Studieren mit Cochlea-Implantat ist nicht nur möglich, sondern aus akustischer Sicht mitunter einfacher als der Besuch einer Regelschule. E-Learning kann zusätzlich helfen, bietet aber auch Herausforderungen.

„Wenn ein Professor über mein CI Bescheid wissen soll, sage ich ihm das einfach selbst. Aber bisher war das nicht nötig.“ Sevvin Kartal lächelt mir via WhatsApp-Telefonat auf dem Display meines Smartphones zu. Eigentlich wollten wir uns in der Cafeteria ihrer Fachhochschule treffen, doch dann erreichte die Corona-Krise Österreich, die Hochschulen wurden geschlossen und die Ausgangsbegrenzung trat in Kraft. Für die Studentin kein Problem, denn mit Cochlea-Implantat kann sie auch problemlos über Telefon und verwandte Dienste kommunizieren.

Audioverbale Kommunikation war auch Sevvin Kartals Ausgangspunkt für den erfolgreichen Besuch der Höheren Schule. Im Frühling 2019 maturierte sie am Gymnasium in der Anton Kriegergasse in Wien, seither studiert die junge Frau Architektur an der Fachhochschule Wien. Die kommunikativen Herausforderungen im Schulalltag gestalteten sich dabei unterschiedlich, nicht immer bedeutete eine höhere Ausbildungsstufe auch höhere akustische Anforderungen.

Inklusion und Stützlehrer an der Unterstufe

Am Schulstandort Anton Kriegergasse werden insgesamt rund 1.150 Schüler von über 140 Lehrerkräften unterrichtet. An der Unterstufe, oder wie man jetzt sagt: Sekundarstufe I, macht man seit 10 Jahren mit dem Schulversuch Wiener Mittelschule WMS gute Erfahrungen. Die Schule legt Wert auf ein integratives Konzept. Sie ist Kooperationsschule des Bundesinstituts für Gehörlosenbildung, kurz: BIG, und führt regelmäßig Integrationsklassen für hörbeeinträchtigte Schüler. Im Anschluss an die Sekundarstufe I bietet der Schulstandort einen Aufbaulehrgang, eine Fachmittelschule und ein Gymnasium mit fünf unterschiedlichen Ausbildungszweigen.

Ab der fünften Schulstufe besuchte Sevvin Kartal die WMS in einer Integrationsklasse. „Die Lehrer wussten schon Bescheid“, denn durch die langjährige Kooperation mit dem BIG haben die Pädagogen dieser WMS schon viel Erfahrung im Unterricht hörbeeinträchtigter Schüler. Zum Beispiel die Visualisierung des vorgetragenen Lehrstoffes ist hier selbstverständlich. Zudem standen den hörbeeinträchtigten Schülern in Sevvins Klasse vierzehn Stunden pro Woche ein Stützlehrer zur Verfügung.

Schüler mit Hörbeeinträchtigung haben in der Regelklasse Anrecht auf die Unterstützung durch einen Stützlehrer für bis zu sieben Unterrichtsstunden pro Woche. Sevvins Klasse wurde 14 Stunden pro Woche von einem Stützlehrer begleitet: „Weil ein zweiter Schüler mit Hörgeräten in meiner Klasse war.“ Die Stützstunden beider Schüler kombiniert, konnte der Stützlehrer zwar nicht alle Unterrichtsstunden begleiten, aber doch die sprachlich schwierigsten Fächer.

Zusätzlich Schriftdolmetsch an der Oberstufe

Für viele Schüler ist der Umstieg auf die Sekundarstufe II eine Herausforderung: Mit der Matura und einem späteren Studium als konkrete Ziele, wird den Schülern nicht nur mehr Selbständigkeit abverlangt. Auch das Klassengefüge verändert sich nochmals. Für Sevvin eine mehrfache Herausforderung: „An der Oberstufe war ich allein in der Klasse mit 15 bis 20 hörenden Mitschülern.“

Den neuen Mitschülern in der Klasse war ihre Hörproblematik und der Umgang damit anfangs noch fremd. „Ich habe mich zu Beginn schon allein gefühlt“, erinnert sich die Studentin zurück. „Es war kein einfacher Anfang für mich, auch nicht für die anderen.“

Auch die Unterrichtsweise an der Oberstufe war deutlich herausfordernder. Der Unterricht besteht zunehmend aus Frontalvorträgen und Diskussionen, manche Klassenkollegen sprechen dabei nur sehr leise oder undeutlich. „Besonders in Deutsch und Englisch wird viel diskutiert. In manchen Nebenfächern wird nur diktiert. Manche Lehrer haben den Lehrstoff auch kaum visualisiert.“ Wie an der Unterstufe, erhielt die Schülerin auch an der Oberstufe für sieben Unterrichtsstunden wöchentlich die Unterstützung eines Stützlehrers. „Da dachte ich, das ist mir viel zu wenig.“

Ergänzend nahm sie daher für weitere sieben Stunden einen Schriftdolmetscher in Anspruch. Der Schriftdolmetscher saß direkt neben ihr und schrieb alles Gesprochene am Laptop mit – wobei vereinbart war, „Nebengespräche“, zum Beispiel die Aufforderung das Fenster zu öffnen, wegzulassen.

„Wenn man älter wird, versteht man alles besser – auch die Probleme werden bewusster“, sieht Sevvin den Unterschied zwischen Unter- und Oberstufe auch in der Persönlichkeitsentwicklung aller Beteiligten. Sie selbst habe sich damals langsam, doch stetig an die neue Schulsituation gewöhnt und die Kollegen und Lehrkräfte an ihre Anforderungen an Klasse und Unterricht. „Man braucht halt Zeit.“

Erstsemestrige an der FH

Seit Herbst 2019 studiert Sevvin Kartal Architektur am FH-Campus Wien. „Das ist nicht mehr so wie in der Schule“, lacht die junge Frau. Stützlehrer gibt es bei der Hochschule nicht, Unterstützung von Schriftdolmetschern ist aber möglich. Sevvin Kartal nützt zurzeit weder diese Möglichkeit noch die Behindertenbeauftragte im Diversity-Management der Fachhochschule. „Ich habe auch nicht jedem gesagt, dass ich schlecht höre.“ Das sei auch nicht nötig, weil die Vortragenden meist auch so viel visualisieren, manche sogar mehrfach: Im Skript und indem sie den Text mit Beamer projizieren. „Den Text vom Beamer lesen sie beim Vortrag einfach vor“, lacht die Studentin, mit Mikro – laut und deutlich. Sie findet: „Das ist wirklich cool.“

Im Gegensatz zur Universität bestehen Fachhochschulen durchwegs auf physische Anwesenheit der Studierenden. Die Sitzordnung an der FH kommt der CI-Nutzerin zugute: „Viele Studenten sitzen nicht gerne vorne. Man findet immer vorne einen Sitzplatz.“ Zusätzlich forciert die FH aber schon seit einigen Jahren eLearning: Moodle-Kurse, Flipped Classroom, sogar bewertete online-Aufgaben sind möglich. Mit der Corona-Krise wurden auch Vorträge und Prüfungen in den online-Bereich verlagert. „Ich persönlich fand es dabei anfangs schwierig, dem Gespräch zu folgen“, gesteht die Studentin. „Aber man kann die Videos aufzeichnen und nochmals schauen. So wird es mit dem akustischen Verstehen besser.“ Wie es ihr bei den Online-Prüfungen gehen wird, wird die nahe Zukunft zeigen.

Insgesamt empfiehlt Sevvin Schulen, die mit Inklusion hörbeeinträchtigter Schüler Erfahrung haben und mit den entsprechenden Sonderschulen gut kooperieren: „Weil die Lehrer schon Bescheid wissen. Da fühlt man sich mit den Hörproblemen nicht so allein.“ Beim Studium fühlt sie sich auf der FH sehr wohl: „An der Uni soll es schwierig sein, einen Sitzplatz ganz vorne zu bekommen. An der FH ist das kein Problem, weil hier die Gruppen kleiner sind.“


WISSENSWERT

Hilfe für Schüler mit CI

An der Pflichtschule stehen alternativ zum Regellehrplan auch Sonderlehrpläne für Schüler mit verschiedenen Beeinträchtigungen zur Verfügung. An der Höheren Schule ist zwar der Regellehrplan verpflichtend, verschiedene Maßnahmen zur Kompensation der individuellen Beeinträchtigung sind aber möglich.

Jeder Schüler mit Behinderung hat in der Inklusion einen Anspruch auf bis zu sieben Unterrichtsstunden wöchentliche Unterstützung von speziell ausgebildeten Stützlehrern.

Seit 2015 sind auch Schriftdolmetscher möglich. Die Einreichung erfolgt über die Schule beim Bundesministerium, das dann auch die Finanzierung übernimmt.

Hilfe für Studierende mit CI

An Hochschulen – Universität und Fachhochschulen gleichermaßen – stehen die jeweiligen Behindertenreferate zur Unterstützung bereit. Weitere Hilfestellungen und Beratung bietet die Arbeitsgemeinschaft Uniability. Neben diversen finanziellen Unterstützungen und der Möglichkeit, Prüfungsmodi entsprechend zu modifizieren, ist auch im Hochschulbereich die geförderte Unterstützung durch Schriftdolmetscher möglich. Auch die Serviceeinrichtung GESTU – Gehörlos Studieren stellt auf Anfrage Schriftdolmetscher zur Verfügung.

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