Dies ist nun schon der 20. Bericht über meine internationalen Aktivitäten, und somit berichte ich gleichzeitig über das 20. Land, das ich beruflich bereise: die Inselrepublik China Taiwan, die nicht einmal halb so groß ist wie Österreich. 

 Wolf-Dieter Baumgartner 

Dafür beheimatet Taiwan aber 24 Millionen Einwohner. Nicht zu verwechseln ist der Inselstaat mit der Volksrepublik China, die 1,4 Milliarden Bewohner zählt. Seit 2003 war ich sechs Mal beruflich in Taiwan, um dort Vorlesungen zu halten und CochleaImplantationen sowie Vibrant Soundbridge Operationen durchzuführen. So habe ich beispielsweise gemeinsam mit Prof. Chsu im Jahr 2003 die erste Vibrant Soundbridge in Taiwan operiert. Dieser Bericht vollendet die Trilogie von China, Hongkong und Taiwan mit meinen über 20 Reisen und zugleich medizinischen Aufenthalten in diesen drei Staatsgebilden.  

Taiwan ist nur sekundär chinesisch, das bedeutet: Im Gegensatz zur Volkrepublik China oder Hongkong ist die Insel Formosa (so lautete der alte holländische Name der Insel vor der chinesischen Besiedelung) nicht Teil der Jahrtausende alten chinesischen Geschichte, die ich in den beiden letzten Ausgaben beschrieb. Konfuzius (latinisiert aus Kong Fuzi) hat in Taiwan niemals gewirkt. Wie längst eindeutig bewiesen, wurde Taiwan von der Südsee her besiedelt und nicht vom chinesischen Festland. Die Ureinwohner Taiwans sind genetisch Polynesier, also verwandt mit hawaiianischer Urbevölkerung und unter anderen den neuseeländischen Maoris. Diese polynesische Urbevölkerung mit eigener Sprache lebte vor etwa 2500 Jahren auf der Insel.   

Als die Holländer 1517 die Insel entdeckten, nannten sie diese ob ihrer Schönheit Formosa und trafen dabei auf die Urbevölkerung. 1624 wurde Formosa offiziell niederländische Kolonie, Hauptstadt war das südliche und per Schiff günstig zu erreichende Tainan. Hier steht auch noch immer das alte historische, große niederländische Fort. Von 1626 bis 1641 versuchten die Spanier, Formosa als Kolonie zu gewinnen, wurden aber von den Niederländern besiegt. Und dann ein Moment der Geschichte, der sich 300 Jahre später exakt so wiederholen sollte: 1661 bedrängten die aufstrebenden chinesischen Mandschu auf dem Festland die Ming-Dynastie. Die Ming Getreuen setzten sich mit 400 Dschunken aus China ab und segelten nach Formosa, um dort ein Gegenkönigreich zu gründen. Ziel war es, China später wieder von Formosa aus zurückzuerobern. Die Niederländer wurden von den Ming-Chinesen besiegt. Aus Formosa wurde Taiwan und von den chinesischen Mings regiert, während auf dem Festland die Mandschus herrschten. Taiwan wurde also erst 1661 chinesisch. Die Rechnung der Mings ging nicht auf, die nächste Dynastie, die ihr folgte – die Quing– oder Mandschu Dynastie – übernahm sowohl das Festland als auch die Insel Taiwan. Die Quings hatten nun ein großes vereinigtes China bis zu den Opiumkriegen im 19 Jahrhundert. 

Wie im letzten Heft erwähnt, waren 1939 bis 1945, also während des Zweiten Weltkrieges, die wesentlichen Teile Chinas und die Insel Taiwan japanisch besetzt. Aus dem Trümmerfeld des Zweiten Weltkrieges war es anfänglich nicht klar, welchen Weg China gehen würde. Den stalinistisch diktatorisch kommunistischen von Mao Zedong, oder den rechtsdiktatorischen Weg von General Chiang Kai-shek und seiner Kuomintang. In China war Bürgerkrieg. Sah es anfänglich so aus, als ob der Kommunismus in China unterliegen würde, so führte die direkte, unmittelbare Unterstützung Stalins und seiner russischen Roten Armee mit Männern und Material für Mao Zedong schlussendlich zu dessen Sieg. 1949 war der Bürgerkrieg beendet. General Chiang Kai-shek, der während des Zweiten Weltkrieges gemeinsam mit Mao Zedong gegen die Japaner gekämpft hatte, floh mit seinen Getreuen nach Taiwan. Bemerkenswert ist, dass die Kuomintang neben den Waffen auch sämtliche wichtige chinesische Kulturgüter in Kisten verpackt nach Taiwan mitgenommen hatten 

Sollte man Taiwan heute beschreiben, dann genügen drei Attribute: Antikommunistisch, fleißig, geschäftstüchtig. Die Taiwanesen sehen sich als die besseren, die richtigen Chinesen. Auf die Volksrepublik wird von oben herabgesehen, wie harmlose Witze zeigen. In Taiwan wird echtes Chinesisch gesprochen, geschrieben und unterrichtet. Mit allen 2500 Schriftzeichen! Während Mao Zedong in der Volksrepublik ja das simplified (vereinfachte) Chinesisch mit „nur“ 250 Schriftzeichen eingeführt hat.  

Da sich die Kommunisten für die Kulturgüter nicht interessierten, nahmen Chiang Kai-sheks Truppen ohne Gegenwehr alles mit, was transportfähig war. Die chinesische Kultur findet man im Original in Taiwan. Das chinesische National Museum in Taipeh ist unbeschreiblich. Millionen Exponate warten tief im Atombunker im Berg, bis sie einer Ausstellung zugeführt werden. Die Ausstellung wird jährlich geändert. Man könnte hundert Jahre lang neue Ausstellungen machen und wäre noch nicht mit allem durch. 

Die Rolle der USA und Donald Trump wird hier ganz anders gesehen als in Europa. Für die Taiwanesen ist eine Wiedervereinigung unvorstellbar. Alle politischen Parteien der Insel haben im Programm, dass Taiwan Taiwan bleiben muss. Man weiß, dass nur der militärische Schutzschirm der USA eine gewisse Sicherheit gegenüber der Volksrepublik bietet. Taiwan ist hochgerüstet, aber man weiß, dass die zahlenmäßig unterlegenen Taiwanesen einer kriegerischen Auseinandersetzung mit dem Milliardenreich nicht gewachsen sein würden. Ziel ist also eine halbwegs friedliche Koexistenz so lange wie möglich. 

Prof. Wolf-Dieter Baumgartner mit Dr. Wu und einer Logopädin vor dem Buddhist Tzu Chi General Hospital in Taipeh ©privat

Ich selbst war in Taipeh am Cathay General Hospital sowie am Buddhistischen Krankenhaus tätig, in der alten Hauptstadt Tainan an der dortigen HNOUniversitätsklinik. Der medizinische Standard ist exzellent. Die drei HNOAbteilungen, an denen ich operiert habe, waren baulich und technisch in einem großartigen Zustand. Nachholbedarf besteht hier in Österreich. Über die technischen Möglichkeiten der CT und MRIBilder/Befunde oder des Krankenhaus-Informationssystems möchte ich gar nicht schreiben, denn da befinden wir uns hier vergleichsweise in der Steinzeit.  

Sowohl in Taipeh als auch in Tainan habe ich gemeinsam mit den dortigen Kollegen das erste Vibrant SoundbridgeImplantat implantiert, Jahre später auch die erste Vibroplasty am Runden Fenster. Bei einem meiner Besuche hatte ich auch Gelegenheit, eines der größten Stammzell/Genetikinstitute der Welt in Taipeh zu besuchen. Vielleicht schreibe ich ein anderes Mal darüber. Aber es war mehr als bemerkenswert und beeindruckend. Nahezu alle Mediziner Taiwans machen zumindest einen Teil ihres Studiums oder ihrer Facharztausbildung in den USA. Die Bindungen sind hier sehr eng, auch im Labor und Wissenschaftsbereich. 

Jeder Bürger Taiwans ist kranken und sozialversichert. Dies ist aber eine Basisversicherung für akute Erkrankungen. Zusätzlich haben die meisten Bürger noch eine private Krankenversicherung. CochleaImplantate bei Kindern werden für ein Ohr übernommen. Das zweite Ohr für bilaterale Versorgung muss von den Eltern finanziert werden. Erwachsene müssen ihr CochleaImplantat immer selbst bezahlen. Das System ist de facto wie in Hongkong. Eine Vibrant Soundbridge muss immer selbst bezahlt werden. Bei einem Bonebridge-System ist es noch in Schwebe, es kann aber sein, dass eine Bonebridge-Versorgung bei Fehlbildungen demnächst eine Krankenkassenleistung in Taiwan wird. 

 Für mich waren die TaiwanAufenthalte immer angenehm. Das Land ist ausgesprochen sicher und hoch technologisch. Ich habe die Einwohner stets als weltoffen und interessiert kennengelernt. Taiwanesen reisen auch sehr gerne und Österreich kannte jeder. Die Zusammenarbeit im Krankenhaus war sowohl mit den Kollegen als auch mit dem OPPersonal problemlos. Man spricht dort sehr gut Englisch. Sollten Sie jemals in Taiwan krank werden, Sie brauchen keine Reiserückholversicherung. 

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