Er war Dichter und Detektiv, Erzähler und Einzelgänger, Trinker und Träumer, für den sich alles im Leben zu Zeichen verdichtete. Edgar Allan Poe komponierte seine Kurzgeschichten mit logischer Präzision und einem Schuss Übersinnlichem zu kleinen unheimlichen Meisterstücken.

Birgitt Valenta, Specialist, Marketing Project Management

Das erste Mal kam ich mit dem US-amerikanischen Schriftsteller Edgar Allan Poe in der Schulzeit in Kontakt. Bereits mit 14 Jahren präsentierte uns unsere engagierte Deutschprofessorin, der eine eindeutige Affinität zum gruseligen Genre anzumerken war, die Kurzgeschichte Die Morde in der Rue Morgue. Da entdeckte auch ich meinen Hang zum Schauerlichen und las fortan fast alle seiner Geschichten mit Hingabe.

Der 1908 in Boston geborene Edgar Allan Poe prägte die Genres Kriminal- und Horrorliteratur wie kein anderer. Er erfand mit der Figur des Auguste Dupin nicht nur den ersten Detektiv der Literaturgeschichte, er ließ die kühle Logik und Deduktionsgabe seines Helden immer auf das unterschwellig lauernde Unheimliche treffen und jagte seinen Lesern damit Schauer über den Rücken. Poe springt den Leser an und katapultiert ihn in jene Bewusstseinszonen, in denen seine Helden sich mit unbestechlicher Genauigkeit dabei beobachten, wie sie zu hysterischer Hellsichtigkeit erwachen oder in die Zerrüttungen ihrer Seele abtauchen. Die Widerstandsfähigen ringen darum, nicht den Verstand zu verlieren, und die Angegriffenen mühen sich, die neue Ordnung ihrer aus den Fugen geratenen Welt zu durchdringen. Letztlich aber schlagen sie sich alle durchs gleiche psychopathologische Unterholz.

Unwiderruflicher Untergang

So ergeht es auch den Figuren in Der Untergang des Hauses Usher. Ein junger Mann erzählt von seinem Besuch bei einem alten Freund, dem Maler Roderick Usher. Usher, eine düstere Gestalt und letzter Spross eines degenerierten Adelsgeschlechts, fühlt sich nicht gut, er leidet an Angstattacken, seine Sinne, besonders der Gehörsinn, sind überempfindlich und extrem geschärft. Zudem macht er den Anschein, an einer Geisteskrankheit zu leiden. Gerade ist dann auch noch seine geliebte Schwester gestorben und Usher bittet den Freund, ihm bei ihrer Grablegung behilflich zu sein…

Er litt viel unter einer krankhaften Verschärfung der Sinne; nur die geschmackloseste Nahrung war ihm erträglich, als Kleidung konnte er nur ganz bestimmte Stoffe tragen; jeglicher Blumenduft war ihm zuwider; selbst das schwächste Licht quälte seine Augen, und es gab nur einige besondere Tonklänge – und diese nur von Saiteninstrumenten –, die ihn nicht mit Entsetzen erfüllten.

Poe bringt in der Geschichte einige seiner Lieblingsmotive ein: Geisteskrankheit, Opiumrausch, die Liebe unter nahen Verwandten, das Lebendig begraben sein, die Wiederauferstehung von Totgeglaubten oder das Sterben einer schönen jungen Frau. Dass er diese Motive nicht nur zum Zweck der Effektsteigerung arrangiert, sondern sie zum Teil aus seiner eigenen Lebensgeschichte heraus abarbeitet, macht eine Geschichte wie die vom Untergang des Hauses Usher auch biografisch interessant.

Edgar Allan Poe, der unglückliche Romantiker

Poe hatte in seiner Jugend einige Jahre in Schottland und England verbracht und war dort zur Schule gegangen. Die hier noch existierende Welt des Adels mit seiner weit zurückreichenden Geschichte hat auf den jungen amerikanischen Schriftsteller und Dichter, der sich im Vergleich dazu fast geschichtslos fühlte, tiefen Eindruck gemacht.

Später, zurückgekehrt in die Heimat, begann er an der Universität zu trinken und zu spielen, machte hohe Schulden und lebte wohl deshalb unter mehreren Pseudonymen. Er ging zum Militär und veröffentlichte erste Gedichtbände. Als seine geliebte Frau Virginia früh an Tuberkulose verstarb, begann er, ihren Tod in zahlreichen Werken zu verarbeiten. Seine Alkoholsucht wurde durch den Konsum von Opium ergänzt, die Umstände seines Todes blieben bis heute im Dunkeln. Er starb im Alter von nur 40 Jahren in Baltimore.

Charles Baudelaire schrieb über Poe: „All die Dokumente, die ich gelesen habe, haben in mir die Überzeugung gefestigt, dass die Vereinigten Staaten für Poe nichts als ein großes Gefängnis waren, das er mit der fieberhaften Erregtheit eines Menschen durchstreifte, das für eine schönere Welt geschaffen ist und dass das Geistesleben des Dichters und sogar Trunkenbolds eine einzige ununterbrochene Anstrengung war, sich dem Einfluss dieser widerwärtigen Atmosphäre zu entziehen.“

Bis heute fesselt Edgar Allan Poe, der Urvater der Kriminal- und phantastischen Literatur, mit seinen Schauergeschichten Menschen jeden Alters und ich persönlich freue mich sehr, dass sie nach wie vor im schulischen Lehrplan fest verankert sind. So empfehle ich nicht nur die Geschichte des Untergangs des Hauses Usher, die ich für Gehört.Gelesen vor allem wegen der außergewöhnlichen Sinnesempfindungen des Roderick Usher gewählt habe, sondern auch all die anderen makabren und unheimlichen Erzählungen, wie Lebendig begraben, Die Maske des roten Todes, Grube und Pendel, Das verräterische Herz, Die schwarze Katze und viele mehr.

Hingehört

Das ungekürzte Hörbuch des Argon-Verlags ist aufgrund der hervorragenden Stimme von Thomas Vogt aus meiner Sicht besonders zu empfehlen. Der bekannte Synchronsprecher ist ausgesprochen gut zu verstehen und kann die steigende Spannung dieser Geschichte gut aufbauen. Für das gleichzeitige Mitlesen als Teil des Hörtrainings kann ich entweder den guten alten Reclam-Text empfehlen, wer Interesse an weiteren Werken hat, dem lege ich die günstige Taschenbuchversion des Anaconda-Verlags ans Herz.


Bücher: Gesammelte Werke, Edgar Allan Poe, Anaconda Verlag, ISBN 978-3-86647-756-8

Erzählungen, Reclam Verlag, ISBN 978-3-15-008619-3

Hörbuch: Der Untergang des Hauses Usher, Edgar Allan Poe, Argon Hörbuchverlag, Sprecher Thomas Vogt, Spieldauer 54 Minuten

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