gespräche zu führen und an Sitzungen teilzunehmen – das geht problemlos, solange die Diskussion geordnet abläuft und nicht durcheinander geredet wird. Ohne CI fühle ich mich behindert und es „fehlt“ mir etwas. Es ist wie beim Autofahren: wenn man sich an den Sicherheitsgurt einmal gewöhnt hat dann fühlt man sich ohne Gurt unsicher.“ Nachdenklich fügt er hinzu: „Ich glaube jedenfalls nicht, dass ich ohne CI meine berufliche Tätigkeit so uneingeschränkt wie jetzt ausüben könnte.“

MMag Josef Fischleitner, einseitig gehörlos, hat sich vor der Entscheidung zur Implantation gut informiert: „Bevor ich mich operieren hab´ lassen, hab´ ich mit vier oder fünf Leuten geredet. Da hat keiner gesagt, es ist perfekt und ich hör‘ wieder wie vorher.“ Realistische Erwartungen an das Implantat sind bei allen CI-Kandidaten wichtig, das gilt besonders für einseitig Gehörlose. Sogar aus der Sicht des Technikers sind CI-Nutzer, die auf der anderen Seite normalhörend sind, oft eine Herausforderung. „Für uns sind das die schwierigsten Patienten, weil sie immer mit dem gesunden Ohr vergleichen“, gesteht David Sainitzer MSc, Klinischer Techniker bei MED-EL Wien. DI Dominik Richnovsky, ebenfalls Klinischer Techniker, erläutert die wenigen Besonderheiten: „Dass die beiden Seiten gleich laut sind, bei leisen und auch bei lauten Geräuschen. Und dann versuchen wir natürlich auch, dass die Klangqualität gleich ist, dass nicht eine Seite heller oder dumpfer klingt“, und sein Kollege Bashar Hindu MSc relativiert: „Bei der Anpassung ist es nicht so viel anders, aber bei der Übung ist das ein bisschen eine Herausforderung.“

Training ist wichtig

Auch Arnold Erdsiek ist bilateral mit CIs versorgt. Stand ihm seinerzeit noch keine Reha zur Verfügung, weder nach der ersten Implantation, noch nach der zweiten, so hatte er selbst eine Übung für das Richtungshören entwickelt, die er so oft wie möglich durchführte: „Bei uns im Bürohaus waren drei Fahrstuhlschächte. Wenn keiner da war, hab ich den Fahrstuhl kommen lassen, mich vor den mittleren gestellt und die Augen zugemacht. Und dann hab ich dorthin gezeigt, woher ich dachte, dass der Gong gekommen ist und die Augen wieder aufgemacht.“

Solche Übungen sind nicht nur ein netter Zeitvertreib, das Training eines implantierten Ohrs ist sehr wichtig. Das betrifft das Richtungshören ebenso wie das Sprachverstehen selbst. Zahlreiche Studien belegen die „Lernkurve“ mit dem Cochlea-Implantat und zeigen so, dass sich das Sprachverstehen mit CI in den ersten Monaten nach der Erstaktivierung zunehmend verbessert. Ursache für dieses Phänomen ist die Art der Nervenstimulation, die bei Cochlea-Implantaten doch anders ist als der natürliche Nervenreiz, der vom Körper selbst in der Hörschnecke erzeugt wird. Je natürlicher der Reiz erscheint, das heißt je genauer das Implantat das natürliche Gehör nachbildet, umso rascher kann umgelernt werden. Doch auch gezieltes Üben kann den Lernprozess beschleunigen. Daher gehört die Hör(re)habilitation heute selbstverständlich zur CI-Nachbetreuung dazu.

Auch als Karl-Heinz Fuchs implantiert wurde, war die Rehabilitation noch nicht so ausgebaut wie heute. „Ich habe instinktiv obwohl die Musik anfangs scheußlich geklungen hat, trotzdem jeden Tag eineinhalb Jahre lang 20 Minuten Musik gehört, bis ich ein Klavier von einer Trompete unterschieden konnte“, erzählt er heute und weiter über seine Konsequenz in der CI-Nutzung: „Ich habe mir auferlegt, die Tätigkeiten, die das Gehirn von Natur aus erledigt, auch dort zu belassen.“  In Folge vermeidet Karl-Heinz Fuchs das Nachjustieren der Empfindlichkeitseinstellung oder die Verwendung unterschiedlicher Programme in verschiedenen Hörsituationen.

Bei deutlich späterer Implantation der zweiten Seite oder bei der Implantation einseitig Gehörloser kommen aber zusätzliche Aspekte zum Tragen. Prof. Dr. Andrej Kral, Direktor des Instituts für Audioneurotechnologie an der Medizinischen Hochschule Hannover, erklärt in einem Interview für das Magazin „Schnecke“ im Dezember 2013 die Plastizität des Gehirns: Ein Hörverlust, der zum Ungleichgewicht zwischen verschiedenen Frequenzbereichen oder aber zwischen den beiden Seiten führt, stellt einen Anreiz zur Reorganisation des Zentralen Gehörs dar, indem ungenützte Anteile des zentralen Gehörs für andere Hörfunktionen genützt werden. Das wirkt sich besonders in der Kindheit aus, wenn die Synapsen, die Schaltstellen im Nervensystem, noch besonders lernfähig sind, findet aber auch noch im höheren Alter statt. Damit erklärt man sich, warum sich bei bilateral implantierten CI-Nutzern das Sprachverstehen auf der zweitimplantierten Seite oft langsamer entwickelt als auf der ersten Seite. Oder wie Karl-Heinz Fuchs als Anwender das formuliert: „Ich verstehe am neuen CI ganz anders, das alte ist bei mir dominant. Als Ergänzung zum Verstehen in der Masse bringt mir das zweite Implantat aber sehr viel.“ In der Wissenschaft nennt man diesen Effekt das „Aural Preference Syndrom“, das auch mit einem Defizit in der Lokalisation der Schallquelle einher geht. Prof. Kral empfiehlt in diesem Zusammenhang eine kombinierte Rehabilitation bestehend aus dem gezielten Training der „schwächeren“ Seite – sei es der zweitimplantierten Seite oder der CI-Seite bei einseitig Gehörlosen – und aus Übungen zum binauralen Hören (Schalldetektion und –lokalisation).

Doch diese Therapie gestalten sich für einseitig gehörlose CI-Nutzer komplizierter als bei beidseits gehörlosen Nutzern, weiß MMag. Fischleitner zu berichten, denn ein normalhörendes Ohr für die Übungen zu umgehen ist schwierig: „Ich habe mir dann einen Ohrstöpsel machen lassen, aber den kann man gar nicht so weit hinein drücken, dass ich auf dem guten Ohr nichts höre.“

Bashar Hindo bestätigt: „Da muss das andere Ohr vertäubt werden, damit es nicht mithört. Und die FM-Anschlussmöglichkeit spielt bei diesen Patienten eine große Rolle, denn das Übungsmaterial kann damit ausschließlich am implantierten Ohr gehört werden.“

Friedlich Rödler macht eineinhalb Jahre nach der Implantation noch immer regelmäßig mit einer Logopädin Hörübungen, wobei das rechte Ohr mit Störrauschen vertäubt wird, und er übt mehrmals pro Woche mit Hörbüchern, die er über Kabel direkt in den Audioprozessor einspielt. „Das Üben mit Hörbüchern erfordert sehr hohe Konzentration und ist extrem ermüdend – mehr als einmal bin ich abends dabei eingeschlafen“, schmunzelt er. MED-EL bietet auch CDs mit strukturiertem Hörtraining an, die ebenfalls mittels Kabel direkt in den Audioprozessor eingespielt werden können und damit das Üben für einseitig gehörlose CI-Nutzer deutlich erleichtern: „Listen Up!“ ist jetzt schon in fünf Versionen verfügbar.

Manche einseitig gehörlosen Implantat-Kandidaten mag der Trainingsaufwand nach einer Implantation abschrecken. Und manchmal ist sie auf der gehörlosen Seite nicht möglich. Für solche Patienten bietet sich die Nutzung einer Bonebridge an. Prim. Univ. Prof. Dr. Georg Sprinzl, Leiter der HNO-Abteilung der Universitätsklinik St. Pölten, hatte bereits im Jahr 2011 die erste Bonebridge-Implantation in Österreich, damals an der Universitätsklinik Innsbruck, durchgeführt. Die damalige Patientin Daniela S. war beidseits hörbeeinträchtigt, aber seither konnte Prof. Sprinzl auch schon etlichen einseitig gehörlosen Patienten der Universitätsklinik St. Pölten mit einer Bonebridge helfen: „Bei diesen einseitig gehörlosen Patienten ist die Bonebridge super!“ Mit der Bonebridge wird der Schall auf der gehörlosen Seite aufgenommen und auf den Knochen übertragen. Der Schädelknochen leitet den Schall dann auf die andere Seite zur funktionsfähigen Cochlea hinüber. „Einseitig gehörlosen Patienten ermöglicht ein CI ein reales bilaterales Hören. Das ist natürlich etwas anderes, als das pseudo-bilaterale Hören mit einer Bonebridge. Deswegen ist das CI erste Wahl. Aber es gibt immer Patienten, bei denen ein Cochlea-Implantat nicht möglich ist!“, erklärt Prof. Sprinzl dazu und verweist dabei unter anderem auf Fehlbildungen, „bei diesen Patienten ist die Bonebridge super. Bei gutem Restgehör auf der Gegenseite ist sie ein gutes Tool, um diese Patienten zu versorgen.“ Die störenden Effekte des Kopfschattens können auch mit der Bonebridge bekämpft werden.

Karl-Heinz Fuchs, bilateral CI implantiert, ist froh, beidseits hören zu können: „Dass ich mich nicht immer zum Gesprächspartner neigen muss, dass ich da kein Defizit habe, durch den Kopfschatten, speziell in Räumlichkeiten, wo der Kaffeehauseffekt eintritt, wo mehrere Personen durcheinanderreden“, und etwas verlegen ergänzt er „und es ist ein seelisches Gefühl der Sicherheit für mich, wenn mir mit der ersten Seite etwas passiert, ein Unfall, dann bin ich nicht wieder total gehörlos.“ Und auch Josef Fischleitner, der ja nur ein CI verwendet und auf der anderen Seite noch gut hört, denkt an die Zukunft: „Wenn ich älter werde und das andere Ohr auch nachlässt, habe ich wenigstens das CI.“

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