Cochlea Implantat statt Rückspiegel: Radfahren mit Hörimplantat

Der passionierte Radfahrer Max Sailer fühlt sich mit seinen beiden Cochlea Implantaten auch im Straßenverkehr wieder sicher. Im kommenden Sommer möchte er bis an die Nordsee radeln und Stopps dort einlegen, wo es besonders um CIs geht.

„Das kann ich jetzt wegschmeißen“, lacht der 66-jährige Max Sailer und zeigt sein Radtrikot mit dem großen, durchgestrichenen Ohr am Rücken. Jenes Symbol, das für eingeschränktes Hörvermögen steht. Das Shirt hat er sich extra gestalten lassen, als er nahezu ertaubt war. Beim Radeln nahm er damals die Autos hinter sich nicht mehr wahr, selbst wenn sie laut hupten. Er zuckt die Schultern: „Geholfen hat es wenig. Die meisten kennen das Zeichen halt nicht.“

Die Schwerhörigkeit des pensionierten Spitalstechnikers ist vererbt. „Mütterlicherseits hat nur eine einzige Cousine noch kein Hörgerät.“ Bei ihm setzte sie um die 40 ein, mit den Jahren wurden die Hörgeräte immer größer und stärker.

Beruflich arbeitete er damals als Techniker am Universitätsklinikum Graz. Eines Tages wurde er während eines Eingriffs in den Operationssaal gerufen: „Weil eines der Geräte so komische Geräusche gemacht hat. Ich habe das aber nicht gehört!“ Eine erschreckende Erkenntnis für den Steirer. „Ich konnte meine Arbeit nicht mehr richtig machen. Und die mussten sich ja auf mich verlassen können!“

„Ein Meter mit dem Rad auf der Straße ist gefährlicher als die CI-Operation!“

Auch privat zog sich der Frühpensionist sukzessive zurück: „Wenn sich wer mit mir auf einen Kaffee treffen wollte, habe ich gesagt: Ja, aber bei mir zuhause.“ Seine HNO-Ärztin empfahl ihm dann, eine Cochlea Implantation zu überlegen. „Ich werde ihr dafür ewig dankbar sein!“

„Für mich ist der OP, was für andere der Schreibtisch ist“, zeigt sich der ehemalige Spitalstechniker unerschrocken. „Ein Meter mit dem Rad auf der Straße ist gefährlicher als die CI-Operation!“ Am Landeskrankenhaus Graz, seinem früheren Arbeitsplatz, setzte ihm Priv. Doz. DDr. Matthias Graupp im Februar 2021 am rechten Ohr ein Cochlea Implantat ein.

Schon bei der Aktivierung des CI-Systems konnte er erste Worte verstehen. Trotzdem war für das Verstehen eines Gesprächs Übung und Geduld nötig. „Wenn du eine Hüftprothese bekommst, gehst du danach ja auch keinen Marathon laufen“, lacht der CI-Nutzer. „Wenn ich ein Geräusch nicht erkenne, dann frag ich die anderen: Hörst du das? Was ist das?“

Im Frühling 2022 bekam er dann auch links ein CI und hört jetzt nicht nur von beiden Seiten gleichermaßen, sondern auch räumlich.

„Das Klackern der Gangschaltung hören“

Mit dem Radfahren hat der pensionierte Spitalstechniker mit dem weißen Schnurrbart und dem Kurzhaarschnitt schon während seiner Arbeitstätigkeit begonnen: Erst als alternatives Transportmittel für den Rückweg nach dem Dienst folgten bald eine längere Tour an die kroatische Küste und das erste 24-Stunden-Rennen: „Ich wollte wissen, wie lange ich fahren kann. 21 Stunden und 411 Kilometer sind es beim ersten Versuch geworden.“

Dass er in Folge seiner Höreinbußen die Autos hinter sich nicht hören konnte, wurde im Straßenverkehr mitunter zum Problem. Der innovative Rad-Fan hat sich mit zwei Rückspiegeln geholfen. Rechts und links seitlich weit ausladend von der Lenkstange, geben Sie ihm ein Bild davon, was sich hinter ihm abspielt. Die Fahrer der nachkommenden Autos hat er mit einem großen Schwerhörigensymbol am Rücken seines Radtrikots gewarnt. An besonders kritischen Passagen ist er trotzdem auf den Gehsteig ausgewichen, soweit möglich.

Wirkliche Abhilfe brachte erst sein Cochlea Implantat. Über 1500 Kilometer ist er nun schon damit geradelt. „Jetzt höre ich wieder das Klackern, wenn beim Schalten die Kette auf das nächste Zahnrad rutscht. Ich höre die Kinder hinterm Haus jubeln und die Vögel zwitschern. Ich hör‘, wenn ich durch einen Laubhaufen fahre. Und ich hör‘ das Wasser spritzen, wenn ich durch eine Lacke fahre. Von den Autos reden wir gar nicht!“, sein Lachen wirkt erleichtert.

Die Runde mit den RONDOS

Mittlerweile beidseits implantiert, plant Max Sailer für den heurigen Sommer eine Radrundreise: Von seinem Wohnort in der Nähe von Gleisdorf soll es über Graz, Salzburg, München, Hannover, Bremen und Hamburg bis nach Cuxhaven gehen. „Ich will die Nordsee rauschen hören!“ Die Rückfahrt wird ihn unter anderem über Straßburg, Bregenz, Starnberger See, Innsbruck, Villach, Klagenfurt und Marburg führen.

„Den Michel in Hamburg schau ich mir schon an“, doch sonst will der Rad-Fan vorwiegend die Landschaft genießen und das Gefühl, an den Pedalen seine eigenen Grenzen auszuloten. Einige Stopps plant er trotzdem ein: Der begeisterte RONDO 3-Nutzer möchte unterwegs verschiedene CI-Zentren besuchen und möglichst auch CI-Nutzer und -Kandidaten treffen. CIA wird ihn medial begleiten: Voraussichtlich ab 31. Mai werden auf der CIA Facebook-Seite die aktuellen Reisefotos zu sehen sein.

Ausgestattet mit zwei Cochlea Implantaten möchte der Steirer Max Sailer demnächst bis zur Nordsee radeln.

„Auf Reisen habe ich die besten Erlebnisse!“

„Am Pfingstsonntag 2018 der einzige Trottel, der am Donauradweg in Richtung Norden nach Passau fährt, wenn alle anderen nach Süden fahren“, beschreibt sich Max Sailer lachend auf seiner ersten großen Rad-Rundreise. Davor war er schon von der Steiermark nach Rovinj an der kroatischen Küste geradelt und hatte mehrfach am 24-Stunden-Rennen und an der Tour-de-Muhr teilgenommen. 2019 eine Mittelmeer-Radreise bis Dubrovnik, Bari, Pisa und Ravenna war seine letzte große Radreise vor der Pandemie, damals mit Teilstrecken via Fähre und Zug.

Die Sehenswürdigkeiten interessieren den Langstreckenradler unterwegs wenig; er genießt neben dem sportlichen Erlebnis Landschaft und Natur.

Begegnungen, die Mut machen

Wenn er erzählt, dann aber vorwiegend von Begegnungen mit den Menschen unterwegs. „In Rovinj ist an der Kasse ein Mann gestanden in kurzen Hosen, mit zwei Federprothesen an den Beinen und verkrüppelten Händen. Da habe ich mir gedacht: Maxi, was ist dein Hörproblem da schon?! Der hat mit seinem Lächeln damals mein Leben verändert.“

Unterstützt hat diesen Eindruck eine weitere Begegnung in der FKK-Anlage des Küstenorts. Eine brustamputierte Frau, die ihre Narbe nicht versteckte: „Ich brauche mich nicht zu schämen – ich habe ja nichts angestellt.“

Aber auch die Hilfsbereitschaft, der er unterwegs immer wieder begegnet, berührt den kontaktfreudigen Pensionisten noch bei der Erinnerung. Er wischt verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel, während ein Lächeln über seine Lippen huscht.

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