Hörbücher können nicht nur Langeweile vertreiben, sie sind auch als Ergänzung zum Hörtraining bestens geeignet.

Ing. Eva Kohl, Clinical Engineer, MED-EL Wien

©AUDIAMO

Jetzt kommt sie wieder, die Zeit der langen Autofahrten, die den Urlaubsbeginn oft alles andere als erholsam sein lassen. Ein gutes Buch, eine spannende Geschichte wären die ideale Abwechslung während langweiliger Fahrten auf der Autobahn, aber Kinder haben oft noch nicht die Ausdauer für längeres Lesen und den Erwachsenen wird beim Lesen im fahrenden Auto oder Bus leicht schwindelig und sogar übel. Für den Fahrer selbst beschränkt sich Lesen sowieso auf die Zusatztafeln zu Verkehrsschildern. Wie gut also, dass es Hörbücher gibt.

Eigentlich gibt es die schon seit etwa 1920, damals auf Schallplatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war „Deutsche Grammophon“ auf dem Hörbuchbereich sehr aktiv und im Rundfunk boomten damals Hörspiele. Der erste reine Hörbuchverlag in Deutschland, gegründet 1978, konnte noch keine großen Auflagen erzielen, doch für Blinde sind Hörbücher seit jeher sehr wichtig.

Hörbücher seien aber auch ein gutes Mittel in der Reha von CI- und Hörgeräte-Trägern, „da sie die Freude am Hören wecken und den Betroffenen ermutigen, selbstständig zu üben“, erklärt Dr. Vanessa Hoffmann, zuständig für Rehabilitation bei MED-EL Deutschland. Speziell nach der CI-Versorgung bei einseitiger Gehörlosigkeit kann man Hörbücher mittels FM-Hülse oder Induktionsschleife direkt in den Audio-Prozessor des CI-Systems einspielen und damit selektiv die implantierte Seite ansprechen, ohne mühsam die hörende Seite vertauben zu müssen.

Eine eigene Hörbuchhandlung

Monika Röth ist mit Hörbüchern aufgewachsen, denn während sie selbst lesen lernte, hörte ihre blinde Mutter die Literatur. Als dann auch sie selbst zunehmend an Sehvermögen verlor, machte sie sich auf die Suche nach Anbietern. Während es in Deutschland schon Spezialgeschäfte für Hörbücher gab, wollte man Audiobücher in Österreichs Buchhandlungen nur auf Bestellung anbieten, nicht aber auf Lager legen. Also sind Monika Röth und ihr Lebensgefährte Günter Rubik zur Tat geschritten und haben vor sieben Jahren die Buchhandlung Audiamo in Wien gegründet. Unweit des Westbahnhofs bieten sie hinter einer unauffälligen Fassade mehr als 10.000 Hörbücher der verschiedensten Genres an. Es finden sich Kinderbücher, Serien und Sachbücher ebenso wie Belletristik, deutschsprachige Aufnahmen stehen neben Audiobüchern in Fremdsprachen. Hier darf man stöbern oder auf bequemen Ledersesseln bei einer Tasse Kaffee probehören: Die Verlage haben für nahezu alle Audiobücher bis zu 30 Minuten Hörproben vorbereitet – wie beim Kino-Trailer werden typische Teile dargeboten. „Man sollte schon vorher hineinhören, ob einem die Stimmlage es Sprechers angenehm ist“, empfiehlt Michaela Blineder, Logopädin am AKH, besonders Hörbeeinträchtigten. Mittlerweile werden Hörbücher auf CD ja auch in Buchhandlungen angeboten, aber die Beratung im Fachgeschäft ist natürlich unvergleichbar, denn Monika Röth und ihr Team kennen jeden Artikel im Regal genau.

Entsprechend der aktuellen Technik werden Audiobücher vorwiegend auf Audio-CD oder im MP3-Format vertrieben. Was auf den ersten Blick wie technische Spitzfindigkeit wirkt, hat direkte Auswirkungen auf den Hörgenuss. Monika Röth zieht „Die Tore der Welt“ von Ken Follett als Beispiel heran: Während die CD-Version auf 12 Tonträgern in rund 900 Minuten eine gekürzte Lesung des Romans bietet, kann man mit der ungekürzten Lesung auf sieben MP3-CDs rund 50 Stunden Hörgenuss erwerben. Apropos erwerben: Der Preis ist bei der Vollversion natürlich auch entsprechend höher.

Audiobücher für das Hörtraining

Wenn man Hörbücher für Übungszwecke einsetzen wolle, sollte ein auditives Sprachverstehen auf Satzebene schon möglich sein, sonst seien spezielle Hörtrainings zu bevorzugen, erklärt die Reha-Spezialistin Hoffmann. Sie fordert weiter, für das Hörtraining sei die Sprachqualität der Aufnahme ausschlaggebend. Für den Beginn sollten Aufnahmen ein langsames Sprechtempo bieten, möglichst wenige Sprecherwechsel beinhalten und der gedruckte Text zum Mitlesen sei sehr hilfreich. Monika Röth verweist diesbezüglich auf ungekürzte Lesungen oder auf sprachlich etwas vereinfachte Literaturaufnahmen für den Schulgebrauch, bei denen der Text sogar als PDF mitangeboten werde. „Der HörGut! Verlag hat da einige interessante Produktionen, und der Bertz+Fischer Verlag hat ebenfalls bei seinen ungekürzten Lesungen ein PDF mit dem Text dabei, einzig sind diese Produktionen auf Englisch.“ Aber auch Audiobücher „Deutsch als Fremdsprache“ mit beigelegtem Taschenbuch sind eine Option. Michaela Blineder ergänzt, die Aufnahme sollte ohne Hintergrundmusik auskommen, und weiter: „Bei Romanen sollte man eher deutschsprachige Literatur mit deutschen Namen wählen – fremdsprachige Namen sind schwierig herauszuhören, sagen mir die CI-Nutzer. Und bei Übersetzungen stimmt manchmal sogar die ungekürzten Lesung nicht mit der gedruckten Version überein.“ Auch für den Einsatz von Audiobüchern bei Kindern hat sie einen heißen Tipp: „Fragen zu dem Text zu stellen, damit das Verständnis überprüft werden kann.“

Etwa 90 Hörbücher im Daisy-Format, das seinerzeit von den Blindenbibliotheken erarbeitet wurde, findet man bei Audiamo auch. Diese haben den Vorteil, dass man die Abspielgeschwindigkeit variieren kann, doch die Funktionen des Daisy voll nützen zu können, bedarf eines eigenen Abspielgeräts oder -programms. Außerdem ist das verlangsamte Abspielen in der Rehabilitation nur bedingt geeignet. Dr. Hoffmann erklärt dazu: „Bei Aufnahmen mit stark verlangsamtem Sprechtempo muss man aufpassen, dass die Prosodie (etwa das, was man umgangssprachlich als „Betonung“ bezeichnet) nicht verändert wird und der Höreindruck des Gesprochenen unnatürlich wirkt.“

Eine spezielle Form des Hörbuchs stellt das Hörspiel dar, wie wir es aus der Vergangenheit von Rundfunk-Hörspielen kennen. Dabei werden die Dialoge von verschiedenen Sprechern dargeboten. Ein Erzähler führt meist durch das gesamte Hörspiel und es werden Geräuscheffekte und untermalende Musik beigemischt. Das wirkt lebendig, führt aber dazu, dass einzelne erklärende Textteile beim Lesen ausgelassen werden und Mitlesen daher unmöglich wird. Insgesamt ist es sicher die für Hörbeeinträchtigte anspruchsvollste Version eines Audiobuchs.

Zurück zur Rubrik „Deutsch als Fremdsprache“ – diese Hörbücher kann man natürlich auch in einfachen Buchhandlungen, im Internetvertrieb oder beim Verlag (zum Beispiel klett.de) direkt erwerben.

Hörbücher im Internet

Das Internet eröffnet überhaupt eine Vielzahl von Möglichkeiten zum Hören lernen. Eine besondere Marktnische füllt die „Deutsche Welle“, staatlicher Auslandsrundfunk der Bundesrepublik Deutschland und Mitglied der ARD, die das Verständnis und den Austausch der Kulturen und Völker fördern soll und widmungsgemäß einer der Träger der auswärtigen Kulturpolitik der Bundesrepublik ist. Dazu bietet sie unter anderem via Internet tagesaktuelle Nachrichten in langsamer Sprache, wobei der Text im Manuskript mitgelesen werden kann. Gedacht ist dieses Angebot zum Deutsch lernen, beim Hören lernen kann es aber helfen.

Ebenfalls im Web wird vom Hörtherapiezentrum in Oberlinhaus die Datenbank hoerbuchundci.de angeboten, die Empfehlungen für Hörbücher von CI-Nutzern präsentiert. Jeder CI-Nutzer kann so eine Empfehlung abgeben, daher muss man mit entsprechend inkonsistenten Bewertungen rechnen. Dafür ist die Zuordnung der Audiobücher in Anfänger, Geübte und Fortgeschrittene vorbildlich und man findet auch die Methode des Hörtrainings mit Hörbuch beschrieben: erst lesen, dann lesen und hören und zuletzt nur hören. Vollständig ist die Datenbank aber natürlich bei weitem nicht – Michael Morgners Lieblingsautor Ken Follett ist zum Beispiel nicht erfasst.

Kaufen kann man die CDs dort zwar nicht, aber das ist mittlerweile ja bei vielen Internetanbietern möglich. Audiobücher könne in MP3-Form sogar per Download erworben werden. Amazon betreibt mit audible.de einen eigenen Hörbuchanbieter. Prof. DI Mag. Friedrich Rödler, einseitig gehörloser CI-Nutzer, hat durchwegs gute Erfahrungen mit dem Angebot dort gemacht. Er schätzt besonders die Abo-Möglichkeit: Für fünf bis zehn Euro darf man monatlich eines von 100.000 Audio-Büchern downloaden, wobei man in der verfeinerten Suche auch zwischen Hörbuch und Hörspiel unterscheiden und explizite ungekürzte Aufnahmen wählen kann. So etwa findet man auch hier Ken Follett in ungekürzter Lesung zum Abo-Preis. „Die Hörbücher habe ich auf das Smartphone bzw. das iPad heruntergeladen und so immer dabei“, schwärmt er. Hörproben sind verfügbar, persönliche Beratung gibt es aber natürlich keine.

Auch Audiamo bietet die Möglichkeit, per Internet zu kaufen und natürlich sind auch auf diesem Weg Hörproben möglich. Der Suchfilter von Audioamo lässt die Wahl zwischen Tonträger (Neben CDs sind für Liebhaber einzelne LPs und sogar noch Restposten auf Kassette verfügbar) oder Download zu und bietet eine Vorauswahl für ungekürzte Lesungen oder Hörspiele. Natürlich kann auch über Genre, Autor, Titel, Verlag oder andere Begriffe gesucht werden und wer weitergehende Hilfe benötigt, kann sich mit seinen speziellen Wünschen einfach via Anfrageformular direkt an das bewährte Team der Wiener Hörbuchhandlung wenden.

Geliehene Hörbücher

Für schmale Geldbörsen ist es natürlich reizvoll, sich ein (Hör)Buch auszuborgen, statt es gleich zu erwerben. Diesbezüglich bietet Graz ein Eldorado für Hörbuchfans:

Die HörBibliothek Mariahilf ist die erste und bisher einzige öffentliche Bibliothek Österreichs, die ausschließlich Hörbücher anbietet. Wo Christa Wiener-Pucher im Jahr 1998 mit rund 120 Audiokassetten und CDs im Pfarrsaal der Gemeinde Graz Mariahilf begann, findet man heute rund 3000 Hörbücher der verschiedensten Genres in Deutsch und vier weiteren Sprachen im Regal, wie der Internetauftritt verheißt. Kinder sind dem Team ein besonderes Anliegen, rund 100 CDs stehen für sie zur Verfügung und werden in einem eigenen Katalog gelistet. Die HörBibliothek hat nur stundenweise geöffnet, denn die Mitarbeiter der HörBibliothek engagieren sich ehrenamtlich – dafür und für ihre Fachkompetenz wurden sie schon mehrfach ausgezeichnet.

Die Entlehngebühren sind minimal. Blinde und Sehbehinderte können sich dank einer Subvention des Sozialamtes der Stadt Graz Hörbücher gratis ausleihen, für Hörbeeinträchtigte fehlt eine derartige Regelung derzeit noch.

Hörbuchabteilungen gibt es mittlerweile auch in anderen Bibliotheken und wer jetzt Interesse bekommen hat, kann sich auf audiobooks.at auch gleich die aktuellsten Tipps und Kritiken zu den neuesten Hörbüchern holen – natürlich wieder aus der Feder von Monika Röth und ihrem Team.


O-Töne:

DI Michael Morgner, Regional Manager, MED-EL Wien:

„Ich höre am liebsten Ken Follett, wenn ich auf Dienstreisen längere Strecken mit dem Auto fahre.“

Monika Röth, Inhaberin von Audioamo:

„Am schwierigsten wird die Beratung, wenn ein Pärchen mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen an Literatur ein Hörbuch zum gemeinsam Hören aussucht.“

Michaela Blineder, Logopädin am AKH Wien:

„Hörbücher kann man auch selber aufnehmen. Der Vorteil ist, dass man das Sprechtempo selbst bestimmen kann, keine Hintergrundgeräusche (Musik) hat und seinen Inhalt auch frei wählen kann. Mit dem Sprachmemo am iPhone geht das zum Beispiel sehr gut.“

Dr. phil. Vanessa Hoffmann (MSc), Rehabilitation & Logopaedic Research Manager, MED-EL Deutschland:

„Audiovisuelles Feedback ist am Anfang wichtig. Es dient der Kontrolle und unterstützt dabei, den Höreindrück mit dem Gelesenen abzugleichen.“

Prof. DI Mag. Friedrich Rödler, 62, CI Nutzer:

„Bei der Auswahl der Hörbücher richte ich mich in erster Linie nicht nach dem Autor, sondern danach, wer der Vorleser ist – da gibt es in der Verständlichkeit doch große Unterschiede. Ich erwerbe daher kein Hörbuch ohne Hörprobe.“


AUDIAMO

Montag bis Freitag: 9.00 bis 19.00 Uhr,

Samstag: 10.00 bis 17.00 Uhr

Kaiserstraße 70

1070 Wien

Tel: 01/69 995 3190

Fax: 01/69 958 17

Online-Shop: audiamo.at

HÖR-BIBLIOTHEK MARIAHILF

Mittwoch: 15.30 bis 18.30 Uhr,

Freitag: 8.30 bis 10.00 Uhr,

Sonntag: 10.00 bis 11.00 Uhr

Mariahilfer Platz 3

8020 Graz

Tel.: 0316/71 31 69-40

www.hoerbibliothek.at

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