Mehr als eine bloße Reserve ist unser zweites Ohr für Hörfunktionen notwendig, die uns den Alltag deutlich erleichtern. Deswegen fordern Fachleute, möglichst die Hörfähigkeit auf beiden Seiten sicherzustellen.

Schon 1984 veröffentlichten die amerikanischen Wissenschaftler Fred H. Bess und Anne Marie Tharpe Daten über die Auswirkung von einseitigem Hörverlust bei Kindern, die in den folgenden Jahren von vielen weiteren Studienergebnissen bestätigt wurden: Einseitig hörbeeinträchtigte Kinder sind öfters von Problemen in der Sprachentwicklung, in der Bildung und in der sozial-emotionalen Entwicklung betroffen, als das bei beidseits normalhörenden Kindern der Fall ist. Außerdem leiden sie unter signifikant schlechterem Sprachverstehen und die Schalllokalisation ist deutlich beeinträchtigt.

Das hat auch bei den schulischen Leistungen Folgen: Überdurchschnittlich viele der betroffenen Kinder müssen zumindest ein Schuljahr wiederholen und bis zu 60 Prozent benötigen oft über mehrere Jahre hindurch Nachhilfe. Die Schulprobleme einseitig schwerhöriger Kinder sind ohne adäquate Unterstützung sogar schwerwiegender als die Herausforderungen beidseits hochgradig hörbeeinträchtigter Schüler.

Bei Erwachsenen wirken sich diese Beeinträchtigungen durch nur einseitiges Hörvermögen zwar nicht rückwirkend auf Sprachentwicklung oder Schulerfolge aus, aber die Beeinträchtigung verursacht vermehrt Probleme im familiären Umfeld und im Beruf. Insgesamt muss man erkennen, dass sowohl Erwachsene als auch Kinder mit einseitigen Hörproblemen über verringerte Lebensqualität klagen.

Probe auf´s Exempel

„Ich war immer schon ein Musikfan“, gesteht DI Ewald Thurner, Area-Manager bei MED-EL Wien, und erinnert sich an seine frühe Jugend: „Mein Vater hatte ein altes, riesengroßes Tonbandgerät. Mit zwei Mikrofonen konnte man damit Stereoaufnahmen machen.“ Ein technischer Effekt beeindruckte ihn damals besonders: „Das Gerätes hatte so eine ‚Mono‘-Taste: In der Stereoeinstellung konnte ich die Augen schließen und das Orchester quasi vor mir sehen. Drückte ich dann die ‚Mono‘-Taste, war plötzlich die Welt um mich reduziert auf eine schmale Linie mitten durch meinen Kopf.“ Er schüttelt den Kopf, als wollte er die Erinnerung abschütteln. „Dieser Eindruck war für mich so unglaublich, ich habe das immer wieder ausprobiert.“

„Würde es beim Tonbandgerät eine ‚Einseitig‘-Taste geben, dann würde noch viel mehr fehlen als bei Mono“, ist Thurner überzeugt. Um einseitiges Hören nachzuempfinden, könnte man beispielsweise bei einer Stereoanlage einen der beiden Lautsprecher abziehen und den so frei werdenden Ausgang ungenützt lassen.

Leichtigkeit beim binauralen Hören

„Die Kombination der binauralen Summation, der binauralen Maskierung und die Auswirkung des Kopfschattens führen zu einer Leichtigkeit beim Hören und Verstehen, die all jene mit bilateral normalen Hörvermögen genießen“, beschreibt Judith E. C. Lieu die Vorteile beidseitigen Hörvermögens in ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Binaurale Summation ist leicht nachvollziehbar und besonders bei leisen Geräuschen merkbar: Mit zwei Ohren wird alles doppelt gehört und damit auch lauter. Doch der Ausspruch von Aristoteles – „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ – gilt auch für beidseitiges, also: binaurales Hören. Für die Erklärung der zusätzlichen Faktoren bedarf es der physikalischen Betrachtung.

Das wissenschaftliche Team um die Psychoakustiker Prof. Dr. Bernhard Laback und Doz. Dr. Piotr Majdak am Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien untersucht diese physikalischen und psychoakustischen Zusammenhänge des Hörens mit und ohne Hörhilfen. Die Physik beschreibt den menschlichen Kopf als ein Hindernis für Schallwellen, welches für manche Tonhöhen einen Schatten wirft. Das führt in manchen Tonbereichen zu einem Pegelunterschied zwischen beiden Ohren. Zum anderen kommt Schall nur dann an beiden Ohren exakt gleichzeitig an, wenn sich die Schallquelle genau mittig, hinter oder über dem Zuhörer befindet. In jedem anderen Fall kommt es zu einer minimalen Zeitdifferenz zwischen beiden Ohren.

Die schallverarbeitenden Teile unseres Gehörs nutzen diese winzigen Informationsunterschiede, um die Position einer Schallquelle festzustellen und im Falle von mehreren Schallquellen den Störschall zu unterdrücken.

Das Hirn will lernen – auch das Hören

Einseitige Taubheit hat auch weitreichende kortikale Auswirkungen. Prof. Dr. Andrej Kral bekleidet einen Lehrstuhl für audiologische Neurowissenschaften an der Medizinischen Hochschule Hannover in Deutschland. Er erklärte 2013 in einem Interview für das Magazin „Schnecke“ die Plastizität des Gehirns: „Ein Hörverlust, der zum Ungleichgewicht führt, entweder zwischen den Ohren oder zwischen den Frequenzen, stellt einen besonders effektiven Reiz für plastische Prozesse dar.“

Das führt zur Reorganisation des Zentralen Gehörs, indem ungenützte Anteile des Zentralen Gehörs für andere Hörfunktionen genützt werden. Das gilt prinzipiell für die gesamte Lebenslänge, wirkt sich aber besonders in der Kindheit aus: „Die meisten Synapsen entstehen in der Hirnrinde erst nach der Geburt und sind von der Hörerfahrung abhängig. Fehlt sie, verzögert sich die Entwicklung der Synapsen, von denen viele später wieder abgebaut werden.“

„Wir konnten 2013 in einer Studie nachweisen, dass bei stark unterschiedlichem Hörvermögen am linken und rechten Ohr sich durch eine plastische Reorganisation im Gehirn ein „stärkeres“ und ein „schwächeres“ Ohr ausbildet“, erklärt Kral die Folgen langfristig einseitiger Höreindrücke. Auch die Anlage binauraler Fähigkeiten findet vorwiegend in der Kindheit statt.

Hörimplantate für beidseitiges Hören

Für schwerhörige Kinder empfiehlt die österreichische Arbeitsgemeinschaft Audiologie, mittels konventioneller oder auch implantierbarer Hörgeräte das Hörvermögen auf beiden Seiten zu optimieren. Die österreichische Krankenkasse unterstützt auch bei berufstätigen Erwachsenen die beidseitige Anpassung von Hörgeräten, um das Sprachversstehen in beruflich relevanten Situationen mit vermehrten Hintergrundgeräuschen zu ermöglichen.

Der Techniker Ewald Thurner ist seit 1993 für die technische Betreuung von CI-Nutzern zuständig. In dieser Funktion erlebte er 1996 die ersten Implantationen der zweiten Seite. „Mit der einseitigen Implantation kann man die Hörsituation von einer absoluten Taubheit zu einem oft sehr guten Sprachverstehen verbessern. Es erfordert für CI-Nutzer aber viel Aufmerksamkeit, einem Gespräch in natürlichen Alltagssituationen zu folgen. Dieses angestrengtere Hören wird entsprechend den Aussagen unserer Kunden durch die bilaterale Versorgung dramatisch erleichtert. Bilaterale Versorgung verringert den Hörstress; das anstrengende Hochhalten der Aufmerksamkeit entfällt.“

Die Vorteile beidseitigen Hörvermögens sind auch aus wissenschaftlicher Sicht längst bewiesen. Bernhard Laback vom Institut für Schallforschung verweist auf die Daten: „Zahlreiche klinische Studien haben mittlerweile die Vorteile der beidseitigen im Vergleich zur einseitigen Cochlea-Implantation belegt, sowohl bei der Schallquellenlokalisation als auch beim Sprachverstehen im Störgeräusch.


ZUSAMMENGEFASST

Die Vorteile binauralen Hörens und bilateraler Implantation

· Lokalisation: Die Schallquelle kann akustisch geortet werden. Besonders wichtig ist das, wenn potentielle Gefahren geortet werden sollen.

· Sprachverstehen im Störlärm, wie das in vielen alltäglichen Situationen des sozialen Lebens der Fall ist

· Lautstärkesummation: Mit zwei Seiten werden Geräusche lauter gehört. Das kann bei leisen Geräuschen wesentlich sein.

· Balanciertes Hören – dreidimensionaler Höreindruck

· Gleich gutes Hören und Verstehen aus allen Richtungen

· Raschere Hör- und Sprachentwicklung bei Kindern

· „Leichteres“ Hören: geringere Konzentration auf das Gehörte führt zu weniger Ermüdung und ermöglicht höhere Konzentrationsfähigkeit in Bezug auf andere Bereiche.

· Höhere Sicherheit in Alltagssituationen, weil Warngeräusche sicherer wahrgenommen und besser lokalisiert werden können.

· Keine einseitige Deprivation: Ein langfristiger Mangel des Hörnervs an Hörinformation, also ein Mangel an neuronaler Stimulation, kurz: Deprivation, kann zu weitreichenden Folgen in den betroffenen neuronalen und kortikalen Bereichen führen; unter anderen der fehlenden Ausbildung oder Rückbildung der entsprechenden Strukturen oder der Entwicklung von Phantomempfindungen.

· Positiver Effekt bei Neigung zu Tinnitus, wie er in Folge von Hörbeeinträchtigungen auftreten kann

WISSENSWERT

Hörbarer Unterschied

Möchten Sie selbst den Unterschied zwischen einseitigem und beidseitigem Hörvermögen kennenlernen? Sie können wie Ewald Thurner mit der privaten Stereoanlage experimentieren. Wesentlich komfortabler ist es aber, einige Klangbeispiele aus dem Internet auszuprobieren.

Bei YouTube finden Sie am MED-EL Kanal ein Video mit dem Titel „Hearing With Only One Ear“, welches monaurales und binaurales Hören in einer typische Alltagssituation im Restaurant vergleicht. Sie benötigen dazu unbedingt einen Stereo-Kopfhörer! Auch auf www.switch-on-life.com erfahren Sie bei interaktiven Videos und Aufgaben, wie wichtig es ist, zwei Ohren zu haben.

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