Inklusive Architektur für Menschen mit und ohne Höreinschränkung
Inklusion braucht guten Willen und geeignete Gegebenheiten: Dazu gehören auch barrierefreie oder -arme Gebäude und Räumlichkeiten, auch für hörbeeinträchtigte Personen. Vorträge, Ergänzungen und deren Einordnung.
Eva Kohl

©Adobe Stock
Die Universität für Architektur in Istanbul im April 2025: In den Fluren konnten Vorübergehende die Entwürfe der Studierenden bestaunen, zum Beispiel zu städtischer Architektur, die das nachbarschaftliche Miteinander fördern soll. Im Vortragsraum tagte die EURO-CIU: Wenig überraschend, thematisierten dabei auch UniversitätsmitarbeiterInnen Klangdesign und barrierefreie Architektur für hörbeeinträchtigte Personen.
Entsprechend einer Mikrozensuserhebung im Auftrag des österreichischen Parlaments sind 6,7 Prozent der ÖsterreicherInnen bewegungseingeschränkt und 6,4 Prozent hörbeeinträchtigt. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist sehbeeinträchtigt, doch bei neun von zehn Betroffenen kann das zum Beispiel eine Brille gut ausgleichen. Beidseits vollständig taub sind mehr als doppelt so viele Personen wie vollständig blind – wobei Angehörige der Gebärdengemeinschaft und NutzerInnen von Cochlea-Implantaten, kurz: CI, gemeinsam gezählt werden. Hinzu kommen Personen mit kognitiven oder psychischen Behinderungen, die in der Erhebung nicht erfasst wurden.
Mit diesen Zahlen im Hintergrund wirkt es absurd, bauliche Barrierefreiheit großteils aus der Perspektive von Mobilitätseinschränkung zu denken. Für Sehbeeinträchtigte braucht es zum Beispiel akustische Signale, Beschriftungen in Brailleschrift und haptische Leitstreifen. Bei Hörbeeinträchtigten geht es um freien und unverzögerten Informationszugang und um störungsfreie Möglichkeit zur Kommunikation. Dazu stellten Vortragende der Universität für Architektur Istanbul bei den Vorträgen am Symposium der EURO-CIU das Konzept DeafSpace vor: als Vorzeigemodel barrierefreier Architektur, die sie auch als mögliches Konzept für CI-NutzerInnen vorschlugen – mit dem Hinweis, dass auch normalhörende Personen von den Effekten profitieren könnten.
Raumakustik in Zahlen
T=k*(V/A), wobei A= ∑Sα+4mV und weiter T=k*V/(4mV-S*ln(1-α): Der Vortrag über Raumakustik wird den Teilnehmenden dank seiner vielen Zahlen und Formeln in Erinnerung bleiben. T steht für die sogenannte Nachhallzeit. Die Formeln sollten uns die Abhängigkeit dieser Kennzahl von Absorptionsgrad, Schalldämpfung und Flächenmaß der Wände sowie vom Raumvolumen zeigen.
Trifft Schall auf eine Wand, wird er teils absorbiert und teils reflektiert. Je härter und glatter die Wand, desto mehr wird reflektiert – wie Licht beim Spiegel. Wenn eine Schallquelle plötzlich verstummt, sind die Reflexionen noch einige Zeit lang im Raum zu hören. Die Nachhallzeit T60 ist jene Zeit, in welcher der Schall im Raum dann auf ein Tausendstel abfällt, also um 60 Dezibel leiser wird.
Bei Musik klingen Nachhallzeiten von 1,5 bis 3 Sekunden angenehm, für lautsprachliche Kommunikation wünschen wir uns Nachhallzeiten von 0,6 bis 0,8 Sekunden. Bei mehr Nachhall wird das Verstehen schwierig. Hörbeeinträchtigte profitieren von noch kürzeren Nachhallzeiten. Doch sind diese besonders kurz, erscheinen die Stimmen schwach und die Sprechenden müssen sich übermäßig anstrengen. Für akustisch barrierefreien Bau sollten ArchitektInnen daher Material und Raumdimensionen für Nachhallzeiten zwischen 0,48 und 0,64 Sekunden dimensionieren.
Zur Nachhallzeit und der dafür nötigen Dämpfung kommt noch die Dämmung gegen das Eindringen von Störgeräuschen von außen oder aus Nebenräumen.
Sehen und gesehen werden

Für entspannte auditive Kommunikation in einem Raum ist Balance wichtig: Gute Sicht, keine Störschallquellen oder übermäßig Reflexionen an großen Flächen. ©Adobe Stock
Wer zur Kommunikation genau sehen muss, braucht gutes Licht. Dabei geht es um die optimale Position der Fenster, die möglichst lange Tageslicht im Raum gewährleisten. Es geht aber auch um die Möglichkeit zur Abschattung, um Blenden zu vermeiden. Wo das Tageslicht nicht reicht, unterstützen ausreichend und durchdacht positionierte Beleuchtungskörper: DeafSpace fordert dafür weiches Licht, um die Augen während der visuell aufgenommenen Sprache nicht zu ermüden: Weiches Licht mit 2700 bis 3000 Kelvin ist noch sanfter als warmes Licht mit 3000 bis 3500 Kelvin. Im Vergleich: neutrales Licht bietet 3500 bis 4500 Kelvin, kaltes Licht über 4500 Kelvin – was auch ein Maß für den höheren Blau-Anteil ist. Auch wenn blaues, kaltes Licht der natürlichen Morgensonne am nächsten kommt, ist es für die Netzhaut des Auges anstrengend. Bei längerer Exposition soll es sogar zu Sehstörungen führen.
DeafSpace geht aber über die Lichtverhältnisse hinaus: Eine Vortragende zeigte den Mitgliedern der EURO-CIU architektonische Skizzen, auf denen Personen auf unterschiedlichen Raumebenen einander doch sehen können. Stellen Sie sich vor, eine andere Person betritt scheinbar lautlos hinter Ihnen den Raum und plötzlich steht sie direkt neben Ihnen: Wer erschrickt da nicht? Oder der/die hungrige PartnerIn murrt, weil er/sie nicht hört, dass Sie längst mit den Kochtöpfen klappern – geschweige denn eine Kommunikation während des Kochens, wenn Kommunikation visuelle Unterstützung braucht. Offene Räumlichkeiten oder Glaswände ermöglichen bei DeafSpace freie Sicht, statt Stiegen oder Funktionsräume durch gemauerte Wände abzutrennen.
Freier Blick auf das Gesicht des/der GesprächspartnerIn, gute Lichtverhältnisse sowie eine Farbgebung, welche hautfarbene Strukturen hervorhebt – all das ist auch für das Ablesen der Lippen hilfreich. Für alle, die sich auf ihre auditive Wahrnehmung nicht 100-prozentig verlassen wollen oder denen sie zusätzliche Konzentration abverlangt, ist jeglicher Sichtkontakt hilfreich. Für entspannte auditive Kommunikation in einem Raum ist aber eine Balance wichtig: Sicht auf alle Geschehnisse, aber ohne zusätzliche Störschallquellen in den Raum zu nehmen oder übermäßig Reflexionen an großen Glasflächen zu schaffen. Im Sinne aller, die gerne auditiv kommunizieren.
Technik hilft – und sollte mitgeplant werden
Auch wenn sie im Konzept DeafSpace nicht genannt werden, wurden technische Hilfsmittel beim Symposium zumindest erwähnt: FM- und Induktionsanlagen, Beschallungssysteme und ähnliche Technik können Schall gezielt übertragen und damit für verbesserte Akustik und einfachere Kommunikation sorgen. Sind feste Anlagen in der Raumausstattung enthalten, ersparen sich Betroffene die Mitnahme jeweils eigener, mobiler Systeme. Auch im öffentlichen Raum, wenn KundInnen und PassantInnen mittels Durchsagen informiert werden sollen, bewähren sich unterstützende Technik und alternative Info-Angebote.
Eigentlich einfach und klar, aber trotzdem oft vergessen: Für hochgradig schwerhörige und taube Personen sollte ein zusätzliches Blitzlicht beim Feueralarm selbstverständlich sein; Hotelzimmer und Wohnbau sollten für hochgradig schwerhörige und taube Personen auch über optische Türglocken verfügen.
DeafSpace
Ein Architekturkonzept primär für Gehörlose
Das Architekturkonzept DeafSpace wurde ab 2005 von Architekt Hansel Baumann im Auftrag der Gallaudet University entwickelt. Gaullaudet in Washington DC/USA ist die weltweit einzige Universität für Gehörlose. Die Vortragenden unterrichten dort in Schrift- und Gebärdensprache. DeafSpace sollte dafür optimale bauliche Gegebenheiten schaffen.
Im Deutschen rangiert der medizinische Begriff taub von vollständig taub bis funktional taub, wenn das Resthörvermögen nicht für verbal-auditive Kommunikation genügt. Das englische deaf klingt ähnlich wie taub und schließt dieses mit ein, meint aber alle Grade einer Höreinschränkung – angefangen bei leichten Höreinbußen.
Die Schwerpunkte des DeafSpace
„Es wäre mit Sicherheit das Ende des rechteckigen Tisches“, postulierten 2019 die Autoren des Deaf Studies Digital Journal Entwürfe gehörloser Architekten: „Alle Tische rund, damit die Menschen mit allen Anwesenden interagieren können.“ Neben Tischkreisen statt Stuhlreihen, dachten sie besonders an gute Beleuchtung.
Tatsächlich umfasst das Konzept fünf Bereiche, frei übersetzt:

Die Gaullaudet University in Washington DC/USA ist die weltweit einzige Universität für Gehörlose. ©Adobe Stock
- Sensorische Bereicherung: für Raumorientierung über Vibration und – teils subtile – optische Eindrücke
- Raum für Gespräch: großflächige Räume für viel Abstand beim Gespräch, damit alle den Gebärdenraum – Kopf und Oberkörper – aller anderen im Blick haben.
- Raum für Mobilität: großzügige Mobilitätsflächen, um diesen Sichtkontakt – und damit gebärdete Gespräche – auch beim Gehen zu ermöglichen.
- Licht und Farbgebung: weiches, diffuses Licht gegen Ermüdung der Augen; Farben mit viel Kontrast zur Haut – um Mimik und Hände zu betonen.
- Akustik: reduzierte Hintergrundgeräusche und minimierter Nachhall erleichtern resthörigen Personen die Wahrnehmung hilfreicher Umgebungsgeräusche.
Auch für NutzerInnen von Cochlea-Implantaten und für andere Schwerhörige können sensorische Eindrücke angenehm sein, gute Sichtverhältnisse und vor allem gute Raumakustik sind jedenfalls hilfreich.
Die Bedürfnisse mit CI sind trotzdem andere!
Die bei DeafSpace gestellten Raumforderungen sind für gebärdensprachliche Kommunikation hilfreich, für auditive Kommunikation scheinen sie überbordend. Dafür vernachlässigt das Konzept technische Hilfsmittel zur Schallübermittlung oder Beschallung: Dafür ist bei Vorträgen in Gebärdensprache kein Bedarf – bei barrierearmer Architektur für auditiv kommunizierende CI-NutzerInnen und andere Schwerhörige aber sehr wohl!
DeafSpace ist schon per Definition kein Barrierefrei-Konzept für CI-NutzerInnen, auch wenn sie und andere Schwerhörige von einigen Aspekten des DeafSpace profitieren.

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