Großes Kino beginnt im Ohr: Ein Streifzug durch die Filmgeschichte
Film ist ein visuelles Medium. So heißt es zumindest gern. Doch wer einmal „Der weiße Hai“ ohne seine berühmten zwei Töne gesehen hätte, „Psycho“ ohne die schneidenden Streicher oder „Star Wars“ ohne John Williams’ Fanfaren, würde schnell merken: Kino beginnt im Auge – aber es entfaltet seine ganze Wirkung erst im Ohr.
Birgitt Valenta

Shark Dorsal Fin Above Calm Blue Ocean Water Surface with Reflection under Sunny Sky
Seit den frühen Tagen des Tonfilms erzählen Musik, Stimmen, Geräusche und Stille eine zweite Geschichte unter den Bildern. Sie verraten uns, was wir fühlen sollen, bevor wir überhaupt wissen, warum. Sie lassen Räume größer, Gefahren näher und Erinnerungen lebendiger erscheinen. Und manchmal erzählen sie sogar mehr als das Bild selbst.
In mein Gedächtnis haben sich viele Filme und Szenen eingebrannt, die nicht nur von ihren Bildern leben, sondern von einer Melodie, einer Stimme, einem Geräusch – oder von einer Stille, die plötzlich alles verändert.
Manchmal genügen wenige Töne und ein ganzer Film ist wieder da. Man sieht vor dem inneren Auge eine Landschaft, eine Liebesgeschichte oder gar etwas außerhalb dieser Welt, obwohl man gerade nur Musik hört. Genau darin liegt für mich eines der großen Wunder des Kinos: Wir sehen einen Film – aber wir erinnern uns an ihn oft über das Hören.
Zwei Töne – und er ist da
Kaum ein Film zeigt das genialer als Der weiße Hai. John Williams braucht nur zwei Töne, um den Hai entstehen zu lassen. Eigentlich könnte man sagen: Der Hai ist die Musik. Solange das berühmte Motiv erklingt, wissen wir, dass er da ist – auch wenn wir ihn gar nicht sehen. Ohne Musik kein Hai, ohne Hai keine Musik: So einfach und so brillant kann Filmerzählen sein.
Alfred Hitchcock wusste das ebenso gut. Bernard Herrmanns Musik zu Vertigo – Aus dem Reich der Toten zieht uns in einen Strudel aus Sehnsucht und Obsession. In Psycho wiederum werden die schrillen Streicher der Duschszene zu einem akustischen Schock, der sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Das Messer sehen wir. Der eigentliche Schrecken sitzt im Ohr.
Auch 2001: Odyssee im Weltraum wäre ohne seine Musik ein völlig anderer Film. Die klassischen Werke geben dem All Größe und etwas beinahe Feierliches. Milos Formans grandiose Mozart-Verfilmung Amadeus zeigt Musik als etwas beinahe Überirdisches. Mozarts Werke sind hier nicht bloß Begleitung, sondern Ausdruck von Genie, Leidenschaft und Neid. Gerade durch Salieris Perspektive wird hörbar, wie tief Musik einen Menschen treffen kann – von Bewunderung bis hin zu Verzweiflung und Besessenheit. Ganz anders Der Pate: Nino Rotas melancholisches Hauptthema lässt Macht, Familie, Verlust und Schicksal in wenigen Takten miteinander verschmelzen. Der Klang erzählt, was die Figuren oft verschweigen. Und bei Star Wars genügen wenige Takte von John Williams, um eine ganze Galaxie heraufzubeschwören.
Wenn wenige Takte genügen
Manche Filmmusiken funktionieren wie eine akustische Visitenkarte: Ein paar Töne reichen, und sofort entsteht die ganze Filmwelt im Kopf. Welche fallen einem wohl sofort ein: Harry Potter, Mission: Impossible, Indiana Jones, Jurassic Park, James Bond, Rocky und so weiter und so fort.
Emotionen pur
Es gibt Filmmusik, die für mich noch etwas anderes kann: Sie trifft einen Punkt, an dem Kino plötzlich ganz persönlich wird. The Way We Were – So wie wir waren gehört dazu. Barbra Streisands Stimme und Marvin Hamlischs Musik tragen eine Melancholie in sich, die fast wehtut. Die Musik erzählt von zwei Menschen, hervorragend gespielt von Streisand selbst und dem unvergesslichen Robert Redford, die sich lieben und sich trotzdem verlieren – unsagbar romantisch und traurig zugleich.

Jenseits von Afrika ist nicht nur wegen seiner grandiosen Musik einer der makellosesten Filme aller Zeiten ©MCA
Ganz ähnlich empfinde ich Jenseits von Afrika. John Barry entfaltet mit seiner großen und weiten Musik eine Landschaft auch akustisch. Über den Bildern der afrikanischen Landschaft entsteht nicht nur für die beiden großartigen Darsteller Meryl Streep und (wieder) Robert Redford ein Gefühl von Freiheit, Sehnsucht und Vergänglichkeit. Wenn die Musik anhebt, wird aus dem Gesehenen Erinnerung. Große Filmmusik kann genau das: dem Bild eine Seele geben.
Und dann ist da The Mission. Für mich einer jener Filme, bei denen Musik und Film vollkommen untrennbar sind. Das Thema Gabriel’s Oboe gehört für mich zu den schönsten Melodien, die je für einen Film geschrieben wurden – vielleicht überhaupt zu den schönsten Melodien. Ennio Morricone vereint darin Spiritualität, Hoffnung, Traurigkeit und unglaubliche Schönheit. Wenn die Oboe erklingt, braucht es keine Erklärung, da spürt man einfach nur Überwältigung.
Ein viel zu später Oscar für den Besten seines Fachs: Ennio Morricone hat Filmmusik für die Ewigkeit geschaffen. © APAweb / Reuters, Mike Blak
Morricone ist für mich ohnehin der Größte seines Fachs: In Spiel mir das Lied vom Tod macht er die Mundharmonika zu einem Schicksalsmotiv; in Cinema Paradiso verwandelt er das Kino selbst in Erinnerung, Liebe und Sehnsucht. Ähnliche Emotionen weckt das Gangster-Epos Es war einmal in Amerika. Bei Morricone begleitet Musik nie einfach nur ein Bild. Sie scheint zu wissen, was darunter verborgen liegt.
Wenn Musik das Unsagbare trägt
Auch Das Leben ist schön berührt mich gerade durch den besonders schwierigen Spagat zwischen Leichtigkeit und unermesslicher Tragik. Nicola Piovanis Musik bewahrt etwas Zärtliches, fast Kindliches, während sich die Geschichte immer weiter verdunkelt. Sie versucht nicht, das Grauen größer zu machen. Sie hält vielmehr die Liebe zwischen Vater und Sohn fest. Inmitten des Unfassbaren bleibt stets etwas Warmes und Menschliches – nicht zuletzt durch den unvergleichlichen Roberto Benigni, der die Vaterrolle verkörpert und auch Regie führte.
Schindlers Liste geht einen anderen Weg. John Williams und Itzhak Perlmans Violine geben der Erinnerung eine zutiefst wehmütige Stimme, die zurückhaltend und zugleich erschütternd ist. Manche Musik drängt sich nicht auf. Sie bleibt – lange nachdem der Film vorbei ist.
Auch Titanic wäre für mich ohne James Horners Musik kaum derselbe Film. Wir kennen das Schiff, die Liebesgeschichte, den Untergang. Doch die Musik verbindet all das zu Erinnerung, die bleibt: Sie trägt die Weite des Ozeans, das Glück der ersten Liebe und zugleich das Wissen um den Verlust in sich. Ein paar Takte genügen, und die ganze Geschichte ist wieder da.
Ein Lebensgefühl zum Hören
Dass Musik Lebensgefühl sein kann, zeigt Kino seit jeher. Im Weißen Rössl ist dafür ein wunderbar und zutiefst österreichisches Beispiel – und für mich gehört der große Peter Alexander hier unbedingt dazu. Niemand wird jemals die Rolle des Oberkellners Leopold besser verkörpern können, mit seiner unverwechselbaren Stimme prägt er das Wohlfühlkino der Nachkriegsjahre ebenso wie die Melodien selbst.
Und hier lassen die 80er grüßen: Dirty Dancing macht Musik zu Bewegung, Freiheit und Aufbruch. Der Coming of Age-Klassiker The Breakfast Club wiederum ist ohne Simple Minds’ Don’t You (Forget About Me) kaum vorstellbar. Und für die Teenies der 80er darf natürlich die französische Jugendromanze La Boum nicht fehlen. Ein einziges Lied, das die Erinnerung an ein ganzes Jahrzehnt Erwachsenwerden wachruft. Ein paar Takte Reality genügen – und die erste Liebe, Sophie Marceau und die berühmten Kopfhörer, die einen intimen Raum zwischen zwei Menschen schaffen, sind sofort wieder da. Ein Filmmoment, den eine ganze Generation im Ohr behalten hat.
Etwas später im Jahre 2011 erschafft Drive mit seinem famosen Soundtrack, gespickt mit elektronischen Songs und Synthesizern, eine kühle, nächtliche Welt rund um Hauptdarsteller Ryan Gosling, die trotzdem überraschend emotional ist.
Wenn das Ohr zum Ermittler wird

Das Leben ist schön/ La vita è bella: Unendliche Tragik und erfrischende Komik: Roberto Begnini schafft diesen scheinbar unmöglichen Spagat und die Musik vervollständigt diese Meisterleistung der Filmgeschichte. © Mary Evans Picture Library / Imago
Hören im Kino bedeutet noch weit mehr als Musik. In Francis Ford Coppolas Der Dialog wird das Zuhören selbst zur Obsession. Ein Abhörspezialist versucht, aus einer aufgezeichneten Unterhaltung Wahrheit herauszufiltern. Jedes Wort, jedes Rauschen, jede Betonung kann entscheidend sein. Brian De Palmas Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren macht ein aufgenommenes Geräusch sogar zum Schlüssel eines möglichen Verbrechens. Das Ohr wird hier zum Ermittlungsinstrument.
Im Horrorfilm ist dieser Effekt besonders stark. Paranormal Activity braucht oft kaum mehr als ein Knacken oder ein Geräusch, das durch die tiefe Frequenz nur unterbewusst wahrgenommen wird, damit sich Anspannung ausbreitet. A Quiet Place macht Hören sogar zur Überlebensfrage. Plötzlich bekommt jeder Atemzug, jedes Rascheln, jeder versehentliche Laut existenzielle Bedeutung. Stille ist hier nicht die Abwesenheit von Ton. Sie ist selbst Teil der Erzählung.
Ganze Welten aus Klang
Wie radikal Klang einen Film strukturieren kann, zeigt Koyaanisqatsi. Philip Glass’ repetitive Musik bestimmt Rhythmus und Wahrnehmung der Bilder und wird fast zur eigentlichen Erzählerin. Vangelis gibt Blade Runner mit seinen elektronischen Klängen jene melancholische Zukunft, die den Film unverwechselbar macht. Und in Interstellar verschmelzen Hans Zimmers monumentale Orgelklänge, technische Geräusche, Atem und Stille zu einem Klangraum, den man beinahe körperlich spürt.
Bei Der Herr der Ringe erschafft Howard Shore ganze Welten über musikalische Themen. Völker, Landschaften und Figuren bekommen ihren eigenen Klang. Ähnlich unmittelbar funktioniert Fluch der Karibik, dessen Musik von Klaus Badelt Abenteuer und Tempo fast schon in die DNA des Films schreibt.
Und manchmal genügt ein einziges Thema, um ein ganzes Leben zu erzählen. In Pixars Oben begleitet Michael Giacchinos Musik die Geschichte von Carl und Ellie durch Liebe, Alltag, Verlust und Erinnerung. Kaum Dialog und trotzdem versteht man alles.
Man kann wegsehen. Aber kann man weghören?
Einer der eindringlichsten neueren Filme über die Macht des Hörens ist für mich The Zone of Interest. Der Film zeigt den Alltag einer Familie neben dem KZ Auschwitz und verzichtet weitgehend auf direkte Bilder des Grauens. Doch die Tonspur lässt es permanent präsent sein: Schüsse, Schreie, Motoren und industrielle Geräusche dringen aus dem Off in die scheinbare Normalität. Das Entscheidende geschieht akustisch außerhalb des Bildes. Man kann wegsehen. Weghören ist geradezu unmöglich.
All diese Filme – und es sind nur ein paar wenige Beispiele – zeigen für mich, wie unverzichtbar das Hören eines Filmes mit seiner Musik, seinen Klängen ist. Wir hören Atmosphäre, Nähe, Stimmen, Stimmungen und Zwischentöne. Musik kann Erinnerungen wecken. Ein Geräusch kann alarmieren, eine Melodie trösten, eine Stimme berühren. Und das bewusste Wahrnehmen von Stille kann manchmal mehr erzählen als jedes gesprochene Wort.
Gerade deshalb hat dieses Thema auch für Nutzer:innen von Cochlea-Implantaten eine besondere Bedeutung. Denn Hören bedeutet Teilhabe – an Gesprächen und im Alltag, aber auch an Musik, Film, Emotion und gemeinsamen kulturellen Erinnerungen. Kino führt uns vielleicht besonders schön vor Augen – und vor Ohren, wie reich diese Welt des Klangs sein kann.
Wenn die Tage im Herbst wieder kürzer werden und es uns häufiger in den Kinosaal zieht, lohnt sich beim nächsten Film vielleicht ein kleines Experiment: nicht nur genauer hinsehen, sondern auch bewusster hinhören. Denn manche der schönsten Kinomomente sieht man nicht. Man hört sie.
In diesem Sinne: einen klangvollen Kinoherbst und viele Momente, die nicht nur ins Auge, sondern auch ins Ohr gehen.

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