Mit Cochlea-Implantat in der Integrationsklasse zur Matura
Sie hören mit Cochlea-Implantaten und sind mehrsprachig aufgewachsen: Im Frühling 2025 maturierten Sara Düzgün und Stefan Gavrilović erfolgreich am ORG Anton-Krieger-Gasse in Wien.

©Eva Kohl
Wiese, Bäume, Kinderspielgeräte und einige Sitzbänke – der 1,2 Hektar große Margarethe-Ottillinger-Park liegt unweit des Einkaufszentrums Riverside im locker verbauten Teil des 23. Wiener Bezirks. Am Rand an einem Tisch beugen sich zwei Köpfe über einen geöffneten Laptop. Sara Düzgün und Stefan Gavrilović durchsuchen das Internet nach Studieninformationen. Wenn sie ihre Köpfe heben, sehen sie die angrenzenden Mauern des Oberstufenrealgymnasiums Anton-Krieger-Gasse, wo beide wenige Wochen zuvor erfolgreich maturierten.
„Endlich!“, erinnert sich Düzgün an den Moment, als sie ihr Maturazeugnis in Händen hielt. Die junge Frau mit dem fröhlichen Lockenkopf absolvierte gleich am ersten Maturatag im Frühling 2025 alle Prüfungsteile. Die Zeugnisse gab es, als auch die letzte Maturaprüfung an der Schule abgeschlossen war.
Klassenkollege Gavrilović hat an dem windigen Septembertag den Zipp seiner dunklen Jacke bis zum Hals hochgezogen. „Ich habe in dem Moment auch gedacht: Was will ich jetzt eigentlich machen?“, ergänzt er. „Bis zu diesem Tag hatten wir ja ein klares Ziel vor Augen: die Matura zu schaffen.“ Während der Schuljahre stand der nun 21-Jährige aber auch vor persönlichen Herausforderungen.
Vom Glück, aufmerksame Eltern zu haben

Stefan Gavrilović warnt vor falscher Scham und ermutigt: „Viele Menschen sind sehr hilfreich, wenn sie das CI sehen, und sehen, dass wir nicht so gut hören können.“ ©Eva Kohl
Als Stefan Gavrilović 2004 in Serbien geboren wurde, gab es dort noch kein flächendeckendes Neugeborenen-Hörscreening. Seine Mutter bemerkte jedoch früh, dass er auf Geräusche nicht reagierte. Zahlreiche Untersuchungen waren nötig: Es dauerte doch Monate und Jahre, bis er ein Cochlea-Implantat, kurz: CI, am linken Ohr erhielt. Jahre ohne Hörvermögen, in denen für den Burschen wertvolle Zeit für die Sprachentwicklung verloren ging. Dank des Engagements seiner Eltern und intensiver logopädischer Betreuung holte er jedoch auf und absolvierte Kindergarten und Volksschule erfolgreich im Regelschulsystem.
2016 aber übersiedelte die Familie nach Österreich. In den Sommerferien besuchte der Schüler einen Deutschkurs, im September startete er an eine Wiener Sportmittelschule. Nun war plötzlich Deutsch seine ständige Unterrichtssprache. Viele Kinder und Jugendliche lernen eine Sprache rasch, wenn sie den ganzen Tag davon umgeben sind. Doch mit einer Höreinschränkungen ist das ungleich schwieriger.
Normalhörende nehmen neue Begriffe und Redewendungen oft beiläufig auf. Hören sie ein Wort häufiger, bleibt es im Gedächtnis. Mit Höreinschränkung erfordert das Unterscheiden von Lauten und Wörtern aber Konzentration. Ein beiläufiges Mithören ist kaum möglich. Stefan Gavrilović meisterte den Schulwechsel zwar beachtlich gut, doch im Deutschunterricht hinkten seine Ergebnisse jenen der Gleichaltrigen hinterher. Die stundenweise Unterstützung durch eine mobile Schwerhörigenlehrerin reichte nicht. Schließlich empfahl der Schuldirektor einen Wechsel an das Bundesinstitut für Gehörlosenbildung, kurz: BiG.

Sara Düzgün möchte alle mit CI ermutigen, den geschützten Bereich bewusst zu verlassen „Bleibt nicht nur unter euch! Traut euch viel mehr zu!“ ©Eva Kohl
Mit CI und mehreren Familiensprachen ins Leben gestartet
Auch Sara Düzgün, spätere Klassenkollegin von Stefan Gavrilović, wurde ohne Hörvermögen geboren. In Wien wurde das beim Neugeborenen-Hörscreening kurz nach der Geburt erkannt: Mit nur einem Jahr bekam sie ihr erstes CI, acht Monate später erfolgte die Implantation der zweiten Seite.
Dank der frühen, beidseitigen Implantationen konnte Sara bald gut hören: Zuerst ihre Eltern, die zuhause meist türkisch miteinander sprechen, die Mutter manchmal auch kurdisch. Mit Sara sprach die Familie von Anfang an Deutsch. So wuchs sie ab der Aktivierung ihres ersten CIs mehrsprachig auf. „Türkisch kann ich zwar nicht sprechen. Aber wenn meine Eltern über mich reden, verstehe ich das“, schmunzelt sie. Dafür spricht, schreibt und versteht sie heute Englisch und Spanisch – das lernte sie an der Schule.
Sara besuchte keinen gewöhnlichen Kindergarten: Trotz der längeren Anfahrt aus dem zehnten Bezirk entschieden sich ihre Eltern für das Sonderpädagogische Zentrum BiG, wo die PädagogInnen viel Erfahrung mit CI-Kindern haben. Mit der Einschulung wechselte das Mädchen an eine Expositur des BiG: Eine Regelschule, die in Zusammenarbeit mit dem BiG Integrationsklassen für hörende und hörbeeinträchtigte Kinder führt. Nachmittags besuchte sie vorerst weiterhin im BiG die dortige Nachmittagsbetreuung. „Dort habe ich auch Gebärdensprache gelernt. Aber ich habe die nie wo gebraucht – da vergisst man sie dann schnell wieder.“
Pädagogische Kompetenz für SchülerInnen mit und ohne CI
Das BiG, Bundesinstitut für Gehörlosenbildung, ist ein pädagogisches Kompetenzzentrum für hörbeeinträchtigte, gehörlose und hörende Kinder sowie für Kinder mit Auditiven Verarbeitungsstörungen, kurz: AVWS – von der Frühförderung bis zum Schulabschluss. Es bietet maßgeschneiderte Förderung in inklusiven Klassen ebenso wie in Kleingruppen-Klassen. Unterrichtet wird in deutscher Lautsprache, in Österreichischer Gebärdensprache ÖGS oder bimodal: in beiden parallel. Die PädagogInnen des BiG verfügen über langjährige Erfahrung mit den Bedürfnissen betroffener Kinder, mit pädagogischen und mit technischen Hilfen.
Auch Stefan Gavrilović kam ans BiG. „Dort habe ich erstmals andere Kinder mit CIs kennengelernt“, erzählt er. Trotzdem habe er sich einsam gefühlt: „Weil ich die Gebärdensprache nicht kann. Mit manchen Kindern am BiG konnte ich einfach nicht anders kommunizieren.“ Schließlich wechselte er erneut: in eine BiG-Expositurklasse an der Mittelschule Anton-Krieger-Gasse.
Expositurklassen sind organisatorisch einer Schule zugeordnet, physisch aber an einer anderen Schule untergebracht. Das pädagogische Team dieser Klassen besteht aus Lehrenden beider Schulen. An der Expositur in der Anton-Krieger-Gasse kam Stefan Gavrilović in die Klasse, die auch Sara Düzgün besuchte – erst an der Mittelschule und dann am Oberstufenrealgymnasium, wo beide erfolgreich maturierten.
Regelschule oder Integrationsklasse – was nun?
In manchen Regionen entscheidet die Länge des Schulwegs über die Schulwahl. Andernorts stehen verschiedene Unterrichtsformen wohnortnahe zur Verfügung. Für Familien mit CI-Kindern bleibt die Suche nach der passenden Schulform oft trotzdem heraufordernd. Stefan Gavrilović und Sara Düzgün haben Erfahrungen mit unterschiedlichen Schultypen gesammelt: „Man muss wissen, wieviel Unterstützung man brauchen wird – und was realistisch gesehen an einer Schule möglich ist.“
In Hörintegrationsklassen werden bis zu sechs hörbeeinträchtigte Kinder gemeinsam mit normalhörenden SchülerInnen unterrichtet. Die Betreuungsstunden dieser sechs SchülerInnen werden zusammengefasst: So profitieren sie von insgesamt mehr Betreuungsstunden als ein/e einzelne/r IntegrationsschülerIn. Bei Sara, Stefan und ihren vier hörbeeinträchtigten KlassenkollegInnen an der Unterstufe war ständig eine Integrationslehrerin im Unterricht dabei. An der Oberstufe sank die Zahl der IntegrationsschülerInnen in der Klasse und damit auch die Zahl der Betreuungsstunden. Die Integrationslehrerin kam in jenen Fächer dazu, in denen sprachliche Unterstützung besonders wichtig war; oder zum Wiederholen nach dem Unterricht.
Mobile Integrationslehrkräfte können auch für einzelne SchülerInnen mit Höreinschränkung an Regelschulen angefordert werden. „Aber die Lehrkraft muss dann halt immer erst an die Schule kommen“, gibt Sara Düzgün zu bedenken. Sie empfiehlt: „Wenn man mehr Unterstützung braucht, sollte man besser an eine Kooperationsschule gehen.“
Nachteilsausgleich gilt bei allen Schultypen!

Sara Düzgün und Stefan Gavrilović, beide nutzen CIs, haben erfolgreich am Oberstufenrealgymnasium Anton-Krieger-Gasse maturiert. ©Eva Kohl
Bei Leistungsüberprüfungen im Fremdsprachenunterricht sollte die Überprüfung des Hörverständnisses bei hörbeeinträchtigten SchülerInnen durch eine Überprüfung des Leseverständnisses ersetzt werden. „Darum haben sich unsere IntegrationslehrerInnen gekümmert“, bestätigen Stefan Gavrilović und Sara Düzgün. Mehr Zeit bei den schriftlichen Prüfungen war dagegen manchmal schwer realisierbar: „Zehn Minuten, ja. Aber bei einer dreistündigen Schularbeit…“ Eine umfangreichere Verlängerung kollidiert bei SchülerIn und Lehrkraft häufig mit dem weiteren Unterricht, doch Düzgün und Gavrilović haben es auch im möglichen Zeitrahmen gemeistert.
„Ohne die Technik hätten wir die Schule trotzdem nicht so gut geschafft“, räumt Gavrilović ein. Am BiG und an dessen Kooperationsschulen stehen technischen Hilfsmitteln wie FM- und Beschallungsanlage bereit. Sie bringen die Stimme der Lehrkraft virtuell zum Ohr der SchülerInnen. Damit erleichtern sie das Sprachverstehen, die Lernenden können ihre Konzentration auf den Lehrstoff fokussieren. Sogar auf einem akustisch ungünstigen Sitzplatz, wie Gavrilović ihn bevorzugte: „Solange ich gute Noten hatte, war ich lieber ganz hinten, weil ich nicht so viel Aufmerksamkeit wollte. Erst ab dem zweiten Semester der siebten Klasse habe ich die nahende Matura gespürt. Deswegen habe ich mich dann doch nach vorne gesetzt.“
Mit oder ohne CI: Schule ist für alle Kinder fordernd
Kinder und Jugendliche durchlaufen weitreichende persönliche Entwicklungsprozesse und sollen dabei an der Schule möglichst viel Wissen aufnehmen und Fertigkeiten erwerben. Das ist nicht nur für CI-Kinder anstrengend. Deswegen rät Stefan Gavrilović: „Sie sollen einfach vergessen, dass sie CIs haben, und sich einfach an die Umgebung anpassen.“ Vor falscher Scham warnt er und ermutigt: „Viele Menschen sind sehr hilfreich, wenn sie das CI sehen, und sehen, dass wir nicht so gut hören können.“
Auch Sara Düzgün möchte alle Kinder und Jugendlichen mit CI ermutigen, den geschützten Bereich bewusst zu verlassen und Freundschaften auch mit normalhörenden Gleichaltrigen zu pflegen: „Bleibt nicht nur unter euch! Traut euch viel mehr zu!“
Für die beiden jungen Erwachsenen, die im Juni 2025 am Oberstufenrealgymnasium in der Anton-Krieger-Gasse erfolgreich maturiert haben, hat mittlerweile ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Der eine hat sich für eine Fachhochschulausbildung zum Krankenpfleger entschlossen, die andere möchte vor einer Studienentscheidung erst die Arbeitswelt kennenlernen. Beide blicken den kommenden Jahren jedenfalls gespannt, aber zuversichtlich und hoch motiviert entgegen.

Leben mit hoerverlust.at
Alles auf einen Klick! hoerverlust.at bietet Betroffenen und Angehörigen umfassende Informationen und Kontaktmöglichkeiten zu allen Bereichen, die Sie auf dem Weg zum Hören benötigen. Mehr zum informativen Wegbegleiter vom ersten Verdacht bis zur optimalen Versorgung finden Sie hier!

ZENTRUM HÖREN
Beratung, Service & Rehabilitation – für zufriedene Kunden und erfolgreiche Nutzer! Mehr zum umfassenden Angebot und engagierten Team des MED-EL Kundenzentrum finden Sie hier!





