Taub geborene Kinder werden heute oft von Beginn an beidseits Cochlea-implantiert, ertaubte Erwachsene sind nicht immer so entschlussfreudig. Doch selbst vor langen Jahren einseitig implantierte CI-Nutzer profitieren von der späteren Implantation der zweiten Seite.

Heute ist es fast selbstverständlich, dass beidseits tauben Patienten für beide Seiten ein Cochlea-Implantat angeboten wird: Bilaterale Implantation. In der Frühzeit der Cochlea-Implantation war das undenkbar. Erst nach einer Vielzahl präoperativer Tests wurde damals die Implantation einer Seite durchgeführt. Man wollte die Funktion des Hörnervs sicherzustellen, der für eine erfolgreiche Nutzung des CIs ja Voraussetzung ist, und man wollte die besser geeignete Seite herausfinden.

Bei ähnlichen Resultaten auf beiden Seiten wurde meist die Implantation der später ertaubten Seite empfohlen; oder jener Seite, auf der noch letzte Hörreste verblieben waren – eine Herausforderung für die Kandidaten, die bei den damaligen Implantat- und Operationstechniken zu Gunsten der Hörprothese auf die Hörreste verzichten mussten. Die Betroffenen berichten trotzdem einhellig, wie erlösend es für sie war, wieder ein funktionales Hörvermögen zu erlangen und am sozialen Leben in Familie und Freundeskreis teilnehmen zu können.

Pioniere unter den Nutzern

Auch der Apotheker Rolf Wickmann war mit seinem MED-EL Combi 40 Cochlea-Implantat sehr zufrieden; so zufrieden, dass er die Vorstellung entwickelte, mit einem zweiten Implantat auf der anderen Seite müsse er doch noch besser hören können. 1998 kam die Klinik seinem Wunsch nach. Noch im gleichen Jahr folgte der damals erst vierjährige Max Röder seinem Beispiel, der damit zum ersten bilateral implantierten Kind wurde. Die guten Erfolge bei erwachsenen, bilateralen CI-Nutzern ermutigten die Kliniker, auch Kindern die bilaterale Implantation anzubieten.

Seither haben viele Kliniken den neu als taub diagnostizierten Kindern die bilaterale Cochlea-Implantation angeboten: entweder in einer sogenannten simultanen Implantation, also beide Implantationen im Zuge eines einzigen Spitalsaufenthalts und einer einzigen Anästhesie, oder aber als sequentielle Implantation mit einem geringen Zeitabstand von oft nur sechs bis achtzehn Monaten.

Bilaterale Implantation ist für beidseits taube CI-Nutzer im Störlärm eindeutig vorteilhaft. ©Adobe Stock

Wochenendplanung mit CI

Freitagnachmittag kurz nach 15 Uhr. Am Telefon eine aufgelöste Mutter: „Niko hört nichts mehr – und morgen ist doch sein siebter Geburtstag, mit Kinderparty und Kasperltheater. Können wir bitte noch kommen?!“ Zur Jahrtausendwende kamen solche Anrufe immer wieder vor. CI-Nutzer waren in der Regel beidseits taub, immer aber noch die meisten nur einseitig implantiert. Manchmal war es nur ein verbogener Kontakt im Batteriefach oder ein verstellter Schalter am Prozessor – konnte der betroffene Nutzer die Korrektur nicht selbst durchführen, so wäre er ohne Wochenendeinsatz der MED-EL CI-Techniker für zwei bis drei Tage in die absolute Stille der Taubheit zurückgefallen. Speziell für Kinder eine mentale Katastrophe, kann das auch für Erwachsene mitunter eine Herausforderung sein.

Mitunter konnte so ein Hoppala auch zum Sicherheitsrisiko werden. So klagte damals eine Volksschullehrerin: „Wenn einem der gehörlosen, einseitig implantierten Kinder die Batterien ausgehen, dann rufen wir die Eltern an, weil wir Bedenken haben, wenn das Kind ohne Hörmöglichkeit allein den Heimweg antritt.“

Vom Nutzen der zweiten Seite

Rolf Wickmann hatte mit seiner Vorstellung recht, denn die zweite Seite implantieren zu lassen, bringt beiderseits tauben CI-Nutzern tatsächlich mehr als die Sicherheit eines Backups und die Gewissheit, dass sicher auch die bessere Seite implantiert worden ist: Die wesentlichen Vorteile der bilateralen Implantation liegen in der Ortung der Schallquelle und der Möglichkeit, Sprecher links und rechts des Kopfes akustisch trennen zu können.

Alle weiteren Vorteile ergeben sich aus diesen beiden Merkmalen, adäquat zu den Vorteilen des binauralen Hörens bei Menschen ohne Höreinbußen. Das beobachteten auch die Spezialisten an der Universitätsklinik Würzburg an ihren ersten bilateralen CI-Patienten. Schon 2002 veröffentlichten sie ihre Erfahrungen in einer ersten wissenschaftlichen Publikation: Das Sprachverstehen bei Hintergrundlärm verbesserte sich durch die bilaterale CI-Nutzung bei allen Studienteilnehmern signifikant. Zahlreiche weitere Studien über Sprachverstehen und Schalllokalisation folgten – die Wissenschaftler waren und sind sich einig wie sonst selten: Bilaterale Implantation ist für beidseits taube CI-Nutzer eindeutig vorteilhaft.

Die wesentlichen Vorteile der bilateralen Implantation liegen in der Ortung der Schallquelle, besonders wichtig in gefährlichen Situationen. ©Adobe Stock

So schnell wie möglich!

Prof. Dr. Joachim Müller, DI Franz Schön und Prof. DDr. Jan Helms, die Autoren der ersten Studie über bilaterale CI-Nutzung, hielten in der Zusammenfassung ihrer Ergebnisse fest, dass ein Nutzen des zweiten Implantats scheinbar unabhängig sei vom zeitlichen Unterschied zwischen den beiden Implantationen. Dem gegenüber steht das Wissen um neuronale Entwicklungsprozesse. „Unser Gehirn rechnet mit Kontaktstellen zwischen Nervenzellen, den Synapsen“, erklärte Prof. Andrej Kral, Neurowissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover, dem Magazin Schnecke im Interview. Das menschliche Gehirn und die Synapsen allgemein sind plastisch, also lernfähig. Hörverlust kann einen solchen Lernprozess und damit die Reorganisation des Gehirns auslösen. Das ermöglicht es, das verbleibende Gehör effektiver zu nutzen.

„Ganz besonders wirkt sich ein Hörverlust in der Kindheit aus, wenn das Gehirn sich noch entwickelt“, so Kral. „Die meisten Synapsen […] sind von der Hörerfahrung abhängig.“ Lernen im Erwachsenenalter sei weitaus schwieriger: „Dafür ist eine komplexe neuronale Maschinerie, ein komplexer Rechner im Gehirn, notwendig. Dieser kann sich nur ausbilden, wenn im frühen Lebensalter das Hören trainiert werden kann. Frühes Hören kann man später nicht ersetzen, da eine kritische Phase in der Entwicklung verpasst wird. Deswegen sollte man Hörstörungen im Kindesalter so schnell wie möglich beheben.“

Kral verweist auf Ergebnisse von Dr. Angelika Illg: Mit ihrem Team am Deutschen HörZentrum Hannover habe sie festgestellt, dass beidseitig taub geborene Kinder, die mit längerem zeitlichem Abstand beidseitig implantiert wurden, am zweitimplantierten Ohr langsamer lernen.

Verzögerter Start – trotzdem Erfolge!

Mit Berufung auf diese und ähnliche Publikationen wurden lange Zeit Kinder, die schon einige Jahre einseitig implantiert waren, kaum zur Implantation der zweiten Seite vorgeschlagen. Das, obwohl man schon von den Erfahrungen aus Würzburg wusste, dass auch diese Patienten letztlich von den Vorteilen profitieren konnten. Auch Andrej Kral, der einen Lehrstuhl für audiologische Neurowissenschaften in Hannover inne hat, verwies schon 2013 im Interview auf die Möglichkeit, dass die binauralen Fähigkeiten nach einer späten Implantation der zweiten Seite im Rahmen der logopädischen Therapie gezielt habilitierbar sein könnten.

Besonders die Schalllokalisation hielt man lange für eine binaurale Fähigkeit, die nur in den ersten Lebensjahren erlernbar sei. Gerade über diese Fähigkeit bei bilateral implantierten CI-Kindern publizierte die britische Wissenschaftlerin Catherine Killian 2018 eine Studie. Killian und ihre Kollegen hatten für die Studie über 100 bilateral implantierte Kinder mit bis zu zwölf Jahren Abstand zwischen erster und zweiter Implantation getestet.

„Der Zeitunterschied zwischen den beiden Implantationen sollte bei hochgradig schwerhörigen Kindern minimiert werden“, fasst Killian ihre Ergebnisse zusammen, denn: „Ein längeres Zeitintervall zwischen den beiden Implantationen […] führt zu einer schlechteren Lokalisation bei bilateralen CI-Nutzern.“ Gemäß ihren Ergebnissen profitieren aber auch Kinder vom zweiten CI, bei denen die zweite Implantation zehn Jahre und mehr nach der ersten Seite erfolgte.


WISSENSWERT

Die Technik macht den Unterschied!

In der Zusammenfassung ihrer Studie betonen die Wissenschaftler aus Bradford und Leeds auch, dass die Erfolge der Kinder bei der Schalllokalisation auch signifikant abhängig vom jeweils verwendeten Implantat-Typ sind. Eindeutig am besten schnitten Nutzer von MED-EL Cochlea-Implantaten ab – mit MED-EL können die Kinder bis zu fünf Jahren Zeitunterschied zwischen erster und zweiter Implantation wieder aufholen!

Herausforderungen und Hilfen

Bei zeitnaher oder zeitgleicher Cochlea-Implantation der zweiten Seite kann Hören und Sprachverstehen auf beiden Seiten miteinander geübt und entwickelt werden. Erfolgt die zweite Implantation nach Erreichen des Sprachverstehens mit dem ersten CI, so ist für beide Seiten deutlich unterschiedliche Hörentwicklung zu erwarten: Beim ersten Implantat ist auch im Alltag außerhalb des Hörtrainings die zentrale Hörverarbeitung gefordert, während sie bei einer späteren Implantation der zweiten Seite meist die Information von der erstimplantierten Seite verwertet. Deswegen ist bei der zweiten Seite mehr Geduld gefordert, meist bleibt die erstimplantierte Seite das „führende“ Ohr. Erfahrene Logopäden raten, das Sprachverstehen mit der zweitimplantierten Seite noch bewusster zu üben. Bei Kindern im Trotzalter oder in der Pubertät kann das zwar pädagogisch fordernd sein, die Logopäden können aber mit Tipps und Tricks unterstützen.

So wie bei Menschen eine Hand geschickter ist als die andere, so ist auch oft bei gleichem Hörvermögen das Sprachverstehen auf einer Seite besser als auf der anderen. Da bei beidseits tauben CI-Kandidaten nicht vorhersehbar ist, welche Seite in dieser Weise dominant sein könnte, ist nur bei bilateraler Implantation auch die Nutzung der dominanten Seite sichergestellt. Davon abgesehen hat das zweite Implantat auf Sprachverstehen und Kommunikationsfähigkeit in ruhiger Umgebung aber kaum Einfluss. Es ist jedoch Voraussetzung für die binauralen Hörfähigkeiten, allen voran Sprachverstehen in lauter Umgebung und Lokalisation von Schallquellen. Um diese Fähigkeiten optimal nutzen zu können, sollten sie beim Hörtraining besonders geübt werden – ganz besonders, wenn die beiden Seiten mit größerem Zeitunterschied implantiert werden.

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