Die österreichischen Krankenpfleger Enzo und Elisabeth Caruso waren 13 Jahre in Afrika als Missionare und Entwicklungshelfer tätig. Während manchen CI-Nutzern schon ein längerer Urlaub als abenteuerliches Wagnis erscheint, kehrten sie damals nur fünf Monate nach der Implantation nach Afrika zurück.

Fernreisen sind immer auch Abenteuer. Schon die Flughäfen: Jeder ist anders organisiert, überall sind die Anzeigen anders und die Informationen über Lautsprecherdurchsagen sind oft undeutlich gesprochen, in einem Englisch, das vom Akzent der jeweiligen Landessprache geprägt ist. Solche Situationen können für junge normalhörende Menschen zur Herausforderung werden. Während Elisabeth Caruso über ihre Unsicherheit auf Flughäfen spricht, zupft die 82-jährige CI-Nutzerin an ihrem Schaltuch. Sie und ihr Gatte Enzo Caruso haben Erfahrung mit Reisen in die Dritte Welt.

1991 kamen Enzo und Elisabeth Caruso im westafrikanischen Benin an. Nach den guten Erfahrungen, die sie 1986 bei einem fünfwöchigen Einsatz in einem Kinderheim in Sri Lanka gemacht hatten, hatten sich die beiden Krankenpfleger entschlossen, nach Pensionsantritt in die Mission zu gehen. In Afrika waren nun ihre beruflichen Kenntnisse gefordert. Von den Ärzten ohne Grenzen lernten sie noch alles Nötige dazu, um dort auch ohne Arzt selbständig arbeiten zu können, wo es schlicht keinen Arzt gibt: von Geburtshilfe, über die Versorgung verschiedener Verletzungen bis zur medikamentösen Behandlung von Typhus oder Tuberkulose. Enzo Caruso absolvierte sogar eine Ausbildung zum Leprologen, dem Spezialisten für die Erkennung und Behandlung von Lepra-Erkrankungen. Er ist einer von nur wenigen Leprologen weltweit.

Nach drei Jahren Arbeit in Benin folgten sie dem Ruf nach Madagaskar.

Exotisches Madagaskar

„Exotische Tiere, eine faszinierende Landschaft und jede Menge Abenteuer“, das verspricht eine Reisebroschüre über Madagaskar, jene Insel vor der Küste Ostafrikas, die von manchen als Achter Kontinent bezeichnet wird. Doch das touristische Traumziel ist eines der ärmsten Länder weltweit. Das Ehepaar Caruso lernte die kleinen Dörfer aus strohgedeckten Lehmhütten im Hinterland kennen, die den Touristen unbekannt bleiben. In einer etwas größeren Siedlung mit etwa 600 Einwohnern wurde ihnen eine Lehmhütte als Wohnraum, eine zweite als Behandlungsraum zur Verfügung gestellt.

Es gab keine Post, kein Geschäft, weder Strom, noch sauberes Wasser. Aber es gab freundliche Menschen dort, die auch einen mehrtägigen Fußweg über die Berge in Kauf nehmen, nur um sich für ihnen zuteil gewordene Hilfe zu bedanken. „Wenn man so etwas erlebt, ist man in dieses Volk verliebt“, strahlt Entwicklungshelferin Caruso.

Die geborene Salzburgerin erzählt mit ruhiger Stimme und einem Stoß alter Fotos in der Hand. Die Bilder erinnern an die Jahre in der Lehmhütte: Die schlechte Piste, verschlammt, mit Spurrinnen so tief wie ein LKW-Reifen, die einzige Verbindung in die 80 Kilometer entfernte Stadt. Eine schwerkranke Frau, die in Tragetüchern von Männern zur Krankenstation gebracht wurde. Kinder, die Körper vom Durchfall ausgemergelt.

Aber auch ein Foto von der neu erbauten Krankenstation ist dabei, mit mehreren Behandlungsräumen und einem Raum für Wöchnerinnen. Vom neuen Lepradorf, das während der monatelangen Behandlung Unterkunft bietet. Vom Bau des Brunnens, der jetzt die Bewohner des Orts mit Frischwasser versorgt. Von der neuen Kirche. Und von Kindern im Schulunterricht, den das Ehepaar initiiert und organisiert hat.

Dankbare Bilanz

Das Team in Krankenstation und Schule konnte mit der Zeit mit einheimischen Mitarbeitern erweitert werden. Die Abläufe aber blieben schwierig: In der Regel dauerte es sechs Monate, bis bestellte Pharmazeutika in der nächsten Stadt abgeholt werden konnten – trotzdem gingen die Medikamente nie aus. „Meine Frau hat das Lager immer sehr umsichtig geführt“, lächelt Enzo Caruso stolz. Die erzählt mit strahlenden Augen: „Enzo hat über tausend Lepra-Kranke geheilt!“

Auch zahlreiche weitere Patienten mit anderen Erkrankungen und Verletzungen verdanken dem Paar ihre Heilung, Hygieneberatung und Impfungen wurden von der Bevölkerung dankbar angenommen. Die beiden haben nicht nur viel Arbeit und Engagement investiert, die Bauprojekte, Medikamente und Impfstoffe waren auch teuer. „Eigentlich komisch, wenn wir für andere Geld gebraucht haben, war immer etwas da“, staunt Frau Caruso. Finanziell getragen wurden die Projekte aber vom katholischen Orden der Salesianer und vom International Found for Development IFD, und auch die Regierung Madagaskars finanzierte Teilprojekte wie die Impfaktion. Dass das Ehepaar auch eigene Ersparnisse einsetzte, fällt im Gespräch beiläufig.

Bei den Behörden in Madagaskar ist Französisch die zweite Amtssprache. Das ist den Carusos sogar geläufiger als Englisch. Um mit den Dorfbewohnern zu sprechen, mussten die beiden Wiener aber Malagassi lernen. „Eine sehr bildliche Sprache und recht einfach“, versichern beide. „Enzo hat nach drei Monaten schon gut gepredigt“, strahlt seine Frau. An der Schule unterrichteten Einheimische und in der Krankenstation sei die Verständigung nie ein Problem gewesen. „Die Kranken zeigen ja, was ihnen fehlt.“

Zwischenstopp Österreich

Für Elisabeth Caruso kam von Anfang an zur fremden Sprache eine zweite Schwierigkeit, denn ihr Hörvermögen war schon seit Jugend eingeschränkt. Als junge Krankenschwester hatte sie sich mit Tuberkulose angesteckt. Zur Behandlung waren damals ototoxische Medikamente verwendet worden, die ihr Hörvermögen geschädigt und Ohrgeräusche hinterlassen hatten. Gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit in Madagaskar erkrankte sie dann an einer schweren Malaria. Die Krankheit konnte mit Chinin gestoppt werden, die lebenswichtige Behandlung zog aber ihr Hörorgan zusätzlich in Mitleidenschaft. Sie verlor weiter an Hörvermögen, der Tinnitus wurde lauter. Von frühen Jahren an Hörprobleme gewohnt, ließ sie sich davon in ihrem Engagement nicht bremsen.

Schließlich infizierte sich aber Enzo Caruso mit Lepra. Schmerzhafte Komplikationen der inneren Organe machten eine Operation notwendig und damit die Rückkehr nach Österreich. „Nach der Operation hat der Arzt gesagt, so etwas hat er noch nicht gesehen“, erinnert sich Elisabeth Caruso. Die Carusos hatten Rückkehr und Operation hinausgezögert, bis Nachfolger für die Krankenstation gefunden waren.

Zurück in Österreich konsultierte Frau Caruso den HNO-Arzt. Der empfahl auch ihr eine Operation, und zwar eine Cochlea-Implantation. Im Juli 2006 war es soweit, Elisabeth Caruso erhielt ihr Cochlea- Implantat, Mitte August erfolgte die Einstellung des Prozessors. Das Ehepaar wollte im Anschluss an die Behandlung so bald wie möglich in die Mission zurückkehren, doch für die damals 70-Jährige erwies sich eine kleine Arbeitspause als richtig: „Ich habe doch etwas Zeit gebraucht, dass ich mich wieder erholt habe.“ Zudem dauerte es einige Zeit, bis sich mit dem Implantat Sprachverstehen entwickelt. Fünf Monate nach der Operation startete ihr Flug in Richtung neuer Herausforderungen, diesmal wieder nach Benin.

Schwierige Heimkehr

Das Ehepaar Caruso lebt heute wieder in Wien. Auf Madagaskar waren die beiden Pensionisten zuletzt im Herbst 2017 auf Besuch. Während ihres Aufenthalts brach dort die Pest aus. Pesterkrankungen sind in Madagaskar nicht unüblich, doch diesmal handelte es sich um eine Epidemie, die von der WHO als bedrohlich eingeschätzt wurde. Die Zeitungen in Europa sprachen damals von 127 Todesfällen, aber Elisabeth Caruso weiß von weit mehr Menschen, die 2017 in Madagaskar der Pestepidemie zum Opfer fielen: „An der Lungenpest stirbt man innerhalb von 24 Stunden, wenn sie nicht behandelt wird!“

Als das Ehepaar die Rückreise antrat, erfolgten am internationalen Flughafen in Madagaskar strenge Gesundheitskontrollen beim Einchecken. Die Behörden wollten verhindern, dass die Pest in andere Länder verschleppt würde. Der Abflug nach Paris verzögerte sich dadurch um drei Stunden. Dass sie am Flughafen in Madagaskar nicht gleich auch die Bordkarte für den Weiterflug nach Wien bekamen, war in Kombination mit der Verspätung schon beunruhigend. Noch schlimmer wurde es in Paris, als die französische Fluglinie sich generell weigerte, Reisende aus Madagaskar zu transportieren.

Letztlich hat die AUA die gesunden Carusos nach Wien geflogen. Dieser Lösung gingen aber viele Lautsprecherdurchsagen, Gespräche und Diskussionen voran – Elisabeth Caruso ist sonst mit dem Hören über CI sehr zufrieden. Nur beim Telefonieren mit Fremden oder bei Gesprächen in lauter Umgebung hat sie Probleme. Doch wenn sie an den letzten Rückflug aus Madagaskar denkt, ist sie immer noch sehr froh,

dass sie in dieser Situation ihren Mann zur Seite hatte. „Die Sicherheit, dass jemand in der Nähe ist, den ich fragen kann, lässt mich selbst auch besser verstehen.“

Neue Herausforderungen

Seit sie wieder hier leben, stellen sich die beiden aktiven Pensionisten einer neuen Herausforderung: Bei Besuchen in zwei Pflegeheimen betreuen sie im Rahmen der Krankenseelsorge etwa 80 Senioren, viele davon schwerhörig. „Meine Frau kann sehr gut zuhören“, lächelt Herr Caruso. Die erwidert: „Es schadet vielleicht nicht, dass ich aus Erfahrung kenne, wie es ist schlecht zu hören.“

Elisabeth Caruso selbst hat mit ihrem CI nur noch in lauter Umgebung oder bei Telefonaten mit völlig Unbekannten Probleme. Die Erinnerungen an die Operation seiner Frau schließt Enzo Caruso mit den Worten: „Hätte ich jetzt – mit 80 – einen Hörsturz, ich würde keinen Moment zögern, ein CI zu bekommen. Jetzt, da ich ja weiß, was das bedeutet!“

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