Wissenschaftler verweisen wiederholt auf einen Zusammenhang zwischen Demenz-Erkrankungen und Hörbeeinträchtigungen. Eine neue Studie aus Boston zeigt darüber hinaus den positiven Effekt, wenn Betroffene Hörsysteme nutzen.

„Alt werden ist noch immer die einzige Möglichkeit, lange zu leben“, sagte der österreichische Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal. So sicher wie Altern zu langem Leben führt, so gewiss bringt es auch altersbedingte Veränderungen mit sich: typischerweise verringerte Muskelkraft, verringerte Konzentration und Sehkraft – und auch verringertes Hörvermögen.

Jeder dritte Senior über 65 Jahre ist von Altersschwerhörigkeit betroffen. Weltweit leiden etwa 300 Millionen Menschen unter Altersschwerhörigkeit. Die Ursache für Hörprobleme kann im peripheren Hörorgan liegen aber auch in der zerebralen Schallverarbeitung.

Auch kognitive Fähigkeiten schwinden oft im Alter – über 50 Millionen Menschen über 65 Jahre wurden als dement diagnostiziert. Auch wenn in Einzelfällen sogar junge Menschen von Demenzerkrankungen betroffen sind, so ist der Großteil aller Demenzkranken doch über 65 Jahre alt, 80 Prozent sogar über 75 Jahre.

Für Fachleute ist es interessant, ob zwischen Demenzerkrankungen und Hörproblemen ein Zusammenhang besteht: Dann könnten daraus Diagnosemöglichkeiten oder sogar Vorbeugungs- und Behandlungsmöglichkeiten resultieren. Die neueste Studie aus Boston zeigt nun, dass die Verwendung von Hörhilfen Schwerhörigkeit als Risikofaktor für Demenz tatsächlich reduzieren kann!

(Nicht-)Hören und kognitive Leistungen

Für das Verstehen von Sprache ist nicht nur die Funktion des Ohrs Voraussetzung, sondern auch eine adäquate Verarbeitung der Signale im auditiven Kortex, dem Hörzentrum in der Großhirnrinde. Müdigkeit und mangelnde Konzentration kann diese Fähigkeit vorübergehend beeinflussen. Auch reduzierte kognitive Fähigkeiten könnten sich auf das Sprachverstehen im Alltag auswirken.

Bei der MiniMed-Veranstaltung zum Thema Hören im fortgeschrittenen Lebensalter im Juni 2019 bezeichnete HNO-Spezialist Dr. Lukas Klikovits das Hören als „Prävention gegen dementielle Erkrankungen und kognitive Abbauprozesse“. Er stützt sich als ehemaliger Assistenzarzt der Universitätsklinik St. Pölten auf seine eigenen Erfahrungen und die des dortigen HNO-Teams, sowie auf internationale Untersuchungen.

Schon 2013 untersuchte eine Studie am Johns Hopkins Center on Aging & Health im US-amerikanischen Baltimore die Zusammenhänge zwischen Höreinschränkung und kognitiver Einschränkung. Um reduzierte kognitive Leistungen als Ursache für das Hörproblem auszuschließen, wurde eine sogenannte Reintonaudiometrie durchgeführt – damit konnten Hörstörungen im Hörorgan isoliert von eventuellen Störungen im zerebralen Bereich dargestellt werden. Der Vergleich der Hörleistung mit der kognitiven Leistung der Studienteilnehmer zeigte, dass schwerhörige Teilnehmer um 24 Prozent häufiger als dement eingestuft werden mussten als das bei normalhörenden Gleichaltrigen der Fall war.

Tausende Fälle bekannt

Im Laufe der letzten Jahre wurde eine große Zahl solcher Studien durchgeführt. 2018 verglichen Wissenschaftler in der irischen Hauptstadt Dublin Daten von insgesamt 36 wissenschaftlichen Studien und über 20.000 Personen aus zwölf Nationen. Sie fassten zusammen: Altersschwerhörigkeit stellt einen Risikofaktor für den kognitiven Abbau dar. Die Ergebnisse ließen aber offen, ob die Schwerhörigkeit eine frühe Folge sinkender kognitiver Leistungen sei oder umgekehrt.

Beim Vergleich mehrerer solcher Studien fand eine internationale Forschergruppe heraus, dass Hörverlust mit einem Anteil von über 25 Prozent der größte vermeidbare Risikofaktor für Demenz ist – nur unvermeidbare, angeborene Faktoren sind noch bedeutender. Die Forschergruppe prognostizierte: Könnte Schwerhörigkeit zur Gänze verhindert werden, würden um neun Prozent weniger Demenzerkrankungen jährlich auftreten!

Wie Hörhilfen helfen können

Eine neue Langzeitstudie am Brigham and Women‘s Hospital in Boston, US-Bundesstaat Massachusetts, an über zehntausend Männern über 62 Jahren bestätigte abermals den Zusammenhang zwischen reduzierten kognitiven Fähigkeiten und einem Hörverlust.

Bei Testpersonen mit leichten Höreinbußen wurden um 30 Prozent mehr Hinweise auf die Entstehung einer Demenz verzeichnet als bei normalhörenden Personen, bei steigendem Hörverlust oder Taubheit steigt das Risiko einer Demenzerkrankung weiter an. Während hochgradig schwerhörige Männer, die kein Hörgerät nutzen, ein Demenzrisiko von 54 Prozent zeigten, reduzierte es sich für hochgradig schwerhörige Nutzer von Hörgeräten auf nur 37 Prozent! Aus der Publikation war nicht ersichtlich, dass auch CI-Nutzer in der untersuchten Gruppe dabei gewesen wären – die Ergebnisse für hochgradig schwerhörige Personen lassen sich aber getrost auf CI-Kandidaten und -Nutzer umlegen. Die Daten bestätigen also eindrucksvoll: Hörgeräte und Hörimplantate können Demenz nicht verhindern, das Demenzrisiko aber deutlich reduzieren!

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Mehrfache Wechselwirkungen

Höreinbußen sind ein Risikofaktor für Demenzerkrankungen. Umgekehrt benötigt jeder Mensch kognitive Leistung, das Gehörte zu verstehen. Schwerhörige müssen im Alltag zusätzliche Denkleistung erbringen, um kognitiv zu ergänzen, was sie auditiv nicht verstanden haben. Daher wirken sich kognitive Einbußen direkt auf das Sprachverstehen aus.

Es ist noch nicht belegt, warum Hörgeräte bei hörbeeinträchtigten Personen einer Demenz entgegenwirken. Sicher ist, dass neben einem erhöhten Demenzrisiko auch soziale Isolation und Depressionen mögliche Folgen ausgeprägter Hörprobleme sind. Beide werden als weitere mögliche Auslöser für Demenz betrachtet. Andererseits gilt soziales Engagement als Demenz-Prävention, wofür gutes Hörvermögen wiederum eine Rolle spielen könnte.

Demenz-Test bei Menschen mit Sinneseinschränkung

Bereits bei einer im Jahr 2013 am Johns Hopkins Center on Aging & Health in Baltimore, USA, durchgeführten Studie wurden Schwerhörige um 24 Prozent häufiger als dement ausgewiesen als normalhörende Gleichaltrige. Die Studienautoren ließen damals aber in der Interpretation der Ergebnisse noch offen, ob die schwerhörigen Teilnehmer bei den Tests vielleicht auch deswegen schlechter abgeschnitten hatten, weil sie Testanweisungen akustisch nicht verstanden hatten.

Auch im klinischen Alltag könnten Hörprobleme zu einer Fehlinterpretation von Testergebnissen führen. Ein Beispiel für einen international häufig verwendeten Screening-Test für kognitive Störungen ist der „Montreal Cognitive Assessment Test“ MoCA, der 1996 in Kanada entwickelt wurde. In wenigen Minuten können die Bereiche Aufmerksamkeit und Konzentration, Exekutivfunktionen, Gedächtnis, Sprache, visio-konstruktive Fähigkeiten, konzeptuelles Denken, Rechnen und Orientierung geprüft werden. Der Test ist in über 30 Sprachen verfügbar, auch auf Deutsch. Die Anweisungen dabei erfolgen aber mündlich, teilweise gehören bildliche Darstellungen zur Frage; fallweise ist als Antwort eine Skizze anzufertigen. Daher könnte ein schlechteres Abschneiden sinnesbeeinträchtigter Personen systembedingt sein.

2010 wurde der MoCa daher in einer Version für blinde Patienten evaluiert. Seit 2017 steht er auch in einer Version für hörbeeinträchtigte Personen zur Verfügung. Damit sind auch für Patienten mit visuellen oder auditiven Einschränkungen zuverlässige Testergebnisse gewährleistet.

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