Eine Geschichte von Liebe und Leid, von Heldenkraft und wilden Kämpfen, von Verrat, List und Gewalt, Hinterhältigkeit und Opfermut, von Blut und Goldgier, von Rache und Hass. Schließlich von einem Untergang in Flammen, Blut und Tränen, als alle sich gegen alle zu Tode gesiegt haben.

Birgitt Valenta, Specialist, Marketing Project Management, MED-EL Wien

Das Nibelungenlied, das bedeutendste mittelhochdeutsche Heldenepos und quasi Urwerk der deutschsprachigen Literatur, entstand in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, vermutlich irgendwo zwischen Passau und Wien. Der anonyme Autor verwendete den bedeutend älteren Stoff germanischer Heldensagen aus der Antike und gliederte das Epos in über 2000 vierzeilige Strophen mit paarweisen Endreimen (Nibelungenstrophe). Diese sind wiederum in zwei Kapitel geteilt. In den ersten sogenannten Aventüren geht es um die Geschichte Siegfrieds bis zu seiner Ermordung, die restlichen Aventüren handeln von Kriemhilds Rache.

Vor 200 Jahren wiederentdeckt wurde es vom deutschsprachigen Volk lebhaft in seine Arme gezogen, vor allem in der Romantik wurde es gehegt und gepflegt. Im 19. Jahrhundert beschäftigte sich der Dramatiker Friedrich Hebbel intensiv mit dem Stoff, sein wohl prominentester Auftritt ist Richard Wagners vierteiliger mächtiger Opernzyklus „Der Ring der Nibelungen“. Auch Tolkiens Werk aus der Mitte des 20. Jahrhunderts „Herr der Ringe“ weist inhaltliche Parallelen auf. Der Stoff, Dauerbrenner in der Geschichte der Menschheit, ist bis heute vielerlei in unserer Kultur zu finden: Volk, Kampf, Heldentum, Standesehre, Sittenbindung, das brennende Element der Rache. Nicht zu vergessen, das Schlagwort der „Nibelungentreue“, das zwei Weltkriege unseres Jahrhunderts pathetisch umdonnerte.

Das Nibelungenlied gibt es in verschiedenen Fassungen als Hörbuch. Eine (fast) ungekürzte Version habe ich mir zu Gemüte geführt, über die ich im Anschluss rezensieren möchte. In Buchform findet man die Nibelungen aufgrund der unzähligen unterschiedlich interpretierten Versionen der letzten 200 Jahre in vielen Auflagen in jedem gut sortiertem Fachhandel. Um das Nibelungenlied so kennenzulernen, wie es im Mittelalter erzählt wurde, ist die Verwendung einer zweisprachigen Ausgabe meiner Meinung nach unabdingbar. Eine sehr gute Standardausgabe des Nibelungenlieds im Original (Mittelhochdeutsch) und mit Übersetzung (Neuhochdeutsch) ist im Reclam-Verlag erhältlich. Die Ausgabe des Epos von Ursula Schulze und Siegfried Grosse beinhaltet eine exakte, revidierte Prosaübersetzung und gilt als sehr weitgespannte Darstellung, die von der Stoffgeschichte und der Geschichte der Überlieferung des Werkes bis hin zur heiklen Rezeption dieses „Nationalepos“ in der Moderne reicht.

Im Hörbuch erzählt der Sprecher Peter Wapnewski die Sage auf eine ganz besondere Art: Zum einen gibt es gleich zu Beginn viel Information zur Geschichte dieses Heldenepos, zum anderen werden für das bessere Verständnis die einzelnen Passagen zusätzlich erklärt. Nur einige wenige Strophen werden wohl kommentiert, aber nicht gelesen. Man spürt deutlich sein Verständnis und seine Kompetenz auf diesem Gebiet. Der etwas verstaubt scheinende Stoff wird fesselnd, authentisch, vergnüglich und vor allem deutlich gelesen, auch wenn die alte Sprache anfangs etwas gewöhnungsbedürftig scheint – zum Start unserer Serie daher ein eher anspruchsvolleres Hörtraining.

Ich selbst habe dieses Werk, das vor langer Zeit zu meinem Schulpflichtprogramm zählte, aufs Neue sehr genossen, es zeigt die Geschichten, wie sie früher erzählt wurden und die bis heute nichts an Brisanz verloren haben. So kann ich dieses Hörbuch, eine Mischung aus Lesung, Deutung und Hintergrundinformation zum geschichtlichen Umfeld, jedem weiterempfehlen, der Interesse am (Wieder-) Entdecken dieses bedeutenden Werkes hat.

So bleibt mir am Ende nur noch Ihnen viel Vergnügen zu wünschen beim näher Kennenlernen der wohl allseits bekannten Protagonisten Hagen von Tronje und Siegfried von Xanten, zwei echte und fast unverwundbare Helden, der Königsleute Kriemhild, Gunther und Brünhild, dem Zwerg Alberich und vielen weiteren faszinierenden Figuren.

Gleich die erste Strophe des Epos bietet eine wunderbare Inhaltsangabe zum Einstieg:

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nu wunder hœren sagen.


Buch: Das Nibelungenlied, Mhd./Nhd. Hrsg.: Ursula Schulze, Übers. u. Komm.: Siegfried Grosse, Reclam-Verlag, ISBN: 978-3-15-018914-6
Hörbuch: Das Nibelungenlied, Autor und Sprecher: Peter Wapnewski, Der Hörverlag, ISBN-10: 9783899409161, ISBN-13: 978-3899409161

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