Wie binaurales Hören und Musik sich ergänzen, zu einem besseren Verständnis führen und warum gemeinsam besser ist als einsam.

Doppelt hält besser. Dieses Motto gilt auch beim Hören. Wer nur auf einer Seite hört, egal ob einseitig ertaubt oder nur mit einem einzigen Hörimplantat versorgt, muss Nachteile in Kauf nehmen. „Ich musste immer darauf achten, wo ich sitze, damit ich mein hörendes Ohr meinen Gesprächspartnern zuwenden kann“, erinnert sich die einseitig ertaubte Tanja, die am rechten Ohr nun mit einem Cochlea-Implantat (CI) versorgt ist, an die Zeit vor ihrer Implantation.

Die Platzierung ist für Menschen, die nicht mit beiden Ohren hören können, nur eines von mehreren Problemen. Richtungshören, das Orten von Geräuschquellen und ein gutes Sprachverstehen in lauter Umgebung sind nur mit beiden Ohren möglich.

Musik für die Seele – und für die Ohren

Auch Musik, die einen wichtigen Beitrag für unser emotionales Wohlbefinden leistet, klingt erst mit beiden Ohren reicher, voller und dynamischer. Studien belegen übrigens, dass Musik nicht nur unserer Seele guttut, sondern auch positiv auf das Hörvermögen wirkt.

Nutzer von Hörimplantaten profitieren nicht nur emotional von Musik. Wer gezielt übt Musik zu hören, trainiert damit gleichzeitig sein Sprachverständnis in lauter Umgebung.

Noch mehr Vorteile bringt es, aktiv zu musizieren. Viele Nutzer wagen sich nach der Implantation wieder an ein früher erlerntes Instrument. Einer davon ist Heinz, ein leidenschaftlicher Harmonikaspieler, der links mit einem Hörgerät, rechts seit einigen Monaten mit einem Cochlea-Implantat versorgt ist. Kurz nach seiner Erstanpassung nahm er seine geliebte Harmonika wieder zur Hand, stellte aber enttäuscht fest, dass sie furchtbar klang. Nachdem er sich von seinem Schrecken erholt hatte, beschloss er, die Situation aktiv zu ändern. Unbeirrt übte der Mittfünfziger regelmäßig, allein zuhause, mit seiner Musiktherapeutin am Klinikum St. Pölten und bei einem dreiwöchigen stationären Reha-Aufenthalt in Bayern. Mittlerweile erklingt die Harmonika für Heinz wieder so voll und kräftig wie früher.

Neben dem gezielten Musiktraining fällt auch dem Zusammenspiel zwischen Hörgerät und CI-Audioprozessor eine gewichtige Rolle zu. Die beiden sind optimal aufeinander abgestimmt.

Heinz betont, um wie viel besser Musik mit binauralem Hören klingt. „Mit dem Hörgerät allein ist es okay, aber das Gänsehautgefühl kommt erst auf, wenn das CI zugeschaltet ist“, schwärmt der Hobbymusiker. Studien bestätigen seine Aussage, die übrigens auch für gehörlose Menschen mit bilateralen Cochlea-Implantaten gilt.

Die Stimme – das Musikinstrument, das immer zur Stelle ist

Sie haben nie ein Musikinstrument gelernt? Kein Grund zu verzagen! Ein Musikinstrument trägt jeder Mensch immer und überall bei sich: die eigene Stimme. Singen ist für Kinder und Erwachsene mit Hörimplantaten gleichermaßen sinnvoll. Eine geübte Stimme zeigt sich unmittelbar beim Sprechen.

Die Artikulation verbessert sich ebenso wie die Lautstärke, Intonation und Sprachmelodie. Wer regelmäßig singt, kann seine Stimme besser kontrollieren. Beim Singen erweitern und üben Kinder ihren Wortschatz sowie die Wortproduktion auf spielerische Weise.

Auch beim Singen gilt übrigens: doppelt hört besser. Mit nur einem Ohr funktioniert das Richtungshören nicht. Gerade Sängerinnen und Sängern, die mit anderen Musikern im Chor zusammen singen oder von Instrumenten begleitet werden, entgehen dadurch feine musikalische Details. Das wirkt sich sofort auf die Intonation und die Sauberkeit beim Singen aus, oft auch auf den Rhythmus. Da nützt die beste Partitur nichts, denn wer die Instrumentalbegleitung nicht mehr mitverfolgen kann, kann auch nicht richtig einsetzen.

Gemeinsam statt einsam

Ein Chor hat viele Vorteile, die weit über das Hören hinausgehen. Man trifft mit vielen Gleichgesinnten zusammen, die ebenso Freude an der Musik haben, kommuniziert und tauscht sich aus. Einem aktiven sozialen (Chor)Leben sind damit Tür und Tor geöffnet. „Gut aufeinander hören“ ist das Credo aller Chorsängerinnen und -sänger. Und die Tatsache, dass sie auf ihre Mitsängerinnen und -sänger hören müssen, um einen für die Zuhörer schönen Chorklang zu erreichen und richtig zu singen, trainiert das Hören der musikalischen Feinheiten. Im Chor müssen die Singenden auf die verschiedenen Stimmgruppen hören, was wiederum das Richtungshören sowie das Sprachverstehen bei Hintergrundlärm fördert.

Ein Tipp der Musikwissenschaftlerin und einseitig ertaubten CI-Nutzerin Johanna Boyer: das schwächste Glied in der Hörreihe soll mehr zum Gesamtklang beitragen können, daher muss es besonders gefördert werden. Trainieren Sie also Ihr CI-versorgtes Ohr separat, ohne ein vorhandenes Restgehör auf der anderen Seite zu nutzen. Nutzen Sie dafür Zusatzgeräte wie den AudioLink und lassen Sie sich die Musik direkt in Ihren Audioprozessor streamen.

Sie sind auf den Geschmack gekommen und möchten lieber gemeinsam statt einsam singen, trauen sich aber noch nicht, einem Chor in der Gegend beizutreten? Erkundigen Sie sich nach Chor-Workshops für Hörimplantat-Nutzer: gemeinsam singen und musizieren, aufeinander hören, die eigene Stimme trainieren, Erfahrungen austauschen, Beratung durch Hörexperten, alles ohne Zwang, das verheißt viel Spaß und längerfristig mehr Hörerfolg!

Leidenschaft als bester Motivator

Leider schaffen es nicht alle CI-Träger, Musik (wieder) in vollen Zügen zu genießen. Vielen fehlen die Motivation und auch die kompetente Unterstützung. Auch wenn wissenschaftlich erwiesen ist, dass durch Musiktraining die Hörleistung insgesamt besser wird, sind die individuellen Unterschiede groß. Wer Musik für sich persönlich als wichtig einschätzt, wer sie mit Leidenschaft hört und praktiziert, erhält mit der Zeit bessere Ergebnisse.

Allerdings – bis das „elektronische“ Hören – auch bei einseitig ertaubten Menschen – wieder mit der musikalischen Erinnerung übereinstimmt, braucht es neben Training auch Zeit. Daher: geben Sie sich Zeit und üben Sie sich in Geduld. Der Erfolg wird sich dank der Neuroplastizität unseres Gehirns einstellen.


LESENSWERT

Infos und Tipps für mehr Musikgenuss mit Hörimplantat finden Sie unter:

www.endlich-wieder-hoeren.org/geschichten/

www.hoerenbewegt.com

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