Die Werke des 19. Jahrhunderts werden heute vielfach als Jugendliteratur gehandelt und waren zum Teil auch schon bei ihrer Schaffung als solche gedacht. Als Vorlage für zahlreiche Verfilmungen haben sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch den Eintritt ins Fernsehzeitalter und manches Werk – zumindest in Auszügen – sogar ins Internet geschafft.

Eva Kohl, Clinical Engineer, MED-EL Wien

„Eltern verzeihen ihren Kindern die Fehler am schwersten, die sie ihnen selbst anerzogen haben“, welcher Pupertierende würde diesen Ausspruch Marie von Ebner-Eschenbachs nicht gerne mit süfisantem Lächeln zitieren, wenn er einen Konflikt mit den Eltern hat? Für die Jugend ist das Sammeln von Sprüchen wie diesem wohl in jeder Generation besonders reizvoll. Hatten Teenager früher lehrreiche oder weise Aphorismen gesammelt, um sich anschließend damit in den Poesiealben der FreundInnen zu verewigen, so verschickt die heutige Jugend diverse witzige Sprüche mit teilweise durchaus kritischen Inhalten via E-Mail, WhatsApp und Co. Heute wie früher zieren die eindrucksvollsten unter ihnen die beschmierten Heft- und Buchumschläge der Gymnasiasten.

Vielleicht ist es ja auch wenig überraschend, dass gerade eine unkonventionelle Frau wie Ebner-Eschenbach neben anderer literarischer Werke eine schier unzählbare Vielfalt an Aphorismen und Sprüchen hinterlassen hat. Was man heute in rauen Zahlen in diversen Sprüchesammlungen im Internet findet, hatte sie selbst in Sammlungen wie Aphorismen oder als Anhang beispielsweise in Aus meinen Schriften – ein Buch für die Jugend zusammengestellt und publiziert. Gängige erzieherische Ratschläge werden damit „Der Gescheitere gibt nach! Ein unsterbliches Wort. Es begründet die Weltherrschaft der Dummheit“ widerlegt, mit „Nenne dich nicht arm, wenn deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind; wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat“ vermittelt sie tröstliche Gedanken, um sogleich dringende Grenzen einzufordern: „Der abscheulichste Einbruch ist der in die heiligen Gefühle eines Menschen.“

Marie von Ebner-Eschenbach wurde 1830 als Freiherrin Dubský auf Schloss Zdislawitz in Mähren (heutiges Tschechien) geboren und wuchs dort und in Wien auf. Obwohl Alt-Österreicherin, war ihre Muttersprache Französisch, doch durch ihre mehrsprachige Erziehung beherrschte sie ebenso Deutsch und Tschechisch. Im Alter von 18 Jahren heiratete sie ihren Cousin Moritz von Ebner-Eschenbach, mit dem sie 1856 gänzlich nach Wien übersiedelte, wo sie bis zu ihrem Tod 1916 lebte.

Als außergewöhnliche Frau ihrer Zeit absolvierte die adelige Ebner-Eschenbach offenbar aus reinem Interesse und um ihre umfangreiche Uhrensammlung selbst warten zu können, eine Uhrmacherausbildung. Das ist um so bemerkenswerter, als damals selbst die weiblichen Bürgerschaft darauf limitiert war, entweder als Ehefrau und Mutter zu leben, oder als Telefonistin oder Kindermädchen ein Auskommen zu finden – ein Handwerk war für eine Adelige eigentlich undenkbar. Ebner-Eschenbach entwickelte aber eine wahre Leidenschaft für Uhren – so handelte auch ihr erster erfolgreicher Roman Lotti, die Uhrmacherin von einer Uhrmachermeisterin.

Die Schriftstellerin war nicht genötigt, durch ihr Schreiben das Familieneinkommen aufzubessern, sondern versuchte vielmehr damit, die Gedanken ihrer Zeit zu verändern, sowie Sittlichkeit und Humanismus zu vermitteln. Das versuchte sie aber stehts auf kurzweilige, unterhaltsame Art und wandte sich mit diesen ihren Werken ganz bewusst an die Jugend.

Eignen sich Sprüche und Weisheiten wenig als Vorlage für ein Hörbuch, so sind gerade für Teenager die Erzählungen und Tiergeschichten durchaus lesenswert, wenngleich oftmals etwas traurig. Eines der bekanntesten Beispiele dürfte wohl die Tiergeschichte Krambambuli sein, deren Kern auf eine wahre Begebenheit beruht. Es geht um einen Hund, dessen vortrefflichste Eigenschaft seine Treue ist, selbst dann, als sein Herr ihm gegenüber keine Treue und kein Mitgefühl zeigt. War Krambambuli ursprünglich der Begleiter eines Landstreichers, so machte ein angesehener Jäger ihn mit viel Mühe und Liebe zu seinem Jagdhund. Doch als es zu einer tödlichen Konfrontation zwischen früherem und jetztigem Herrn kommt, bringt die den treuen Vierbeiner in schier unlösbare Gewissensnot. „Die Treue ist etwas so Heiliges, dass sie sogar einem unrechtmäßigen Verhältnisse Weihe verleiht“, fasste Marie von Ebner-Eschenbach selbst zusammen. Der Kern der Erzählung kann zwar auch auf Liebe und Treue unter Menschen übertragen werden, doch in Form dieser Fabel ist das Thema selbst für noch jüngere Kindern fassbar und kann zum altersgemäßen Nachdenken anregen.

Die Erzählung Krambambuli, die auch mehrfach verfilmt wurde, ist Teil der 1883 erschienen Dorf- und Schloßgeschichten. Der Sammelband Krambambuli und andere Tiergeschichten ist zwar mit gleichem Inhalt als Druckwerk und Hörbuch zu beziehen, die Tonaufnahme ist jedoch gekürzt und daher zum Hörtraining nur bedingt verwendbar. Die Krambambuli-Tonaufnahme von Simon Pichler klingt zwar sehr deutlich, aber etwas spitz und kalt in Relation zu dem sehr bewegenden Inhalt der Geschichte, doch der Wiener Hörbuchverlag Audio-Media-Digital bietet auch eine zweite Aufnahme mit Bettina Reifschneider als Sprecherin an und es stehen auch in anderen Verlagen viele weitere Druck- und Hörbuchausgaben zur Verfügung. So kann bei www.vorleser.net Krambambuli als pdf-Datei und von Brigitte Trübenbach gelesen als mp3-File im Download bezogen werden – der vielleicht simpelste, jedenfalls preisgünstigste Weg zum Hör- und Lesevergnügen. Andererseits bietet der Sinus-Verlag unter dem Titel Erzählungen, Märchen und Parabeln fast eine Luxus-Ausgabe mit gedrucktem Textbuch inklusive Kommentaren zum Werk, sowie drei Audio-CDs. In der Sammlung enthalten sind neben Krambambuli auch Ebner-Eschenbachs zweite Hundegeschichte Die Spitzin, sowie fünf weitere Werke. Umfang und Qualität der Aufnahmen rechtfertigen die knapp 35,- Euro Kaufpreis durchaus.


Buch: Krambambuli und andere Tiergeschichten: Die Spitzin, Der Fink. Hamburger Lesehefte Heft 71, ISBN 978-3-87291-070-7.

Krambambuli und andere Erzählungen, Reclam, ISBN: 978-3-15-007887-7 Krambambuli, Bibliothek der Provinz, ISBN 978-3-85252-097-5

Audio-CD und Druckausgabe: Erzählungen, Märchen und Parabeln, Sinus Verlag, ISBN-13: 978-3-905721-92-8, Otto Mellies, Birgitt Minichmayr und Dagmar von Thomas

MP3- und PDF-Download: www.vorleser.net

Audio-CD: Krambambuli & Die Totenwacht, Katharina Thalbach und Sabine Falkenberg, Argon Verlag GmbH, ISBN-13 978-3-86610-355-9

Hörbuch-Download: Audio-Media-Digital, Krambambuli, Simon Pichler Bäng Management & Verlag, Krambambuli, Jürgen Fritsche Audio-Media-Digital, Krambambuli, Bettina Reifschneider

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