Warum Störschall bei CI-Nutzer:innen in der Logopädie unverzichtbar ist

Umgebungslärm wird in der Logopädie als Störschall bezeichnet und bei Nutzer:innen von Cochlea-Implantaten gezielt eingesetzt: bei Hörtests ebenso wie bei den Hörübungen.    

Eva Kohl

CI-Nutzerin Gabi beim Üben im ZENTRUM HÖREN © Philipp Hicker

„Im Sommer gehe ich am liebsten in einen nahen Schanigarten. Dort ist das Hörtraining Hardcore: Dort fahren die Straßenbahn, der Bus und die Autos. Dort hört man die Schüler:innen vor der nahen Schule und die Gespräche an den Nachbartischen. Wenn man Glück hat, fährt auch noch ein Polizeiauto mit Tatü-Tata vorbei“, erklärt Anna Stenzel, BSc., Logopädin im ZENTRUM HÖREN in Wien. „Und wir sitzen bei einem Kaffee und üben in dieser wahnsinnigen Umgebung die ganz normalen Hörübungen.“  

Verstehen im Störschall lässt sich auch in der Logopädie-Praxis oder zuhause üben – zum Beispiel mit einer simulierten Geräuschkulisse: „Ich spiele zum Beispiel Kaffeehaus-Geräusche von YouTube über den Lautsprecher des Computers ab“, erzählt die Expertin. „Einseitig betroffene CI-Nutzer:innen setzen sich mit ihrer guten Seite zum Computer und ich spreche die Übungssätze auf der CI-Seite.“ 

Anna Stenzel ist Logopädin im ZENTRUM HÖREN, dem Servicecenter von MED-EL. © Philipp Hicker

Verschiedene Methoden üben! 

Beide Settings trainieren vor allem die sogenannte binaurale Funktion des Hörens im Störschall: Hörsysteme geben Schall etwas verändert und leicht verzögert weiter. Deswegen ist nach einer Hörversorgung auch das gezielte Rehabilitieren dieser Funktion sinnvoll.  

Doch was, wenn der Radiosprecher über Hintergrundmusik moderiert? Dann kommen Nutz- und Störschall aus derselben Audioquelle, oft ohne deutliche Stereotrennung – Sprachverstehen erfordert dann vor allem Klangmustererkennung.  

Auch das kann man gezielt üben: zum Beispiel mit Trainingsprogrammen wie AudioLog, die auch Übungen mit Störgeräuschen anbietet. Mit Hörbüchern mit Hintergrundgeräuschen. Oder man setzt sich beim Üben so, dass Störschall – vom Radio oder vom offenen Fenster – und Übungssätze aus derselben Richtung kommen. 

Die Hörschwelle bei asymmetrischem Hörverlust messen 

Die Ruhehörschwelle mit einem Cochlea-Implantat oder einem anderem Hörsystem wird mittels Aufblähkurve ermittelt: Dabei kommen leise Audiometrietöne vom Lautsprecher. Beidseits versorgte CI-Nutzer:innen nehmen dabei das CI oder Hörsystem am anderen Ohr ab oder schalten es aus. Hört das Gegenohr aber auch ohne Hörhilfe noch mit, würde das Ergebnis verfälscht.  

„Als wir vor 25 Jahren mit der Cochlea-Implantation begonnen haben, hatten wir nur beidseitig massiv hörgeschädigte CI-Patient:innen“, erinnert sich Max Schlögel, Leiter der Logopädie/Audiologie an der HNO-Universitätsklinik St. Pölten. „Da war das kein Thema. Jetzt betreuen wir schon seit vielen Jahren asymmetrisch schwerhörige CI-Patient:innen. Bei ihnen ist die Messung nur sinnvoll, wenn wir das besserhörende Gegenohr vertäuben.“ Dazu wird über Kopfhörer am besseren Ohr ein spezielles Rauschen oder simuliertes Sprachgewirr appliziert. Das Testsignal kommt wie gewohnt vom Lautsprecher. 

Max Schlögel leitet die Logopädie/Audiologie an der HNO-Universitätsklinik St. Pölten. © UK St. Pölten

Bei CI-Nutzer:innen mit einem Hörgerät und geschlossenem Ohrpassstück am Gegenohr reicht es oft schon aus, dieses Gerät abzudrehen und das Ohrpassstück im Ohr zu belassen: „So erreichen wir eine akustisch-mechanische Vertäubung.“  

Vertäubt wird übrigens auch beim klassischen Tonaudiogramm zur Ermittlung der Ruhehörschwelle, wenn beide Ohren unterschiedlich gut hören. Andernfalls würde das Testsignal vom getesteten, schwächeren Ohr über den Schädelknochen ans andere Innenohr übertragen und dort etwas leiser mitgehört – das Ergebnis wäre verfälscht.   

Störschall beim Sprachtest 

Um das Sprachverstehen im Alltag besser einschätzen zu können, wird ein Hörtest mit zusätzlichem Störschall via Lautsprecher angeboten. „Dabei findet bei uns der sogenannte OLSA-Test, der Oldenburger Satztest, mit zusätzlichem Störschall Verwendung“, erklärt Max Schlögel. Eines der beiden Signale bleibt bei bei fixer Lautstärke. Die Lautstärke des anderen Signals wird so angepasst, dass die Testperson genau 50 Prozent versteht. Als Ergebnis gibt man den so ermittelten Lautstärkeunterschied zwischen Sprache und Störschall an. 

Je nach Anordnung der Lautsprecher – ein Lautsprecher für beide Signale, oder Nutz- und Störschall um 90 oder 180 Grad versetzt – werden unterschiedliche Hörleistungen erfasst: vorwiegend Klangmustererkennung oder auch binaurale Störschallunterdrückung. 

„Vor 25 Jahren waren wir froh, wenn CI-Patient:innen beim schwierigen Einsilbertest in Ruhe 50 Prozent verstanden haben“, erinnert sich Max Schlögel. Moderne CI-Technologie habe das wesentlich verändert: „Jetzt haben wir oft CI-Patient:innen, die in Ruhe bis zu 90 Prozent Sprachverstehen erreichen.“ Mit dem sogenannten OLSA-Sprachtest mit Störschall kann der Leiter der Logopädie auch bei diesen Patient:innen noch weitere Verbesserungen beim Sprachverstehen nachweisen.  

Hören mit nur einem Cochlea-Implantat gezielt üben 

CI-Nutzer:innen möchten vielfach das Hören mit nur einem CI-System gezielt üben. Dazu nehmen sie eine Hörhilfe vom anderen Ohr ab. Wer am anderen Ohr auch ohne Hörhilfe mehr oder minder gut hört, kann Übungssequenzen vom Computer oder Smartphone – zum Beispiel über Bluetooth – direkt in den Audioprozessor einspeisen. Die CI-erfahrene Logopädin Stenzel warnt aber: „Ich merke bei Klient:innen, die überwiegend so üben, dass sie sich in realen Hörsituationen oft sehr schwertun.“  

Das hörende Ohr beim Üben mit Kopfhörer und Rauschen zu maskieren, ist sie vorsichtig: „Laut mancher Fachliteratur ist auch das mit Vorsicht zu genießen.“ Sie selbst bietet betroffenen Klient:innen deswegen für das guthörende Ohr Oropax an und zusätzlich Lärmschutzkopfhörer. „Oder Oropax und mit dem Finger nachdrücken.“ So können Betroffene – mit Übungspartner:in oder Übungsmaterial aus dem Lautsprecher – auch mit kontralateral normalhörendem Ohr das CI-Ohr gezielt trainieren.

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