Bei jeder Theatervorstellung sind ein Polizist, ein Feuerwehrmann und ein Arzt mit dabei. Im Interview mit Gehört.Gelesen erklärt CIA Präsident Prof. Dr. Wolf-Dieter Baumgartner die emotionale Nähe von HNO-Ärzten zum Theater und gibt praktische Tipps für die Stimme.

Herr Professor Baumgartner, Sie sind regelmäßig auch als Theater-Arzt aktiv. Warum muss bei jeder Vorstellung ein Arzt dabei sein?

Beim Brand des Ringtheaters im Jahr 1881 sind fast vierhundert Menschen umgekommen. Seither müssen bei jeder Veranstaltung Feuerwehrleute und ein Dienstarzt anwesend sein. Die verpflichtende Anwesenheit eines Polizisten und später eines Polizeijuristen geht auf das Metternich´sche Spitzelsystem zurück: Es sollte sicherstellen, dass bei Aufführungen keine Spitzen gegen das Kaiserhaus gesetzt werden. Diese Regelung gilt für Theater mit mehr als 200 Sitzplätzen. Die Kabarett-Theater des frühen 20. Jahrhunderts hatten weniger Plätze, damit das Auge des Gesetzes nicht bei jeder Vorstellung zuhörte.

Was ist Ihre Aufgabe als Arzt am Theater und wie kam es zu Ihrer Mitarbeit?

Als am Theater an der Wien das Phantom der Opergegeben wurde, hat die Abendspielleiterin auf der Suche nach einem HNO-Arzt eines Tages am AKH angerufen. Ich war damals der einzige, der hinfahren wollte. Erfreulicherweise waren die Kollegen am Theater so zufrieden, dass sie mich immer wieder geholt haben. Die Dienstärzte des Theaters kümmern sich sowohl um das Publik, als auch um das Ensemble, das Orchester und alle Bediensteten des Theaters. Da ich schon fast 25 Jahre mit dabei bin, darf ich auch außerhalb der Aufführungen Künstler betreuen. Ich habe also eine Doppelfunktion, als klassischer Dienstarzt während der Vorstellungen der Vereinigten Bühnen Wiens und als HNO-Facharzt.

Sind alle Dienstärzte am Theater HNO-Spezialisten?

HNO-Ärzte sind dem Theater und der Musik emotional nahe: Viele Kollegen singen selbst oder spielen ein Instrument. Aber wir sind etwa 70 Dienstärzte für die Vereinigten Bühnen Wien,Mediziner aller Fachrichtungen und Allgemeinmediziner – ein guter Mix. Als Dienstarzt ist man ein bis zwei Mal pro Woche am Theater. Dazu kommt in meinem Fall das HNO-Fachspezifische, das sich größtenteils außerhalb der Vorstellungen abspielt und oft die Proben mit einschließt: Wenn Künstler verkühlt oder krank sind, sind die Proben vor der Premiere oft der härteste Zeitraum.

Welche Krankheiten behandeln Sie bei den Darstellern?

Sänger und Schauspieler sind stimmlich sehr gefordert. Es ist wirklich schwierig, Abend für Abend auf der Bühne volle Leistung abzuliefern. Heute sind manche Darsteller überspielt: Maria Kallas hatte maximal 40 Aufführungen im Jahr, und natürlich die Proben. Jetzt stehen Künstler locker 250 Mal jährlich vor Publikum. Heute verwenden Schauspieler Mikrofone, aber es ist trotzdem für die Stimme fordernd so oft aufzutreten. Auch Künstler sind mitunter krank. Einerseits haben wir klassische medizinische Probleme zu berücksichtigen, wie Schnupfen, Fieber oder eine Entzündung; oder auch Verletzungen wie einen gebrochenen Knöchel oder einen Meniskusriss. Andererseits kommt Versagensangst dazu: Das Business ist extrem hart. Wenn man nicht täglich 100- oder 120-prozentige Leistung bringt, ist die Karriere gefährdet – Konkurrenten und Arbeitgeber sind nicht immer rücksichtsvoll.Viele Künstler sind nur während des Engagements versichert. Endet das Engagement, greift die Nachversicherung noch wenige Wochen. Das ist hoch problematisch: Wenn ein Schauspieler oder ein anderer Künstler eine Mandeloperation braucht, müssen wir darauf Rücksicht nehmen, ob er noch versichert ist.

Was war Ihr bisher spektakulärster Einsatz am Theater?

Vor etwa zwölf Jahren, beim Musical Romeo und Julia, waren auf der Bühne des Raimundtheaters die beiden Türme der Montagues und der Capulets aufgebaut. Während der Vorstellung ist einer der Darsteller rücklings vom Turm gestürzt, vier bis fünf Meter tief. Das war eine dramatische Situation – bisher der schwierigste Einsatz für mich. Wir haben den jungen Mann ins Wiener AKH eingeliefert und zum Glück ist alles gut ausgegangen. Die Künstlerkollegen haben den Unfall live mitbekommen, aber von den Zuschauern hat erstaunlicher Weise niemand etwas bemerkt! Eine witzige Geschichte passierte bei einem Stück, bei dem es die Rolle einer Hexe gab. Die Darstellerin hatte eine Nasenbeinfraktur und benötigte einen Gips im Gesicht. Der Maskenbildner hat den Gips so toll in die Hexen-Maske eingearbeitet, dass die Künstlerin ohne Spielpause weiterspielen konnte!

Wenn Sie so oft im Theater sind, können Sie die Texte schon auswendig?

Lacht. Das kommt auf das Stück an. Den Fausthabe ich noch nicht oft genug gesehen, obwohl ich ihn schon sehr oft gesehen habe. Bei Elisabeth kann ich fast vier Jahre nach der letzten Aufführung noch immer jede Textzeile, da könnte ich sogar einspringen. Bei Musicals brauche ich vielleicht 20-30 Mal, bis ich den Text kann – wenn mich das Stück interessiert, geht es erstaunlich rasch.

Können Sie den Lesern noch einen Profi-Trick für die Stimme verraten?

Wenn sie einen Sprechberuf haben, sind ausreichend trinken und ausreichende Pausen wichtig. Am besten sind die alten Hausmittel, wie die Honigmilch. Wichtig ist, den Hals warm zu halten. Der Schal des Danilo oder des Placido Domingo ist kein Zufall, der Rollkragenpullover kein Statement, sondern wichtig für den Kehlkopf. Wichtig ist auch, früh schlafen zu gehen, wenig zu rauchen und wenig Alkohol trinken. Künstler müssen sehr diszipliniert leben, damit sie ihren Schatz, ihr Instrument – die Stimmbänder – gut erhalten.

Bilder: © VBW-Rupert Steiner, VBW_BrinkhoffMögenburg

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