Denkt man an französische Parabeln, fällt unweigerlich der Name Antoine de Saint-Exupéry. Frankreichs vielleicht erfolgreichste Gegenwartsautor, Eric-Emmanuel Schmitt, tritt nicht nur in die Fußstapfen Saint-Exupérys, sondern entwickelt dessen Erzählform mit plastischen Wortmalereien, philosophischem und psychologischem Tiefgang und phantastischen Wendungen zu ungeahnten Weiten.

Ing. Eva Kohl, Clinical Engineer, MED-EL Wien

Asien, speziell Japan, ist bei den Jugendlichen en vogue. Mangas, japanische Comics, sind beliebt. Die bewegte Version, das Anime, flimmert nicht erst seit Pokémon über europäische Bildschirme – auch Wickie, Biene Maja und Heidi, sowie zahlreiche weitere Zeichentrickfilme stammen aus japanischer Feder.

„Können wir nicht von ‚was anderem reden?“

Der Autor Eric Emmanuel Schmitt beschäftigt sich mit einer älteren Tradition Japans – mit dem Sumo-Ringen. Der gebürtige Franzose erzählt in Der Sumo, der nicht dick werden konnte von dem schlagfertigen Teenager Jun. Wenn es um Juns Vergangenheit geht, jammert der immer: „Können wir nicht von ‚was anderem reden?“ In seiner „Parabel einer Wandlung“, wie eine Kritikerin die Erzählung beschreibt, legt der Philosoph Schmitt dar, was Psychologen und Therapeuten wohl bestätigen würden: „Was man verdrängt, wiegt schwerer, als wenn man es erforscht.“ Trotz des jungen Protagonisten richtet sich die Erzählung damit auch an Erwachsene.

Eric Emmanuel Schmitt wurde 1960 in Sainte-Foy-lès-Lyons in Frankreich geboren. Er studierte Klavier in Lyon und Philosophie an der Elitehochschule École Normale Supérieure in Paris. Doktor und Lehrbeauftragter für Philosophie, begann er Anfang der 90er-Jahre als Autor für Theater, Film und Fernsehen zu arbeiten. Schmitt lebt in Brüssel, arbeitet als Autor und leitet seit 2012 gemeinsam mit Bruno Metzger das Théâtre Rive Gauche in Paris.

Zyklus spiritueller Parabeln

Schmitt verfasste im Laufe der Jahre zahlreiche Romane, Novellen und Essays, Biographien und Theaterstücke. Zuletzt erschienen auf Deutsch die Romane Die Liebenden vom Place d’Arezzo und Die Frau im Spiegel.

Im deutschen Sprachraum bekannt wurde der Autor mit kleinen Erzählungen über die großen Religionen der Welt: 2004 erschien Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran. Es beinhaltet neben der Geschichte eines Pariser Teenagers eine Darlegung der islamischen Philosophie, wie der Autor sie sieht. Zuvor hatte Schmitt bereits Milarepa veröffentlicht, es folgten Oskar und die Dame in Rosa, Das Kind von Noah, Vom Sumo, der nicht dick werden konnte und Die zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte – insgesamt sechs Erzählungen über Kindheit und Spiritualität, die zusammen den Zyklus des Unsichtbaren bilden. Stets frei nach dem Credo eines Hans Küng: „Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen“, wie man beim Landestheater Thüringen anlässlich einer Ringlesung formulierte.

Universelle Allergie

„Ich habe eine Allergie, eine universelle Allergie. Ich kann gar nicht sagen, wann es bei mir angefangen hat – ich weiß nur, dass ich davor ein anderer war“, erklärt der 15-jährige Jun im fünften Band des Zyklus: Der Sumo, der nicht dick werden konnte. „Nichts konnte mich locken, alles war mir zuwider…“

„Weil ich mich hasste, ertrug ich nur, was ich monströs an mir fand“, ist Jun in einer „umgekehrten Koketterie“ stolz auf seinen „Hühnerlook: zu breite Knie, rachitische Brust, vorspringenden Adamsapfel und X-Beine.“ Die Unsicherheit Pubertierender beobachtet er bei sich selbst: „Es passiert mir oft, dass ich glaube, die Leute würden mich mit Worten, Grimassen oder Gesten beleidigen, bis ich dann oft meinen Irrtum bemerke.“

Fudschijama des Horrors

Der 15-jährigen Teenager, der sein Leben als obdachloser Straßenverkäufer in Tokio fristet, und der Sumomeister Shomitso haben auf den ersten Blick kaum Gemeinsames. Im alten Shomitso sieht Jun eine „Schildkröte“ mit „winzigen Äuglein über dem knochenharten Panzer des makellosen, frisch gestärkten Anzug.“ Unempfänglich für die frechen, provokanten und aufsässigen Antworten Juns vermittelt Shomitsu dem Teenager, dass er mit unerschütterlichem Glauben ungeahntes Potential in ihm vermute: „Ich sehe schon, wie groß und stark du ‚mal wirst!“

Eines Tages lässt sich Jun von Shomitsu auf ein Sumo-Turnier einladen. Dort, am „Gipfel der Geschmacksverwirrung“, am „ Fudschijama des Horrors“ wo „zweihundert Kilo schwere Speckberge mit Dutt, fast nackt, mit einem Seidenstring im Arsch, sich in einem Kreis herumschubsen“, beginnt seine Verwandlung, die Jun gleichzeitig in die Vergangenheit führt und den Weg in die Zukunft öffnet.

Die Prosa einer Analphabetin

Schmitt beschreibt den Protagonisten in seiner Gedankenwelt als „Papagei, der im Käfig seiner Vorurteile gefangen ist“, der im Lauf seiner Wandlung erkennt: „Ich lief über einen Friedhof toter Ideen zwischen den Gräbern meiner alten Glaubensvorstellungen“. Er lässt Jun über dessen Mutter philosophieren, sie schreibe in der „Prosa einer Analphabetin“ oder: „Auch wenn ich aus ihrem Bauch herausgekommen war, in ihrem Kopf steckte ich noch immer.“ Diese Wortmalereien machen die sonst einfache Sprache abwechslungsreich und plastisch.

Der Sumo, der nicht dick werden konnte ist bisher der einzige Band des Erzählzyklus, der in ungekürzter Version als Audiobuch erhältlich ist. Matthias Ponnier spricht das Hörbuch klar und gut verständlich – somit geeignet auch für noch weniger geübte Implantat-Nutzer.


Buch: Vom Sumo der nicht dick werden konnte, Eric-Emmanuel Schmitt (Le sumo qui ne pouvait pas grossir) 2009, übersetzt von Klaus Laabs, ISBN 978-3-596-19291-5, Fischer-Verlag 2014; ISBN 978-3-250-60137-1, Amman-Verlag 2010

E-Book: ISBN 978-3-10-401369-5, Fischer-Verlag 2013

Hörbuch: ISBN 978-3-89813-945-8, Deutscher Audio-Verlag DAV 2010

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