Die Vorteile bimodalen Hörens sind am besten zu nützen, wenn der Höreindruck auf beiden Seiten möglichst ausgeglichen ist. Auf diesem Hintergrund fragen sich manche CI-Kandidaten vor einer bilateralen Implantation, ob sie auch auf beiden Seiten das gleiche Cochlea-Implantat wählen müssen.

Gleicher Höreindruck von beiden Seiten erleichtert es den Betroffenen, diese Eindrücke zu einer gemeinsamen Hörempfindung zu integrieren. Das gilt für bimodale Versorgung, mit konventionellem Hörgerät und Hörimplantat auf der anderen Seite, aber wie weit gilt das auch für bilaterale Nutzung von Cochlea-Implantaten?

„Auch Menschen ohne Hörimplantat haben in der Regel ein asymmetrisches Hörorgan“, relativiert Prof. Dr. Wolf-Dieter Baumgartner, CIA-Präsident und CI-Chirurg am AKH Wien die Forderung nach symmetrischen Höreindrücken. „Dem Hirn ist das egal, das gleicht solche Asymmetrien zur Gänze aus.“

Gleichschalten oder optimieren?

Die Einführung eines neuen Implantats, die das Auflassen des Vorgängermodells mit sich brachte, hat bei vielen bilateralen CI-Nutzern zu unterschiedlichen Implantaten auf beiden Seiten geführt; unterschiedliche anatomische Strukturen führen mitunter zur Nutzung unterschiedlicher Elektrodenlängen. Der Vergleich von technischen Daten und lokal angebotenem Service, gepaart mit den Erfahrungen mit der erstimplantierten Seite, führt mitunter sogar dazu, dass manche CI-Nutzer beim zweiten Implantat bewusst von einem anderen System auf ein Implantat des österreichischen Herstellers MED-EL wechseln.

„Wir können für unsere Implantate verschieden lange Elektroden anbieten, auch so kurze, wie sie bei anderen Herstellern Standard sind. Und wir können die bei uns einzigartige Feinstruktur-Kodierung natürlich auch deaktivieren“, erklärt Ewald Thurner, Area Manager bei MED-EL, wie Cochlea-Implantate unterschiedlicher Hersteller aneinander angeglichen werden können. „In der Praxis zeigt sich aber, dass die Nutzer besser profitieren, wenn beim zweiten CI wieder optimale Elektrode und Kodierung für das betroffene Ohr Entscheidungsgrundlage sind.“

Erfolgreich Neuland betreten

In Folge von Usher-Syndrom war die Australierin Grace Dimer* beidseits funktional ertaubt und ihr Sehvermögen war stark eingeschränkt. Als sie im November 2004 ihr erstes Cochlea-Implantat bekam, war Sie schon 63 Jahr alt: Ein modernes Cochlea-Implantat des australischen CI-Herstellers Cochlear. Knapp vier Jahre später schlugen ihr die Kliniker das Royal Prince Alfred Hospital in Camperdown auch für die zweite Seite ein CI vor. „Seit 2008 verwendete unsere Abteilung Implantate der beiden Hersteller MED-EL und Cochlear Corporation”, erklären die Kliniker. Nach einem genauen Vergleich der beiden Implantate und nach reiflicher Überlegung entschied sich Dimer für das MED-EL Implantat. Für die betreuenden Ärzte medizinisches Neuland: „Sie ist damit die erste belegte Patientin, die mit Cochlea-Implantaten von zwei unterschiedlichen Herstellern bilateral versorgt wurde.“

Nach nur drei Monaten konnte die Seniorin mit dem MED-EL CI Sätze schon ähnlich gut verstehen wie mit dem altgewohnten Implantat auf der anderen Seite. Nach einem Jahr bilateraler Hörerfahrung war das Verstehen im Störschall mit beiden Implantaten messbar besser.

Österreichische Technologie – hörbar anders

„Da Hören eine subjektive Erfahrung ist, ist es von unschätzbarem Wert, eine Patientin zu haben, die die Unterschiede zwischen den Implantaten direkt beschreiben kann“, waren sich die Kliniker bewusst. Sie beschrieb den Klang des MED-EL Implantats schon sechs Wochen nach der Aktivierung als deutlich natürlicher, Freunde hätten ihr sogar schon gesagt, dass sie mit dem neuen Implantat auch natürlicher spreche. „Wie der Unterschied zwischen dem Stimmen eines Klaviers im Gegensatz zum Spiel auf einem klassischen Klavier“, beschreibt sie den Klang des alten australischen CIs im Vergleich zum natürlichen Klang des österreichischen MED-EL CIs.

Voller und klarer mit dem zweiten CI

Auch an den Kliniken im australischen Sydney und in London/Großbritannien wählten Nutzer eines australischen Implantats für die Implantation der zweiten Seite ein MED-EL CI. Die Rückmeldungen der Nutzer sind konform: Sie beschreiben den Klang des bisherigen Implantats australischer Herkunft als blechern, widerhallend, mechanisch und metallisch, „mehr wie ein Roboter“, sodass „ich individuelle Stimmen nicht gut unterscheiden kann.“ Das jeweils zweitimplantierte MED-EL CI klinge im Vergleich natürlicher, tiefer und klarer, melodischer und klangvoller.

„Sofort nach der Aktivierung hatte die Musik mehr Tiefe”, beschreibt ein Nutzer und ein anderer: „Die Vokale klingen klarer und voller.“ Besonders überraschend ist das, weil bei bilateraler Implantation mit Produkten desselben Herstellers in der Regel das erstimplantierte Ohr führend bleibt. Doch vier von fünf Nutzer der Studie empfanden das MED-EL CI als natürlicher und deutlicher.

„Ich weinte Freudentränen!“

2011 bekam Enid Chapman ihr zweites Cochlea-Implantat. Hochgradig schwerhörig geboren, hat sie erst 2000 im Alter von 41 Jahren in Australien ein CI bekommen – mit bescheidenen Erfolgen: „Ich konnte nur Umgebungsgeräusche hören. Ich musste immer noch Lippenlesen.“ Deswegen fiel ihre Wahl für das zweite CI auf MED-EL: „Es klingt so viel besser.“

Mittlerweile über 60 Jahre alt, kann die sozial engagierte Frau mit der zweitimplantierten Seite nicht nur Sprache verstehen und erfolgreich kommunizieren: sie kann sogar sprachliche Akzente wahrnehmen. Das hat Enid Chapman zu der Entscheidung gebracht, auch auf der erstimplantierten Seite auf ein MED-EL CI zu wechseln. Noch hört sie auf dieser Seite nicht ganz so gut, aber der Unterschied zum vorhergehenden Implantat war schon nach der ersten Aktivierung eindeutig: „Auf der Zugfahrt heim weinte ich vor Freude und Dankbarkeit, dass ich zum ersten Mal seit 60 Jahren auch auf dieser Seite Sprache hören konnte.“


*Name von der Redaktion geändert

Wahlfreiheit

Ist die Entscheidung zur Implantation prinzipiell gefallen, bleibt den Betroffenen noch die Wahl eines bestimmten Produkts. Schön, wenn sie danach wie Colleen Kehoe Powell sagen können: „Wir hätten keine bessere Wahl treffen können.“ Die US-Amerikanerin Powell, Mutter eines CI-Kinds, rät rückblickend: „Meine ersten Fragen hätten sich auf das Gerät bezogen, das in den Kopf meines Sohnes implantiert werden sollte. Schließlich ist das jener Teil, den er den Rest seines Lebens in sich tragen wird!“

„Letztlich betrachte ich die implantierten Teile des Systems als wichtiger, weil die dauerhaft im Körper verbleiben und daher genug Kapazitäten für zukünftige Entwicklungen bieten sollten“, pflichtet ihr Vít Matějovský bei. Der tschechische CI-Nutzer ist Absolvent der Technischen Universität. Er ergänzt, welche drei technischen Parameter er als besonders wichtig erachtet: „Ob die Elektrode die Cochlea abgedeckt, welche Signalkodierung angeboten wird und ob das Implantat im Fall des Falles mit MR-Untersuchungen kompatibel ist.“

Powell ergänzt mit Fragen zum Hersteller: „Ich würde nach der Philosophie und vielleicht sogar nach der Geschichte des Unternehmens fragen. Wo ist der Firmensitz? Was wissen Sie über die Zuverlässigkeit des Unternehmens und seiner Produkte? Hat es schon Rückrufe gegeben?“ Und praktische Fragen: „Wie sieht der Kundendienst aus? Wie lange dauern Reparaturen oder der Ersatzteilversand? Wird darauf geachtet, dass künftige externe Prozessoren mit den aktuellen oder älteren Versionen von internen Implantaten kompatibel sind, damit Ihr Kind auch von künftigen Technologien profitieren wird? Wo und in welchem Land wird das Implantat hergestellt? Werden einzelne Teile von anderswo geliefert?“

„Ich selbst habe mich schon öfter gefragt, ob ich heute dasselbe CI gewählt hätte wie damals, als ich mich für die Implantation entschied“, resümiert Vít Matějovský, Nutzer eines MED-EL CIs. „Und ja, ich würde mich mit Gewissheit für dasselbe entscheiden.“

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