Wie Gott auf die Erde kam, um einen alten Schuster zu besuchen, erzählt eine der Volkserzählungen des russischen Adeligen Lew Nikolajewitsch Tolstoi.

Ing. Eva Kohl, Clinical Engineer, MED-EL Wien

Eine dunkle Werkstatt im Souterrain. Durch das hoch gelegene Fenster sieht man die Stiefel vorbeigehen, die zuvor oft schon mehr als einmal in der Werkstatt geflickt worden waren. Schuster Martin Awdjeitsch ist fromm und rechtschaffen, doch an seinem harten Schicksal verbittert. „Kannst Du lesen?“, fragt eines Tages ein vorbeikommender Pilger. „Dann kauf dir ein Evangelium und lies darin!“ Martin folgt dem Rat und schläft über dem Lukas-Evangelium ein. Im Traum kündigt sich ihm ein Besucher an, von dem wir erahnen, dass es Gott selbst sei. Doch bei Tageslicht ist sich Martin nicht mehr sicher, auf wen er in seinem Leben noch warten soll.

‚Mal Leo, ‚mal Lew, Nikolajewitsch wird meist weggelassen, dann Tolstoi oder Tolstoy: Die Übertragung aus dem Cyrillischen variiert. Bekannt wurde der Russe bei uns durch zahlreiche Literaturverfilmungen seiner Romane Anna Karenina und Krieg und Frieden. 1828 am Gut der Familie geboren, wurde der Graf mit neun Jahren Waise. 1852 debütierte er mit dem autobiographisch geprägten Roman Kindheit und Jugend. Seine Frau gebar ihm dreizehn Kinder, von denen fünf im Kindesalter starben.

Leo Tolstoi lernte von Bauernkindern

Tolstoi zeigte weitreichendes soziales Engagement. In diesem Kontext bemühte er sich, auch der armen Landjugend den Schulbesuch zu ermöglichen. Die üblichen Lehrmethoden haben sich seither zwar verändert, der Grundsatz seiner Pädagogik klingt aber immer noch revolutionär: Lebensrealität der Kinder zur Richtschnur zu nehmen.

Seine Erfahrungen brachte der Autor auch in den literarischen Diskurs ein: Man müsse beim Erzählen von den Bauernkindern lernen. So hat er neben hochstehender Literatur auch einfache Erzählungen und sogar ein Lesebuch für Schüler verfasst. Als „Volkserzählungen“ bezeichnet man etwa zwanzig Texte, die zwischen 1885 und 1886 erschienen: Legenden, Märchen, Erzählungen und Bildergeschichten, die er zu oft philosophischen und religiösen Themen für das gemeine Volk verfasste. Sie sollten ein Gegengewicht zu billigen Heftchen minderer Qualität bilden und sind Tolstois pädagogischen Bemühungen ebenso verpflichtet wie seinem literarischen Anspruch.

Bei den Kinderbüchern Philipok, Der Schuster Martin und Die drei Fragen – letztere auch unter dem Titel Eine Weihnachtsgeschichte – handelt es sich um kindgerechte Nacherzählungen von Werken Tolstois.

Gläubiger und Kritiker zugleich

Der zunehmend gläubige Tolstoi verfasste eine eigene Übersetzung der Evangelien. Als Kernstück erkannte er die Bergpredigt, wie er in seinem Selbstbekenntnis 1982 erklärt. Doch als er sein Leben daran auszurichten versuchte, konnte ihm die Familie darin nicht restlos folgen – kurz vor seinem Tod 1910 kam es zum endgültigen Bruch.

Tolstoi kritisierte die Rolle der orthodoxen Institution Kirche offen und widersprach einigen Dogmen – was 1901 zu seiner Exkommunikation führte. Heute werden Teile von Tolstois Werk von christlichen Gläubigen ebenso zitiert, wie von esoterischen Gruppierungen vereinnahmt.

Schuster Martin und der liebe Gott

Im 17. Jahrhundert schrieb der aus Breslau stammende Arzt, Theologe und Dichter Johannes Scheffler, genannt Angelus Silesius: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“ Tolstois phasenweise moralisierende Erzählung Wo Liebe ist, da ist auch Gott könnte sich an diesen Ausspruch ebenso anlehnen wie an Bergpredigt und Seligpreisungen oder an die in der Erzählung zitierten Schriftstellen der Evangelien.

Während die Druckausgabe in unterschiedlichen Übersetzungen von mehreren Verlagen angeboten wird, wurde die Hörbuchversion zuletzt 2008 aufgelegt. Für den Esoterik-Verlag Das Wort liest Werner Meißner mit klarer Stimme doch ungewohntem Akzent. Betont beruhigend gelesen, klingen die harten Konsonanten wunderlich weich, werden fast gänzlich verschluckt – der Text gereicht trotz hochwertiger Aufnahmequalität und ohne Hintergrundmusik zur Herausforderung.

Nacherzählungen – nicht nur für Kinder

Klanglich und inhaltlich einfach verständlich ist die Nacherzählung Der Schuster Martin auf der Kinder-CD ‚ Sankt Martin – Geschichten und Lieder vom Teilen. Auf der CD geht es primär um jenen Heiligen, dessen Jahrestag am 11. November von Kindern in ganz Österreich mit Laternen-Umzügen gefeiert wird. Die Handlungsweise von Schuster Martin wird mit der Legende um den gleichnamigen Heiligen verglichen. Die Fassung von Martina Deppe-Spinelli verzichtet auf die Vorgeschichte des Schusters, der nach dem Tod seines Sohnes gram ist mit Gott. Die schwer verständlichen Namen der Protagonisten werden ebenso eingespart, wie der moralisierende Zeigefinger in Tolstois Original. Der Handlungsort Russland findet sich durch russische Musik in den Erzählpausen angedeutet. Der wortgetreue Text zum Mitlesen ist beim Bonifazius-Werk in Heftform erhältlich.

Legendär ist das Bilderbuch Ein großer Tag für Vater Martin, eine Nacherzählung von Mig Holder. Sie wurde im gleichnamigen Singspiel von Rolf Krenzer in eine aktualisierte, weihnachtliche Rahmenhandlung eingebettet und von Siegfried Fietz vertont – die Erzählung wird mit verteilten Rollen gelesen und mit Liedern abgewechselt, deren Verständnis für den Handlungsstrang nicht notwendig ist. Das Singspiel vom göttlichen Besuch beim Schuster gibt es als Tonaufnahme und als Lied- und Textheft.

Ebenfalls als CD und als Textheft ist die Musical-Bearbeitung von Gabriele Wächter erhältlich, die zwar Titel und Idee aufgreift, daraus aber eine neue Geschichte macht.


Buch: Volkserzählungen, Artemis und Winkler 2006, broschiert, gebunden oder Kindle-Edition, ISBN 978-353-806304-4

Wo die Liebe ist, da ist auch Gott – Erzählungen, Brunnen-Verlag 2016, ISBN 973-3-7655-1956-7 Volkserzählungen, Reclam 1986, ISBN 978-315-002556-7

Hörbuch: Des Teufels Knecht. Das Korn. Wo Liebe ist, da ist Gott (Schuster Martin) – Gabriele-Verlag Das Wort, Nov. 2008, ISBN 978-3892012542

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