Ein Abschied, den alle verstehen
Wenn beim Begräbnis Trauergäste oder Angehörige den Nachruf oder die Predigt nicht verstehen, wird der letzter Abschied einsam und noch schmerzlicher. Dabei lässt sich viel dafür tun, dass alle Trauergäste an der Zeremonie teilhaben können, auch mit Höreinschränkungen.
Eva Kohl

©Adobe Stock
Der Todesfall eines langjährigen CIA-Mitglieds. Beim Begräbnis versammelten sich auch Mitglieder von CIA, hörbeeinträchtigte Angehörige und weitere hörbeeinträchtigte Trauergäste in der alten Verabschiedungshalle. Wenig später lief die WhatsApp-Gruppe von CIA heiß: „Habt ihr auch nichts verstanden?“ Die Leitung der regionalen CIA-Gruppe machte die Friedhofsverwaltung auf den Missstand aufmerksam. Auf Antwort wartet die Gruppe seit über einem Jahr.
Szenenwechsel nach Wien. Im März 2023 wurde die Erweiterung des Krematoriums Simmering eröffnet. Der Verabschiedungsraum ist für 80 bis 100 Personen konzipiert und modern ausgestattet. Er wurde „wie das Foyer mit Akustikputz belegt“, so die Baufirma. „Aufgeschäumtes Material, das alles schluckt“, klagt Nachrufsprecher Mag. Thomas Jahn: „Akustisch der reinste Wahnsinn.“
Akustikputz absorbiert Luftschall. Das verbessert die Akustik in großen Räumen mit hohem Lärmpegel: zum Beispiel in Restaurants oder großen Speisesälen. Die Kommunikationspartner sitzen dort nahe beisammen. In Vortragsräumen sitzt die Zuhörerschaft aber oft weit von den Sprechenden entfernt. Akustikputz dämpft die Reflexionen der Nebengeräusche und des Vortrags gleichermaßen: In Folge muss der oder die Redner:in übermäßig laut sprechen, die hinteren Zuhörerreihen sind oft nur mit Tontechnik erreichbar.
Verstehen setzt verständliche Sprache voraus
Jahn hat das erste Begräbnis in der neuen Verabschiedungshalle geleitet: „140 Trauergäste. Das Rednerpult ist mit kurzem Schwanenhals-Mikrofon ausgestattet und nimmt den Ton in Höhe meines Brustbeins auf. Je weiter weg die Kapsel des Mikrofons, umso schlechter aber der Klang. Der Arrangeur muss die Lautstärke in einem Nebenraum regeln: Er hört dabei nicht, wie das bei den Trauergästen tatsächlich klingt.“ Besonders schwierig ist das bei privaten Musikaufnahmen der Angehörigen, die oft nicht gepegelt sind.
Aber auch bei der Justierung der Mikrofone gibt es Probleme: „Der Regler zur Einstellung der Mikrofonempfindlichkeit ist unzugänglich, hinter einer Plexiglasscheibe – damit Unbedarfte nichts verstellen können. Und das Rednerpult steht fürchterlich weit vom Sarg entfernt: Wer mich bei der Rede anschauen will, für den ist das steife Genick durch Kopfverdrehung inklusive.“
Als Grabredner leitet Thomas Jahn bei konfessionslosen Begräbnissen die Verabschiedung, bei konfessionellen Begräbnissen spricht er den Nachruf: Weil manche Familien sich neben der eigentlichen Predigt ausreichend Zeit für den Nachruf wünschen. Andere sagen: „Wir haben zwar einen netten Pfarrer in der Gemeinde, der aber undeutlich spricht oder nicht gut Deutsch spricht“, erzählt Jahn. Geistliche sind in erster Linie Seelsorger, deutliche Sprache ist da nicht das erste Kriterium. Bei einem solchen Anlass sei Verständlichkeit des Gesagten aber: „eine unabdingliche Notwendigkeit für Gäste, die schlecht hören“, so Jahn.
Akustische Herausforderungen bei Begräbnissen
„Die wenigsten Verabschiedungshallen sind nach den Maßgaben der Akustik gestaltet“, so Jahn. Vorrang hätten die Positionierung von Aufbahrungsgegenständen und Sitzplätzen sowie ein freier Gang für die Sargträger. Tontechnik sei – wenn überhaupt – oft nachträglich eingebaut, vielfach veraltet und nicht professionell eingestellt. Vielen Mitarbeiter:innen von Bestattungsinstituten fehle auch akustisches Know-how: „Da wird oft mehr darauf geachtet, dass es nicht zu laut für die gut hörenden Angehörigen aus dem Lautsprecher schallt.“ Andere Möglichkeiten, für klare Akustik zu sorgen, seien den Bestattungsmitarbeiter:innen oft unbekannt.
Noch schwieriger sei die Situation bei Verabschiedungsräumen ohne fixe Tonanlage: „Wenn überhaupt, begleitet der Bestatter das Begräbnis dann oft mit einer einzigen tragbaren Lautsprecherbox.“ Wenn bei großen Trauergesellschaften ein Teil vor der Tür steht, muss der Bestatter wählen: entweder die Trauergäste im Inneren oder jene am Vorplatz beschallen.
Herausfordernd ist auch der Freiluftteil der Zeremonie. Je nach Bundesland liegt der Anteil der Einäscherungen bei 40 bis 90 Prozent aller Beisetzungen, ein Teil davon als Waldbegräbnis: „Dort rascheln im Herbst auch noch die Blätter, der Wind pfeift ins Hörgerät und die Teilnehmenden müssen weitflächig gestreut stehen“, beschreibt Jahn die Situation. Die akustische Planung eines Begräbnisses beginne daher mit der Wahl der Aufbahrungshalle und der Grabstätte.
Gute Akustik beginnt mit der Wahl des Ortes
„Meine typischen Auftraggeber:innen sind zwischen 55 und 65 Jahre alt“, erzählt Thomas Jahn. „und haben mitunter vor dreißig oder vierzig Jahren das letzte Mal ein Begräbnis miterlebt. Seither hat sich viel verändert.“ Er schmunzelt: „Auch das Hörvermögen meiner Auftraggeber:innen und der anderen Angehörigen.“ Deswegen sei auf größeren Friedhöfen schon die Wahl des Verabschiedungsraums wichtig: „Deckenlautsprecher im ganzen Raum sind optimal – da hört jeder überall gleich gut.“
Den Bestatter sollte man vorab über die Zahl der Trauergäste und erwünschtes Equipment informieren: „Viele Bestattungen haben nicht einmal Mikrofonständer standardmäßig dabei.“ Unflexible Bestatter kann man meiden: In Österreich kann man den Bestatter seit 2002 frei wählen! Wenn sich aber im letzten Moment herausstellt, dass ein zweiter Lautsprecher oder eine persönliche Hilfestellung nötig wäre, die nicht im Vertrag enthalten ist? Jahn zwinkert: „Die guten Bestatter versuchen hier zu helfen. Beim Reden kommen d‘Leut zam.“
„Aufbahrungshallen füllen sich aus falsch verstandener Pietät meist von hinten.“
Kommen Trauergäste sehr knapp zur Verabschiedung, finden sie meist nur noch in der zweiten Reihe Platz. Für hörbeeinträchtigte Personen ein Glück, doch Angehörige sollten das nicht dem Zufall überlassen: „Wenn ich weiß, dass schwerhöre Trauergäste kommen werden, bitte ich diese schon in der Einladung, sich in die zweite Reihe zu setzen.“ Während in manchen Kirchen Induktionsanlagen verfügbar sind, kann man in Friedhofshallen nicht damit rechnen – mobile Anlagen sind möglich, wenn die Angehörigen sich um deren – kurzfristige und sturzsichere – Verlegung kümmern.
Auch den/die Begräbnisleiter:in sollte man vorab auf schlecht hörende Trauergäste und auf die verfügbare und erwünschte Tontechnik vorbereiten. Nicht nur dazu ist es sinnvoll, sich rechtzeitig zu erkundigen, wer das Begräbnis leiten und den Nachruf halten wird. „30 Minuten vor Beginn der Verabschiedung rettest du nichts mehr.“ In der Verabschiedungshalle sollte man den Sektor, der für Personen mit Hörproblem reserviert oder mit Induktion ausgestattet ist, mit Kärtchen kennzeichnen. Wenn er ein Begräbnis leitet, schafft Jahn zusätzlich Verständnis dafür: „Ich erwähne in meiner Rede ja auch die Fußballfreunde oder die Freiwillige Feuerwehr – und genauso die Freunde vom Schwerhörigen-Verein oder vom Implantat-Verein. Das sorgt auch für Verständnis bei den Gästen.“
„In den Wegen zum Grab hätten meist zwei oder drei Personen nebeneinander Platz. Trotzdem stehen die Leute oft einzeln hintereinander. Die hintersten Personen hören nicht mehr, was vorne passiert – und beginnen zu tratschen. Dann hören die hinteren Zwanzig die Tratscher lauter als den Redner ganz vorne.“ Jahn ermutigt zu eng stehenden Menschentrauben beim Grab und schmunzelt: „Kuscheln ist am Friedhof okay!“, und: „Wir sind ja nicht beim Billa an der Kassa.“
Visuelle Unterstützung ist möglich
Von Vorträgen und Konferenzen kennen wir sie: die Gebärden- und Schriftdolmetscher:innen. Aber beim Begräbnis? „Da war ich bisher noch nie im Einsatz“, sagt Gudrun Amtmann: „Aber es wäre gut machbar!“ Schließlich hat sie als Schriftdolmetscherin auch Gottesdienst- und Freiluft-Erfahrung. Dank Schriftdolmetsch-Plattform können die „Live-Untertitel“ entweder auf einem großen Bildschirm dargestellt werden, oder die Nutzer:innen lesen am eigenen Smartphone oder Tablet mit. Letzteres würde auch beim Grab oder am Urnenfeld funktionieren.

Gudrun Amtmann ist von dessen Beginn an auch beim Schriftdolmetsch-Service trans.SCRIPT Austria des Österreichischen Schwerhörigenbundes aktiv. www.transscript.at ©Martin Lusser
Begräbnistermine sind kurzfristig, doch dank großer Schriftdolmetsch-Teams trotzdem organisierbar. Außer einem Bildschirm bringt Amtmann das Equipment selbst mit: inklusive einer besonders leisen Tastatur zum Schreiben, eines Hockers für den Friedhof – und bei Regen auch eines großen Schirms. „Nur bei Minusgraden wird´s schwierig“, da würde sie einen Remote-Einsatz vorziehen: Tonübertragung zu ihr, Schriftübertragung retour. Die Kosten werden bei privaten Anlässen vom Sozialministeriumservice zwar nicht übernommen, andere Förderungen zu beantragen sei aber nicht ganz aussichtslos: „Und ich versuche auch einen günstigen Tarif anzubieten.“
Thomas Jahn hat bisher noch nie mit einer Schriftdolmetscherin zusammengearbeitet, aber mit einer Gebärdendolmetscherin. Irgendwann im Nachruf zitierte er auch den Zauberspruch aus Mary Poppins: Superkalifragilistikexpialigetisch. „Die Dolmetscherin hat gebärdet: Er redet Mist“, schmunzelt Jahn – so wie damals die gehörlosen Gäste kicherten. Manches ist leider schwer zu übersetzen. „Aber wenn Menschen bei einem Begräbnis gemeinsam lachen können, tut auch das den Teilnehmenden gut.“
Musik: zwischen Emotion und Verständlichkeit

Mag. Thomas Jahn, Sprecher und Nachrufredner in Ostösterreich. www.thomas-jahn.at ©www.fotoshooting-wien.at
Auch Musik kann man nicht übersetzen, nur beschreiben. Oder Geräusche. Eine Witwe erzählte Thomas Jahn: „Immer, wenn ich gekocht habe, hat mein Mann den Radiosender verstellt, bis das Gerät krachte und grammelte.“ Beim Begräbnis passierte es dann: Die selbstgebrannte CD mit dem letzten Lied war nicht „abgeschlossen“ – das Audio-CD-Laufwerk im Verabschiedungsraum konnte das nicht lesen, stattdessen krachte und grammelte es unerträglich. „Ich glaube, Ihr Mann ist gerade beim Arrangeur gestanden und hat ihm den Sender verstellt“, kommentierte Jahn das Hoppala und nahm ihm damit die Schärfe. Es wurde gelacht – und mit allen anderen lachte auch die Witwe.
Musik kann Erinnerungen wachrufen, trösten und Gemeinschaft schaffen. Drei von hundert Begräbnissen werden bewusst in Stille begangen, schätzt Jahn. Sonst wählen Angehörige Musik vom Bestatter oder bringen eigene Musik mit. Nur die Rede mit Musik zu hinterlegen, dagegen wehrt sich der Nachrufsprecher: „Im Interesse schlecht hörender Trauergäste.“ Musik erschwere nicht nur das Verstehen, sondern lenke auch die Aufmerksamkeit ab. Das gelte ebenso für Fotopräsentationen: „Alle schwelgen dann in Erinnerungen und die Aufmerksamkeit gegenüber dem Gesprochenen geht verloren.“ Sonst sieht der Nachrufsprecher bei der persönlichen Gestaltung eines Begräbnisses aber kaum Grenzen.
Damit Zeit für das Wesentliche bleibt
Die Angehörigen würden zwar oft gerne „moderne Inhalte in ein Begräbnis einbinden“, erzählt Jahn, dann aber Bedenken äußern: „Dass sich die Leute im Ort dann nicht den Mund über mich zerreißen!“ Er sieht darin aber eine Parallele zum oft schamhaften Umgang mit Einschränkungen. „Eine Angst, über die eigene Bedürfnisse zu sprechen und zu sagen: Das brauche ich.“ Dabei ist das gerade beim Begräbnis so wichtig: Oft genügt eine kleine Adaption, damit alle Trauergäste gleichermaßen teilnehmen und Abschied nehmen können.
In Österreich liegen zwischen Todesfall und Begräbnisfeier meist nur drei bis 14 Tage. Statt der Frage: „Was tut uns gut? Wie können alle mitmachen?“ beschränke sich die Vorbereitung dann oft auf die Gestaltung der Parte, warnt Jahn. Er rät: Wenn ein Todesfall absehbar ist, sollten Angehörige sich neben dem Abschied vom Sterbenden auch frühzeitig mit der späteren Verabschiedungsfeier beschäftigen. Sogar über die Wünsche für das eigene Begräbnis nachzudenken, sei sinnvoll. Denn wer rechtzeitig plant, kann auch vorsorgen, dass dann alle am Abschied gut teilhaben können.
„Sich näher trauen ist das Einfachste!“
Gäste haben meist wenig Einfluss, wie akustisch barrierefrei ein Begräbnis oder eine andere Veranstaltung vorbereitet wird. Der professionelle Redner Thomas Jahn ermutigt Menschen mit Höreinschränkung: „Ich kann trotzdem proaktiv Entscheidungen treffen, damit ich den Ablauf nicht nur gut sehe, sondern auch gut höre.“
- Rechtzeitig kommen: Geistliche sind vor einer Zeremonie nicht immer für Gäste erreichbar, viele Sprecher:innen oder Moderator:innen sind aber schon 30 Minuten vorher da. „Fragen Sie noch vor Beginn den Begräbnisleiter: Wir sind drei oder vier Personen, die schlecht hören. Was dürfen wir machen, damit wir besser verstehen?“, ermutigt Jahn. „Dann kann ich als Sprecher Rücksicht nehmen, in die Richtung der Personen sprechen oder diese gegebenenfalls auch in eine vordere Sitzreihe bitten.“
- Verwendung von gewohntem und bewährtem Zubehör: Zum Beispiel ein Remote-Mikrofon – wie den AudioLink – könnte fast immer verwendet werden. „Aber es ist mir bei 3400 Begräbnissen noch nicht passiert, dass jemand so etwas mitgebracht hätte.“
- Vorne hinsetzen oder hinstellen: „Ich gehöre ja nicht zur Familie, ich bin ja nicht so wichtig“, argumentieren viele Gäste eine ungeeignete Platzwahl. Jahn ermutigt, mit höflichem Lächeln aber klarer Bestimmtheit auch übliche Vorgehensweisen zu durchbrechen: „Sich näher trauen ist das Einfachste und Billigste, was Leute tun können!“
Für besseres Verstehen, volle Teilhabe und mehr Gemeinschaft.

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