„Ob ich heuer den Osterhasen hoppeln hören werde, das weiß ich nicht“, scherzt Gabriele Woditschka bei unserem Videotelefonat kurz vor Ostern. „Aber ich werde die Glocken läuten hören und das ist es mir wert!“ Früher selbst skeptisch in Bezug auf Cochlea-Implantationen, möchte Gabriele Woditschka jenen beistehen, die eine Hörimplantation überlegen.

„Ich wollte mit der zweiten Cochlea-Implantation ja eigentlich warten, bis ich in Pension bin. Aber mit Hörgerät konnte ich halt nicht mehr klar hören, immer nur verzerrt“, erklärt Gabriele Woditschka, warum sie im Jänner 2020 auch auf der zweiten Seite ein Cochlea-Implantat erhalten hat. Die 58-jährige Niederösterreicherin war in Folge einer Masern-Erkrankung im vierten Lebensjahr schwerhörig geworden; seit der Volksschulzeit verwendete sie Hörgeräte.

„Ich bin trotzdem meinen Weg gegangen“, sagt die Witwe und vierfache Mutter. Über die Möglichkeit von Hörimplantaten wusste sie lange Zeit nicht Bescheid und: „Es war alles andere immer wichtiger als das Hören. Meine Familie hat ja immer viel Rücksicht genommen.“

Außerhalb der Familie war sie ihren Mitmenschen fallweise sogar einen Schritt voraus: „Wenn sich wo jemand leise unterhalten hat und glaubte, das versteht dann niemand.“ Sie hat so manches Gespräch mittels Lippenlesens mitverfolgt, das wohl nicht für ihre Ohren gedacht war. In anderen Situationen wurde die Höreinschränkung hinderlich: Wenn sie als Jugendliche die Begeisterung Gleichaltriger an Diskothekenbesuchen nicht teilen konnte, oder wenn sie später den Aufruf im Arztzimmer überhörte. Wenn sie im Gespräch etwas nicht verstand, wurde sie dafür auch oft abgekanzelt. „Mit jeder Kränkung wurde ich stärker.“

„Alles im Leben hat seine Zeit“

Innerhalb relativ kurzer Zeit verwitwete Gabriele Woditschka und die Töchter wurden erwachsen. „Wie das so ist, sind dann alle vier Mädels zugleich ausgezogen.“ Die neue Lebenssituation war sicher eine Herausforderung, so wie die wiederholten Hörstürze, die bald folgten – der letzte ausgerechnet im Urlaub, in Kroatien. Die Witwe kehrte umgehend nach Österreich zurück und suchte das AKH Wien auf, doch da war sie auf der rechten Seite bereits komplett taub.

„Ich war anfangs ja eher ablehnend dem CI gegenüber eingestellt.“ Für die Mittfünfzigerin war nachvollziehbar, dass mit der Ertaubung des rechten Ohrs das linke noch mehr gefordert sein würde. Die Befürchtung lag nahe, dass der zunehmende Hörstress zu weiteren Hörstürzen auch links führen könnte. „Professor Riss hat mich dann überzeugt. Er hat gesagt: Ihr Leben wird sich um vieles ändern.“

„Alles im Leben hat seine Zeit“, zitiert Woditschka aus dem alten Weisheitsbuch Kohelet, so auch ihre Cochlea-Implantation im Frühling 2019. Als sie am 29. April nach der Aktivierung ihres Implantat-Systems das AKH Wien verließ, hörte sie an der nahen Kreuzung erstmals das akustische Signal einer Blindenampel. „Ich war so fasziniert, dass ich fünf Minuten stehen geblieben bin und immer wieder gedrückt habe.“

Nicht nur mehr Geräusche

„Jetzt höre ich im Wald den Kuckuck rufen.“ Die sportliche Frau ist viel im Freien, auch mit dem Fahrrad. „Ich kann jetzt unbeschwert Radfahren gehen, weil ich jetzt höre, wenn hinter mir jemand kommt“, erklärt sie. „Ich habe ein Rennrad: Das ist ein Sound!“

Auch beim Sprachverstehen profitiert sie. „Das Hörgerät verstärkt halt die Sprache und die Nebengeräusche“, beschreibt die langjährige Hörgeräte-Nutzerin einen Effekt, den Fachleute mit der sogenannten „reduzierten Restdynamik“ begründen: Bei den meisten Hörstörungen werden leise Geräusche zwar noch leiser gehört, laute aber in gewohnter Lautstärke. Damit entsteht der Eindruck, alle Töne und Geräusche seien quasi „gleich laut“ – der Kontrast zwischen Sprache und Hintergrundgeräuschen verschwindet und Sprachverstehen wird immer schwieriger. Die Ursache dafür liegt in der Schädigung des Innenohrs, das mit Cochlea-Implantaten dann gänzlich umgangen wird.  Der Effekt: „Das CI bringt die Sprache viel deutlicher heraus.“

Das wirkt sich auch im Berufsalltag der gelernten Heilmasseurin aus. „Manche Patienten erzählen während der Massage ja ihre Lebensgeschichte“, und das mit dem Gesicht im Kopfloch des Massagebetts. Auch wenn sie das mit CI mittlerweile verstehen kann, ist Woditschka sich sicher: „Mir ist das nach wie vor wichtig, dass mich jemand anschaut. Das wird sich nicht mehr ändern.“

Mit CI kann Gabriele Woditschka online mit ihren Lieben plaudern – sogar mit Maske, wenn es sein muss! ©Adobe Stock

Es braucht Geduld

„Wenn man so lange in der Welt der Stille lebt, tut man sich in der lauten Welt manchmal schon schwer“, lacht Gabriele Woditschka. „Mein jüngstes Enkerl Konstantin war ein Schreibaby. Da hat es Situationen gegeben, in denen ich das CI heruntergeben musste.“  Manchmal habe es gerade anfangs Hörpausen und etwas Geduld gebraucht.

Für seine Geduld ist sie auch Prof. Dr. Dominik Riss von der Universitätsklinik Wien dankbar und für das umfassende Informationsgespräch vor der Implantation: „Menschen mit Handicap tun sich halt immer schwer Hilfe anzunehmen.“ Oftmals würde das CI als eine solche Hilfe dann rundweg abgelehnt, ohne die Möglichkeit überhaupt anzudenken. Das Geräusch des Windes, der um die Ecke pfeift, das Warnsignal vom Herd, Gruppengespräche und Videotelefonie: „Klar, ich wäre auch ohne CI durchs Leben gekommen, aber mit meinen beiden CIs ist es jetzt um 100 Prozent besser!“ Deswegen möchte die zufriedene CI-Nutzerin nun andere Betroffene mit ihrem eigenen Beispiel ermutigen. Für sich selbst hat sie schon längst ein neues Ziel vor Augen: „Ich hätte immer so gern tanzen gelernt. Vielleicht mache ich das jetzt.“

Einen Tipp hat Gabriele Woditschka für CI-Kandidaten: „Traut euch einfach, euer Leben wird um einiges besser werden!“

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