„Wer schreibt, liest sich selbst“ – An den Ausspruch des Autors Max Frisch fühlt man sich erinnert, wenn man die Lebensgeschichte der US-amerikanischen Autorin Carson McCullers mit ihren Werken vergleicht. Nicht Hauptfigur, aber Angelpunkt ihres Roman-Erstlings ist der „taubstumme“ Mister Singer, ein Sinnbild für stilles Verstehen, wie auch für Sprachlosigkeit.

Ing. Eva Kohl, Clinical Engineer, MED-EL Wien

„Es gab in der Stadt zwei Taubstumme, die man immer zusammen sah. Jeden Morgen traten sie zeitig aus dem Haus, in dem sie wohnten, um Arm in Arm die Straße hinunter zur Arbeit zu gehen.“ Das Herz ist ein einsamer Jäger beginnt mit der Schilderung einer seltsamen Freundschaft. Darf man dem kurzweiligen, biographischen Roman von Barbara Landes über Autorin Carson McCullers glauben, sind die Freunde John Singer und Spiros Antonapoulos erst spät in das Zentrum des Geschehens gerückt. Der Taubstumme ist für die pubertierende Mick der einzige, „der wirklich zuhört“. Er hat „gehört“ was dem jungen Willie Copeland angetan worden war, doch „in seinem Blick lag weder Entsetzen, noch Mitleid oder Hass“ wie bei den anderen, denn „er allein verstand es.“

Mister Singer bildet das Bindeglied zwischen den einzelnen Protagonisten und Handlungssträngen. Gleichzeitig versinnbildlicht er die Sprachlosigkeit der armen Bevölkerungsschichten in den Südstaaten Anfang des 20. Jahrhunderts.

Der Duft der Südstaaten

McCullers schildert in fast poetischer Sprache eine Gesellschaft, die den Leser schier zur Verzweiflung treiben könnte: Da ist die weiße Mick Kelly, deren Träume beim Erwachsen werden an der Armut ihrer Familie zerplatzen; der schwarzer Arzt Dr. Copeland, der seine Brüder geringschätzig als ‚Neger‘ tituliert, sich aber letztlich nach der verlorenen Familie sehnt; oder sein Sohn Willie, der wegen einer Bagatelle ins Gefängnis kommt und dort vom Aufseher zum Krüppel gefoltert wird. Blound, der vom solidarischen Klassenkampf träumt oder der unglücklich verheirateter Wirt Biff, der seine pädophilen Züge unterdrückt; und schließlich jenes gar merkwürdige Pärchen zweier Gehörloser.

Der Grieche Antonapoulos ist der beste Freund von Singer, bei dem er anfangs auch lebt – wobei ihre Gemeinsamkeiten auf das Schicksal der Gehörlosigkeit beschränkt scheinen. Anfangs ist Singer keineswegs sprachlos: Er kommuniziert mit Antonapoulos in Gebärdensprache, die dem damaligen Sprachgebrauch entsprechend ‚Zeichensprache‘ genannt wird – bis Antonapoulos in eine Anstalt eingewiesen wird.

McCullers stellt in naturalistischer und realistischer Weise die Menschen am Rande der Gesellschaft in den Mittelpunkt, sowie ein Gefühl der Sehnsucht.

Das Wunderkind

Der Debütroman Das Herz ist ein einsamer Jäger machte die damals 23-jährige Autorin über Nacht berühmt. Dabei hatte ihre Mutter ganz andere Träume, als Lula Carson 1917 in Columbus im US-Staat Georgia geboren wurde. Die Erstgeborene eines Uhrmachers sollte Konzertpianistin werden – und war durchaus begabt.

Ab der Pubertät von Rheumaanfällen geschüttelt, gab sie das Klavierspiel auf und wechselte zur Schriftstellerei. Sie passte sich dem dekadenten Stil der New Yorker Künstlerclique an, lebte nach der vorübergehenden Trennung von ihrem Mann in der Künstlerkommune February House, rauchte und trank im Übermaß und verfing sich in merkwürdiger Schwärmerei zur Schweizerin Annemarie Schwarzenbach. Mit 36 Jahren hatte sie zwei Schlaganfälle und einen Selbstmordversuch hinter sich und sie war Witwe.

Exzessive Lebensweise und schwerwiegende gesundheitliche Probleme – McCullers ließ sich nicht beirren: „Mein Leben folgt einem Muster, an das ich mich immer gehalten habe: Arbeit und Liebe.“ Schon der Titel ihres ersten Romans lässt ahnen, wie viel autobiographische Züge darin verarbeitet sind – nicht nur in der Figur von Mick Kelly offenbaren sich viele Sehnsüchte und Züge der Autorin. Wie häufig bei Autoren, die viel Eigenerleben in ihre Bücher einfließen lassen, bleibt die Zahl ihrer Werke letztlich überschaubar – nicht nur, weil sie bereits im Alter von 50 Jahren infolge eines neuerlichen Schlaganfalls starb.

Oft stellt McCullers in ihren Werken vorwiegend Gefühle und Beziehungen dar – auch in ihrem Erstlingswerk scheint die Handlung eher nebensächlich: Das Bild, das sie vom Kleinstadtleben in Georgia und der verzweifelten Einsamkeit der Menschen dort zeichnet, ist der eigentliche Inhalt des Buchs. Einzelne Passagen verleiten trotzdem zum Schmunzeln: Etwa wenn Dr. Copeland bei einer Weihnachtsfeier die Thesen von Karl Marx so wiedergibt, dass der anwesende Geistliche vermutet: „Dieser Marx muss wohl ein guter Christ sein.“

Schwere Kost, die fesselt

Das Herz ist ein einsamer Jäger ist mit sieben CDs und 487 Minuten Spieldauer keine leichte Unterhaltung für zwischendurch. Das Mitlesen in der Druckausgabe ist bedingt möglich, weil es sich trotz dieses erheblichen Umfangs um eine gekürzte Lesung handelt. Doch die Tonqualität ist vorbildlich: Auf langen Autofahrten kann das Hörbuch den Zuhörer leicht die Zeit vergessen lassen.

Die Milieu-Schilderung lässt manches Geschehen der US-amerikanischen Geschichte auf neue Art verstehen. In dieser Hinsicht eine interessante Hör-Erfahrung für Jugendliche, doch die Länge stellt hohe Anforderungen an das Durchhaltevermögen, die fehlende Möglichkeit zum Mitlesen an das Sprachverständnis. Wer in der Schulzeit im Literaturunterricht John Steinbecks Epik genoss, wird diesen Roman ebenso lieben.


Bücher: Das Herz ist ein einsamer Jäger, Carson McCullers, Diogenes-Verlag Taschenbuch 978-3-257-24224-9 Hardcover 978-325-706801-6

Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers, biographischer Roman von Barbara Landes, Hardcover, ebersbach & simon 2016, ISBN 978-3-86915-131-1

Hörbuch: Das Herz ist ein einsamer Jäger, Kindle Edition, gekürzte Lesung von Elke Heidenreich, 978-3-257-80311-2 B00B5NCYUU

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