„Es wird einem eingeredet: Du hast eh noch ein Ohr, das geht eh. Aber es ist so schwierig.“ Heute ist Sabine Weinberger-Pramendorfer über ihr Cochlea-Implantat so froh, dass sie auch andere Betroffene zur Implantation ermutigen möchte.

„Ich habe mein Gehör über Nacht verloren!“ Die gelernte Konditorin Sabine Weinberger-Pramendorfer arbeitete bei einer großen Restaurantkette, mit unregelmäßigen Arbeitszeiten und einer regen Reisetätigkeit. Mit dem Auto war sie in ganz Österreich unterwegs. So war es auch im Zuge einer mehrtägigen Dienstreise, als frühmorgens ihr Mobiltelefon mehrfach läutete. Jedes Mal, wenn die Oberösterreicherin das Gespräch annahm und das Telefon an ihr Ohr hob, wunderte sie sich: „Komisch, alle rufen an, und dann reden sie nicht.“ Erst als sie das Telefon auf die andere, die rechte Seite wechselte, wurde ihr klar, dass sie über Nacht ihr Hörvermögen am linken Ohr verloren hatte. Das war im Frühling 2018.

Ob Stress oder eine Verkühlung, die konkrete Ursache für den einseitigen Hörsturz konnte niemand feststellen. Ein leichter Hörsturz kann sich binnen Stunden oder Tagen mitunter von selbst zurückbilden – man spricht von Spontanheilung. Bei der knapp 50-jährigen war der Hörsturz aber nicht nur besonders heftig, sondern auch sehr stabil. Weder die Behandlung ihrer Verkühlung noch eine spezifische Infusionstherapie halfen.

Letztlich musste Weinberger zur Kenntnis nehmen, dass sie einseitig taub bleiben würde. „Ich habe mir ja eingeredet, dass das nichts macht“, erinnert sie sich. „Aber dann geht man aus dem Krankenhaus hinaus und muss aufpassen, dass einen kein Auto zusammenführt. Du hörst ja alles von rechts, dabei kommt das Auto von links.“

„Das war schon anstrengend!“

„Das hier zum Beispiel, hier sitzen und plaudern, das wäre damals nicht so gegangen.“ Sabine Weinberger-Pramendorfer sitzt mir gegenüber im Café des Klinikums Wels-Grieskirchen. Im Hintergrund herrscht reger Betrieb: An den zahlreichen Tischen verstreut an die 20 Gäste, plaudern, blättern raschelnd in der Zeitung. Der Kellner nimmt Bestellungen auf, serviert Kaffee und Kuchen, kassiert. Aus einem nahen Lautsprecher schallt ein Personenruf. In einem Raum mit so vielen Nebengeräuschen hätte sie mit nur einem hörenden Ohr mit großer Anstrengung ein Gespräch führen können. „Wenn, dann hätte ich Sie gebeten, rechts von mir zu sitzen“, auf der Seite des normalhörenden Ohrs.

Der Berufsalltag in einem Großraumbüro erforderte nach der einseitigen Ertaubung doppelte Konzentration in dieser Phase. Auch im Außendienst, bei ihren zahlreichen Autofahrten quer durch Österreich, merkte sie, dass sie sich vermehrt konzentrieren musste. „Man braucht einfach für alles länger“, beschreibt Weinberger ihre damalige Leistungseinbußen, durchaus vergleichbar mit jenen in Folge chronischen Schlafmangels. „Zu Mittag hätte ich mich jeden Tag niederlegen können, so müde war ich.“ In weiterer Folge war sie auch deutlich lärmempfindlicher geworden. „Ich habe dann die Arbeit aufgegeben, weil es zu schwierig war“, seufzt Weinberger.

Richtungshören bedeutet Sicherheit

Doch auch im Privatbereich erlitt sie einschneidende Einbußen. So musste die begeisterte Mountainbikerin ihr Hobby an den Nagel hängen, weil ihr das Richtungshören fehlte: „Du hörst, von hinten kommt was und weichst genau in die verkehrte Richtung aus. Das war mir dann zu gefährlich.“

Und selbst Essenseinladungen im privaten Kreis wurden mühsam. „Man geht ja nicht zu allen hin und sagt: Bitte ich höre links nichts.“ Wenn sie den Tischnachbar links verstehen wollte, musste sie ihm das rechte Ohr zuwenden. Im Gespräch demonstriert sie die dazu notwendige Verrenkung, indem sie Rumpf und Oberkörper um 180 Grad verwindet. Nach Möglichkeit setzte sich ihr Ehemann auf der tauben Seite neben sie, um unangenehme Situationen rechtzeitig abzufangen. Doch immer war er natürlich nicht mit dabei.

Sabine Weinberger-Pramendorfer: „Hier sitzen und plaudern, das wäre vor meiner Implantation nicht gegangen.“ © Eva Kohl

Fast ein Weihnachtsgeschenk

Weinberger konnte sich mit der einseitigen Ertaubung und den damit verbundenen Einschränkungen nicht abfinden. Der erste Weg führte sie natürlich zum Hörgeräteakustiker. Die Hörbeeinträchtigung am linken Ohr war aber so gravierend, dass ein Hörgerät keine zufriedenstellenden Erfolge brachte. „Primar Keintzel hat mir dann gesagt, er würde mir ein CI empfehlen.“ So ließ sie sich auf die Warteliste zur CI-Operation setzen. „Natürlich überlegt man sich auch, welche Alternativen es gäbe. Aber für mich war klar, dass es ohne Hören nicht geht. Das war mir im Alltag zu viel Einschränkung und ich wollte auch vorausschauend etwas tun, wenn einmal das gute Ohr auch schlechter wird.“

Da sich bei der CI-Kandidatin unabhängig von der Ertaubung auch ein Cholesteatom, eine Geschwulst im Mittelohr, entwickelt hatte, dessen Entfernung vordringlich war, dauerte die Zeitspanne vom Verlust des Hörvermögens bis zur Cochlea-Implantation eineinhalb Jahre. Eine durchaus relevante Zeitspanne, in der sich Weinberger aber nicht an die neue Hörsituation gewöhnen konnte. Mit der Implantation am 22. Dezember bekam sie quasi ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk.

„Gehört jetzt zu mir!“

„Dann ist natürlich der spannende Augenblick, wann bekommt man den Sprachprozessor und wie wird es funktionieren?“ Die Freude überwog aber die aufkommende Nervosität: „Weil ich mir gedacht habe, jetzt wird’s anders.“ Überzogene Erwartungen in die ersten Höreindrücke zu setzen, davor warnt die mittlerweile erfahrene CI-Nutzerin. Auch wenn sie schon bald erste Höreindrücke mit dem CI hatte und zunehmend Erfolge verzeichnete: „Es fängt halt langsam an.“

In ruhigen Situationen, in denen man keine Geräuschempfindung erwartet, könne der neue Höreindruck aus dem CI die Aufmerksamkeit unerwartet auf sich ziehen und irritieren, erzählt Weinberger. „Aber ich habe mir das auch angefangen, dass ich den Prozessor wirklich den ganzen Tag oben lasse.“ Dann hat sie mit Induktionsschlinge und ListenUp! – App geübt. Nun kann sie auch in akustisch schwierigen Situationen einem Gespräch wieder entspannt folgen: In großen, halligen Wintergärten, in Geschäften mit Hintergrundmusik oder eben in einem Kaffeehaus mit regem Betrieb.

Mit ihrem System ist sie so zufrieden, dass sie mit ihren Erfahrungen auch andere Betroffene zur Implantation ermutigen möchte. Jetzt freut sich Sabine Weinberger darauf, wieder ins Berufsleben einzusteigen. Und sobald ein passender Helm gefunden ist, steht auch die nächste Mountainbike-Saison an. Nur der Prozessor selbst soll bald sein Aussehen verändern – die auswechselbare Abdeckung macht es möglich. Das dezente Haar-Design soll dann einem etwas poppigeren Muster weichen. „Oder mit einem Strass-Stein“, überlegt sie. Nichtmehr unauffällig, sondern lieber chic soll der Prozessor werden: „Weil der gehört jetzt zu mir!“

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